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Wirtschaft und Politik sind seit jeher die Steckenpferde dieses Politikers, der derzeit seine zweite Legislaturperiode in Bern verbringt. Als Sohn eines Bankdirektors ist es nicht erstaunlich, ihn heute an der Spitze der Waadtländer Immobilienkammer (cvr) zu finden. Er trägt seine zwei Hüte mit Leidenschaft und versteht sich als Sprachrohr der Betriebe. Offen für die Anliegen der Hotellerie-Restauration, gehört er zu den Westschweizer Politpersönlichkeiten, die sich für die Branche einsetzen. Insbesondere unterstützt er die Initiative «Stop der Hochpreisinsel – für faire Preise».

GastroJournal: Sie sind vor über 20 Jahren in die Politik eingestiegen. Hat sich die Art und Weise, Politik zu betreiben, seit Ihren Anfängen stark gewandelt?
Olivier Feller: Als ich in den Waadtländer Grossrat gewählt wurde, hatte ich keine E-Mail-Adresse, keine Internetseite, keinen Fax und kein Mobiltelefon. In den letzten zwanzig Jahren entwickelten sich die Kommunikationsmittel massiv weiter, was auch die Art, Politik zu betreiben, stark beeinflusste. Man muss heute viel schneller reagieren, Fragen sofort beantworten, ohne dabei in die Tiefe gehen zu können. Gleichzeitig entwickelten sich die sozialen Netzwerke, und jeder kann heute sagen, was er möchte und wann er möchte. Filter oder Formansprüche entfallen. Die Entwicklung der Kommunikationsmittel ist unglaublich. Gleichzeitig änderte sich aber auch die Vorgehensweise beim Ausüben von Staatsgeschäften – und Falschmeldungen entstanden, die «fake news».

«In unserem Land ist jede Entscheidung das Resultat einer Allianz»

Auch die Hotellerie- und Restaurationsbranche ist davon stark betroffen…
Ganz genau. In der Hotellerie beispielsweise reservieren die Leute ihr Zimmer so gut wie nicht mehr via Reisebüro. Die digitale Entwicklung verändert die Beziehung zwischen dem Gastgeber und seinem Gast völlig. Heute kann jeder Kunde viel einfacher sagen, wie er über einen Betrieb denkt. Mit einer negativen, nicht gerechtfertigten Bewertung kann der Ruf eines Restaurants leiden, selbst wenn der Betrieb eine erstklassige Leistung erbracht hat. Ich wiederhole: Die Filter entfallen, man kann irgendwas sagen, und dies zu jedem Zeitpunkt.

Die Leute neigen ebenfalls dazu, sich bei Take-aways zu verpflegen und auf der Strasse zu essen. Wir schaffen es je länger, desto weniger, uns zum Essen Zeit zu nehmen. Wenn ausserdem ein Konsument einen Salat bei einem Takeaway kauft, wird dieser nur mit 2,5 Prozent MwSt. belastet. Wenn er hingegen denselben Salat in ­einem Restaurant isst, ist ein MwSt.-Satz von 8 Prozent fällig. Das bei der Verpflegung geltende MwSt.-System ist unzusammenhängend und benachteiligt die Fachleute der Restauration. Doch die Vorteile der Restaurants werden immer der Service, das Lächeln, ein kurzer Austausch, die Gemütlichkeit des Ortes und demzufolge die Gastfreundschaft sowie das Ambiente sein. Das sind sehr wichtige Punkte, die dem Res-taurateur ermöglichen, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die gesamte Branche ist von dieser ­Problematik betroffen. Unternimmt die Politik genug, um das Gastgewerbe zu unterstützen?
Der Tourismus übt einen starken Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft aus. Mit über 200 000 Angestellten gehört das Gastgewerbe zu den wichtigsten Arbeitgebern. Aber der Sektor birgt auch Eigenheiten. So können die angebotenen Dienstleistungen und die Arbeitsstellen nicht ausgelagert werden. Bei den eidgenössischen Räten haben die Verfechter der Marktwirtschaft manchmal Mühe, diese Besonderheit zu verstehen. Im Grossen und Ganzen ist jedoch eine Verbundenheit zum Tourismus auszumachen.

Sind Sie für den Tourismus sensibilisiert?
Ich bin ein Liberaler aus Überzeugung und nicht aus ideologischen Gründen. Der Liberalismus ist ein Mittel, um den Wohlstand einer Gemeinschaft zu garantieren, und soll nicht zum Selbstzweck werden. Im Tourismusbereich sind pragmatische Regeln vorstellbar. Es ist zum Beispiel normal, dass die öffentliche Hand in einige Infrastrukturen investiert, welche die Entwicklung des Tourismus fördern. Ausserdem wird im Parlament demnächst über den Mehrwertsteuersatz bei der Beherbergung debattiert. Heute wird der Satz, der bei 3,8 Prozent liegt, alle drei oder vier Jahre verlängert, was zu einer gewissen Unsicherheit führt. Überlegungen, ihn dauerhaft im Gesetz zu verankern, werden geführt.

Wie kann diese Botschaft den anderen Ratsmitgliedern klar gemacht werden?
Zum Glück ist in der Schweiz ein Dialog im Parlament noch möglich, ganz im Unterschied zu Frankreich, wo Mehrheit und Opposition aneinandergeraten. In unserem Land ist jede Entscheidung, und sei sie noch so unbedeutend, zwingend das Resultat einer Allianz, die je nach Thematik variieren kann. Deshalb müssen dauernd Verbündete gesucht werden, um sich für die Branche einsetzen zu können.

«Mit dieser Initiative erreichen wir eine viel breitere Allianz»

Die Branche verspricht sich für die Zukunft viel von der Initiative «Stop der Hochpreisinsel – für faire Preise»…
Zuvor sprach ich über die Wichtigkeit von Verbündeten in der Politik. Bei dieser Initiative gefällt mir, dass sie sowohl von Abgeordneten, die der Geschäftswelt nahestehen, als auch von Konsumentenverbänden unterstützt wird. Denn oftmals vertreten diese beiden Lager entgegengesetzte Ansichten. Mit dieser Initiative erreichen wir eine viel breitere Allianz, und das ist sehr motivierend. Dieses Problem betrifft mehrere Wirtschaftssektoren, insbesondere das Gastgewerbe, das sich nicht immer importierte Produkte zu fairen Preisen besorgen kann. Die Initiative will, dass der Bund den Betrieben die Freiheit garantiert, im Ausland hergestellte Güter zum landesüblichen Preis zu erstehen, ohne einen «Schweizer Zuschlag» bezahlen zu müssen. Dies wäre sowohl für die Betriebe als auch die Konsumenten, die ­Restaurations- oder Hotelgäste, vorteilhaft.

Sind die Reaktionen diesbezüglich positiv?
Ja, ich gehe davon aus, die benötigten 100 000 Unterschriften zusammenzubringen. Bei der Wahl könnten allerdings zwei Hindernisse auftreten. Das Ziel der Initia-tive zu präsentieren ist einfach, den ­Initiativtext zu erklären stellt sich jedoch als komplizierter heraus. Denn dieser formuliert, um den Missbrauch von Marktmacht einiger Unternehmen einzudämmen, Vorschläge zur Änderung der bestehenden Verfassungsregelung. Auch werden wir den Vertretern ausländischer Unternehmen die Stirn ­bieten müssen, die weiterhin in ­ihren Schweizer Filialen Produkte aus dem Ausland bei uns zu Schweizer Preisen verkaufen.

Welche für die Branche relevanten ­Themen werden in den kommenden Monaten unter der Bundeshauskuppel besprochen?
Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats, bei der ich Mitglied bin, wird sich mit der dauerhaften Verankerung des MwSt.-Sondersatzes für Beherbergungsdienstleistungen im Gesetz befassen müssen. Eine Mehrheit der Kommission ist der Ansicht, dass eine solche Massnahme getroffen werden muss, eine Minderheit vertritt die Meinung, dass dieser Sondersatz periodisch erneuert werden soll. Dies wird demzufolge eine wichtige Debatte sein. Ein anderes Thema betrifft die Problematik von Airbnb. Der Bundesrat kam kürzlich zum Schluss, es gebe keine Notwendigkeit zum Handeln, die Kantone könnten sich dem Thema selber widmen. Ich bin der Meinung, es besteht Handlungsbedarf, das Phänomen muss eingeschränkt werden. Eine Idee wäre, die Akteure um einen Tisch zu vereinen, um eine Art Abkommen zwischen den vom Bundesrat anerkannten Vereinigungen abzuschliessen.

«Das Hôtel de Ville in ­Crissier bringt die Gastro­nomie zum Leuchten»

Abschliessend eine kulinarische Bemerkung. Im Kollektivbewusstsein haben die Westschweizer nicht selten einen stärker ausgeprägten Sinn für die Gastronomie als die Deutschschweizer. Ist dies der Fall?
Die kulinarischen Kulturen sind ein bisschen verschieden. In Italien wird nicht auf die gleiche Art gegessen wie in Deutschland, und in Lausanne wiederum anders als in Schaffhausen. Dies, obwohl es auf beiden Seiten der Saane sehr angesehene Restaurants gibt. Was vielleicht das Bild verfälscht, ist der Ruf des Restaurants Hotel de ­Ville in Crissier. Dieser Betrieb, der über ein Spitzenniveau verfügt und wahrscheinlich das bekannteste Restaurant der Schweiz ist, verleitet das Gefühl, die Westschweizer seien mit der Kochkunst stärker verbunden. Aber ich glaube, dass dieser Betrieb die Restauration zum Leuchten bringt und alle gastronomischen Restaurants und die Gastronomie im ganzen Land nach oben zieht.

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