Die Herausforderungen sind gewaltig

Seit 2011 ist Ueli Stückelberger ­Direktor des Verbandes öffentlicher Verkehr (VöV) und von Seilbahnen Schweiz (SBS) in Bern. Der SBS, ­präsidiert vom freiburgischen ­Nationalrat Dominique de Buman, wurde unter Stückelbergers Leitung stark professionalisiert.

GastroJournal: Braucht die Schweiz nicht einen Masterplan Bergbahnen, wie ihn Heinrich Michel von den Flumserbergbahnen schon vor Jahren gefordert hat und wie ihn das Wallis jüngst erarbeitete, aber kaum realisieren kann, weil laut dem Kanton Wallis die Mittel dafür fehlen?
Ueli Stückelberger: Eine berechtigte Frage, die aber nicht nur isoliert auf die Bergbahnen zu beantworten ist, sondern umfassender betrachtet werden muss: für mich ist die entscheidende Frage: Was ist der Stellenwert des alpinen Raums als Freizeit- und Erholungsraum fürs ganze Land? Die Bergbahnen sind dabei sehr wichtig. Eine Betrachtung nur der Bergbahnen greift aber zu kurz. So glaube ich nicht, dass man die Bergbahnen nur nach betriebswirtschaftlichen Kriterien vergleichen und bewerten kann, denn auch volkswirtschaftliche Kriterien fallen ins Gewicht. Anders gesagt hat ein grosses Bahnunternehmen in einem Wintersportort eine ganz andere Bedeutung als eine ‹isolierte› Bahn in einer Region, wo es kaum andere touristische Leistungserbringer hat – wenn so eine Bahn verschwindet, ist dies zwar sicher auch ein Verlust, der aber letztlich für die lokale Volkswirtschaft von geringerer Relevanz ist.

«In der Wahrnehmung sind die Bergbahnen ein Service public»

Also machen alle Regionen weiter mit ihrer Flucht nach vorn: Freiburg, Tessin und wohl auch die Waadt verstaatlichen, Uri bürgt in Andermatt, die Weis-se Arena macht die Beschneiung zum Service public, und vom Torrenthorn bis ins Diemtigtal wird abgeschrieben und neues Geld zusammengekratzt?
Ich sage nicht, dass es keinen Handlungsbedarf gibt, im Gegenteil. Hinsichtlich Tourismuspolitik oder NRP wäre es wünschenswert, wenn der Bund eine nationale Sicht hätte und gewisse inhaltliche Vorgaben machen würde, beziehungsweise Beurteilungskriterien bekannt wären, wie er es in anderen Bereichen selbstverständlich tut. Die Branche hat im Rahmen des Schweizer Tourismus-Verbandes auch öffentlich Alarm geschlagen und das Gespräch mit dem Bund betreffend den alpinen Tourismus gesucht. Aber ‹Masterplan› klingt zu absolut, und gerade in der Schweiz können wir nicht alles über einen Leisten schlagen. Hingegen wäre ein nationales Bewusstsein über die Bedeutung des Alpinen Raums sehr wichtig.

«Die Bahnen sind ­vielerorts zu wichtig,um zu scheitern»

Wollen die Bergbahnen einen Plan?
Ein grosses Thema ist es nicht. Unsere Mitglieder haben genug individuelle Herausforderungen in ihren Regionen zu bewältigen. Die Branche erwartet aber, dass man sie gerade beim Bund nicht isoliert wahrnimmt, sondern im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang. So kann eine Bergbahn als Freizeitangebot zum Beispiel sehr wohl auch einen positiven Einfluss haben auf die Standortattraktivität von Aggloräumen. So haben auch die wirtschaftlich starken Städte wie Zürich und Zug starken Nutzen davon, dass es in den Alpen ein sehr grosses Freizeitangebot gibt. Dies macht diese Zentren als Arbeitsplätze sehr attraktiv.

Systemisch ist alles in Ordnung?
Der zuständige Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat am letzten Tourismus Forum Schweiz sinn­gemäss gesagt, mit dem Schweizer Tourismus sei alles in Ordnung. Da wird eine Problematik schön­geredet, nämlich die Situation ­betreffend den alpinen Tourismus, wo auch gut aufgestellte Unternehmen nicht zuletzt wegen der Frankenstärke Probleme haben. Auf Bundesebene fehlt eine Einschätzung der Erwartungen und Anforderungen im Zusammenhang mit dem alpinen Raum. Dass der Bund mehr Verantwortung übernimmt, war jahrzehntelang nicht notwendig – denn die Zahlen gingen mehr oder weniger ständig nach oben. Aber verschiedene Rahmenbedingungen entwickeln sich in den letzten Jahren derart ungünstig, dass der Bund längerfristig nicht darum herumkommen wird, hier auch eine gewisse Verantwortung zu übernehmen, beziehungsweise sich eine Zielvorstellung zu erarbeiten.

Aber der Bund betreibt seit jeher keine Tourismuspolitik, Interventionen wie in der Schweizer Landwirtschaft oder wie im Tourismus in Südtirol oder Österreich sind undenkbar.
Wir tun so, als könnten wir überall im Schweizer Tourismus von unseren Erträgen allein leben. Dabei ist das insgesamt längst nicht mehr so, und zwar nicht nur bei den Bahnen, sondern auch im Gastgewerbe. Viele Betriebe leben entweder von der Substanz oder sind auf Mäzene oder Subventionen angewiesen, ob nun in Form von Darlehen, Abschreibung und Kapitalaufstockung oder Leistungsvereinbarungen. Darüber zu sprechen, fällt den Unternehmen aber schwer: Man will nicht als Jammerbranche wahrgenommen werden, und man will grundsätzlich auch keine Subvention. Dies verhindert eine Gesamtsicht. Das wiederum kommt der Politik gelegen. Die Herausforderungen sind aber gewaltig, wenn wir an die Tourismusabhängigkeit, die Einbrüche und die Perspektiven im alpinen Raum denken.

Die Bergbahnen sind in vielen Regionen ohnehin bereits zum Service public ­geworden.
Ich möchte einen Vergleich machen: Als ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Private die Eisenbahnen ­finanzierten, war nicht vorgesehen, dass der Staat schon nach wenigen Jahrzehnten eingreifen und das System aufrechterhalten müsse. Das kostet die Öffentlichkeit immer noch viel, ist aber eine grosse Stärke der Schweiz, hat eine grosse volkswirtschaftliche Bedeutung und ist grundsätzlich unbestritten. In der Wahrnehmung der Kundschaft sind die Bergbahnen ebenfalls längst ein Service public, was sich zum Beispiel bei den öffentlichen Diskussionen um die Bergbahnpreise zeigt. Bei den Bergbahnen hat man aus unternehmerischer Sicht zwar kein Interesse an einer solchen Entwicklung, aber aus Sicht der Regionen sieht das anders aus. Die Bahnen sind vielerorts schlicht zu wichtig, um zu scheitern – der regionale Schaden wäre enorm.

«Wir leben vonder Substanz oder von Subventionen»

Also warten wir, bis es richtig knallt?
Es wird nicht richtig knallen in der Tourismusbranche. Es knarrt und ächzt und man sucht und findet im Einzelfall Lösungen. Hin und wieder wird unter grösstem Druck hier und dort vielleicht etwas zerrieben.

Und wir schauen einfach zu?
Die Unternehmen tun, was sie können, und die Branche hat massiv reagiert, versucht die Politik zu sensibilisieren und wird es sicher auch weiter tun. Aber letztlich geht es um hochpolitische Entscheide über die Struktur und Besiedelung unseres Landes, die klare politische Führung verlangen. Und wenn sich der Bund diesbezüglich nicht bewegt, können auch einzelne Kantone oder Bundesämter nichts ausrichten.

Ein Aufruf an den Bundesrat?
In der Regel bewältigen wir in der Schweiz Herausforderungen, indem wir uns zusammensetzen und ernsthaft nach Lösungen suchen. Dazu fehlt auf höchster Ebene offensichtlich betreffend den alpinen Tourismus noch die Bereitschaft.

Apropos: Olympische Winterspiele 2026 in der Schweiz?
Wenn man das gut vorbereitet und weitgehend auf bestehende Infrastrukturen setzt, ist es eine Chance für die olympische Idee und eine Chance für die Schweiz, sich international zu positionieren und dem Wintersport einen Schub zu geben. Mir würde eine Kandidatur ‹Schweiz› vorschweben, mit Austragungsorten in allen Landesteilen. Die Schweiz hat den grossen Vorteil, dass praktisch sämtliche Infrastrukturen vorhanden sind. Aber Olympische Spiele lösen sicher nicht einfach alle aktuellen Probleme des alpinen Tourismus.

Ist der Wintersport noch zu retten?
‹Alles fährt Ski› ist vorbei und europaweit sind wir nicht mehr in einem Wachstumsmarkt. Aber das heisst nicht, dass der Wintersport und die Bergbahnen verschwinden. Wir müssen hier differenzieren, und die Unternehmen tun dies, indem sie längst nicht mehr nur auf die Pisten und die Wochen um Weihnachten setzen. Wir werden künftig zwar insgesamt weniger Volumen als früher haben. Aber einerseits verfügen wir in der Schweiz gegenüber den Nachbarländern mit den höher gelegenen Skigebieten und den vergleichsweise kurzen Anfahrtswegen über Trümpfe, die ein Pistenvergnügen auf hohem Niveau weiterhin ermöglichen werden.

«Letztlich geht es um hochpolitische Entscheide»

Skifahren macht immer noch Freude. Dies sieht man auch an den Rückmeldungen von Jugendlichen, die Gelegenheit für ein Schneesportlager bekommen. Zudem sind die Bretter nicht alles. Ähnlich wie im Freibad: Früher reichte das Becken und ein Sprungbrett, heute steht eine breite Palette von Aktivitäten zur Verfügung, zum Beispiel Rutschbahnen und Beachvolleyfelder. Die Wintersportgebiete sind in einem Wandel, und sie machen sich Gedanken darüber, was sie anbieten können und wo die Kundschaft bereit ist, Geld auszugeben.

 

Auch dieser Winter ist nicht mehr zu retten


Die laufende Wintersaison ist die dritte in Folge, die schlecht begonnen hat – und in der wenig auf­zuholen ist. Dies zumal Ostern heuer spät im April angesetzt ist und die Bevölkerung trotz vielleicht bester Schneeverhältnisse ab März Frühlingsgelüste hegt.

Der schlechte Saisonstart hat sich in Zahlen niedergeschlagen, die Seilbahnen Schweiz (SBS) im Rahmen eines Monitorings regelmässig ermittelt und veröffentlicht: Im Fünfjahresvergleich lagen die Frequenzen bis Ende Dezember 17 Prozent unter dem Mittel, und bei den Umsätzen waren es 14,7 Prozent unter dem Schnitt. Bis zum Wintereinbruch vor zwei Wochen half nur etwas: Beschneiung.