Als Branche die Talsohle durchschritten

Casimir Platzer stammt aus einer Hoteliersfamilie und leitet mit seiner Frau Muriel den elterlichen Betrieb: das Belle Epoque Hotel Victoria samt Restaurant Ritter in Kandersteg. Nach einer klassischen Matur hatte Platzer die Hotelfachschule Lausanne absolviert und unter anderem die Blausee-Betriebe geleitet. Der perfekt mehrsprachige Vater zweier erwachsener Kinder engagiert sich bereits seit 1989 verbandspolitisch. Er war Präsident von GastroBern und auch des Hotelier-Vereins Berner Oberland, und 2014 wurde er Präsident von GastroSuisse. Seither hat er es unter anderem geschafft, das Bild des Gastgewerbes in der Öffentlichkeit zu verbessern und die politische Kraft der Branche zu erhöhen – zuletzt mit der Einreichung der Fair-Preis-Initiative.

GastroJournal: Herr Platzer, wie geht es dem Schweizer Gastgewerbe?
Casimir Platzer: Wirtschaft, Währung, Wetter – diese drei W sind für unsere Branche entscheidend. Auch wenn im Einzelnen differenziert werden muss zwischen der Entwicklung in den Städten oder im ländlichen und alpinen Raum, so haben wir seit Geraumem grundsätzlich Grund zu vorsichtigem Optimismus.

«Wirtschaft, Währung und Wetter sind für unsere Branche entscheidend»

Es scheint sich zu bestätigen, dass wir als Branche insgesamt die Talsohle durchschritten haben. Die Wirtschaftslage

in den EU-Ländern ist besser, der Franken ist schwächer und das Wetter, für viele der entscheidende Faktor, spielte sowohl im letzten Sommerhalbjahr wie auch zu Winterbeginn erfreulich gut mit. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen,

dass wir unverändert vor grossen Aufgaben stehen: in der ganzen Branche ist der Kostendruck hoch, der Fachkräftemangel beschäftigt uns ebenso sehr wie in den umliegenden Ländern und der Kampf für optimale Rahmenbedingungen geht weiter.

Was ist zu tun?
Unsere Branche ist im Wandel. Gesellschaftliche Veränderungen und technologische Einflüsse – die Digitalisierung – schlagen sehr schnell durch. Unsere Mitglieder sind stark gefordert, ihre Angebote immer wieder auf das veränderte Konsumverhalten auszurichten und für sich selber neue Chancen zu erkennen. Ich denke dabei zum Beispiel an das wachsende Geschäftsfeld von Food Delivery. Wichtige weitere Stichworte sind Handwerk, Herkunft und Hausgemachtes – quasi der Gegentrend zu Globalisierung und Technologisierung. Die permanente Beschleunigung zeigt sich auch im Tourismus: es herrscht eine hohe Dynamik, Buchungen erfolgen immer kurzfristiger, Aufenthalte werden tendenziell kürzer. Musste man früher bereits im Sommer für die Weihnachtstage buchen, so waren heuer auch in Topdestinationen noch kurzfristig Hotelzimmer verfügbar. Die Angebote werden zunehmend der Nachfrage angepasst und Preise sind in Bewegung, so wie es uns die Fluggesellschaften schon lange vormachen. Eine grosse Herausforderung bleibt die gastgewerbliche Kostenstruktur. Geeignete Kooperationen sind vielfach ein gangbarer Weg, um Synergien stärker zu nutzen und Kosten einzusparen, ohne dass die Dienstleistungsqualität leidet. So gibt es neben grossen System- und Kettenbetrieben immer mehr auch erfolgreiche kleinere Gruppenbildungen und Kooperationen unabhängiger Betriebe mit einem positiven Effekt auf deren Kostenstruktur.

Die Unternehmen sind zum Handeln gezwungen. Was macht der Verband?
Zusätzlich zu unserem bewährten Beratungs- und Dienstleistungsangebot mit neuen Tools auch auf dem Web sind wir mit Priorität daran, die geldwerten Vorteile für unsere Mitglieder auszubauen: Mit unserem Partner BS Payone zusammen haben wir Anfang 2017 Top-Konditionen für den bargeldlosen Zahlungsverkehr ausgehandelt. 

«Wichtige Stichworte sind Handwerk, Herkunft und Hausgemachtes»

Inte­ressierte Mitglieder, die noch nicht davon profitieren, sollen sich unbedingt mit unserer Geschäftsstelle in Verbindung setzen! Weitere Themen, an denen wir derzeit arbeiten, betreffen den Versicherungsbereich und attraktive Einkaufsmöglichkeiten. Kooperationen im Interesse des Mitgliedernutzens sind vor diesem Hintergrund wichtiger denn je. Im Bereich der Aus- und Weiterbildung geht es darum, die Reform der gastgewerblichen Berufe voranzutreiben, um den Berufsnachwuchs für unsere Branche noch besser zu begeistern.

Und politisch?
Politisch betreiben wir ein starkes Lobbying, um die Brancheninte­ressen in Bundesbern wahrzunehmen. In den Reihen der National- und Ständeräte finden sich keine Hoteliers oder Gastronomen, die ein Auge auf die Branchentauglichkeit der Entscheidungen haben und ihre Expertise einbringen könnten. Umso wichtiger ist das wirtschaftspolitische Engagement des Verbandes. Durch ein politisches Frühwarnsystem werden alle neuen Vernehmlassungen, Gesetzesvorlagen und Parlamentsvorstösse beo­bachtet und bewertet. Dies ermöglicht eine proaktive Einflussnahme auf die Entscheidungen. Wichtig ist auch die Pflege des Netzwerkes zu den Parlamentariern, der Bundesverwaltung und zu den Medien. Vor jeder Parlamentssession besprechen wir die gastgewerblich und touristisch relevanten Dossiers sowie die politischen Anliegen unserer Branche mit der Parlamentarischen Gruppe Gastgewerbe. In jährlichen Spitzentreffen mit allen Fraktionsparteien der Bundesversammlung wird der Austausch über die politische Agenda verstetigt. Auf diesem Weg setzen wir uns ein für eine KMU-freundliche Gesetzgebung, eine liberale Arbeitsmarktpolitik, gleich lange Spiesse beim Wettbewerb und weniger Regulierungskosten.

Konkret?
Was die Verbesserung der Kostenstruktur und den Wettbewerb angeht, so spielt die Fair-Preis-­Initiative (FPI) eine zentrale Rolle. Sie wurde am 12. Dezember erfolgreich eingereicht. Die Sammelaktionen der Kantonalverbände an zwei nationalen Sammeltagen haben massgeblich dazu beigetragen, und wir haben unsere Initiativ­fähigkeit erneut unterstrichen. Es ist zur Zeit erfreulich zu hören, dass der Bund gegen die Hochkosteninsel Schweiz Massnahmen ergreifen will, stossend ist jedoch, dass auf staatliche Handelshemmnisse gezielt wird, die den Bund und damit die Steuerzahler in der Regel viel Geld kosten werden, während gegen private Handelshemmnisse nichts unternommen wird. Das Parlament hätte noch die Möglichkeit, etwas zu bewegen, das nicht nur den Schweizer Unternehmen, sondern auch den Konsumenten zugutekommen und die Wertschöpfung in der Schweiz erhöhen würde. Unsere FPI erhöht nun den Druck. Dank dieser Initiative wird es wohl das Stimmvolk richten, falls die Politik nicht will. Was mich beschäftigt, ist der schwierige Zugang unserer Branche zu finanziellen Mitteln. Wer heute in die Erneuerung oder einen Neubau investieren will, hat häufig ein Finanzierungsproblem. Insbesondere in der alpinen Hotellerie sind Investitionen oftmals nur dann möglich, wenn man ein Bauprojekt querfinanzieren kann oder einen Geldgeber im Rücken hat, der nicht allein auf den Ertragswert schaut. Es kann nicht sein, dass sich ausländische Mäzene, welche Substanzwerte in Schweizer Franken schätzen, Rosinen aus dem gastgewerblich-touristischen Angebot picken, während hiesige Unternehmen ihre Investitionen kaum finanzieren können. Es ist unverständlich, dass die Politik nichts wissen will von einem Fonds zugunsten von mehr Infrastrukturförderung.

Und die Bereiche Gesetzgebung und ­Regulierung?
Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) beschäftigt uns weiterhin sehr stark! Es ist stossend, dass zur Festlegung der Arbeitslosenquote alle gastgewerblichen Berufe undifferenziert in einen Topf geworfen werden und das Bundesamt für Statistik nicht einmal zwischen Fach- und Hilfskräften unterscheidet! Wer einen «Chef de Partie» sucht, kann keinen «Casserolier» brauchen. Insofern ist es auch im Interesse der Behörden, dass der Bund eine brauchbare Nomenklatur schafft, zumal das technisch lösbar und finanziell machbar wäre. Nicht im Interesse von Behörden und RAV ist die Einteilung der Arbeitssuchenden nach ihrer letzten Tätigkeit. Wer zuletzt und nur für kurze Zeit im Gastgewerbe gearbeitet hat, ist noch keine gastgewerbliche Fachkraft. Die

Verwaltung und die Ämter vor Ort müssen erheblich nachbessern, damit der Arbeitslosenvorrang nicht zur teuren Alibiübung ohne Wirkung und Nutzen wird. Bei der Gesetzgebungen gilt es ganz grundsätzlich auf der Hut vor Überbordung zu sein. So behalten wir etwa das Alkoholgesetz im Auge, die Präventionspolitik sowie die Bestrebungen

in einigen Kantonen, eine Zuckersteuer einzuführen. Für grosses Unverständnis sorgte 2017 das Thema der gesetzlichen Mindestlöhne, wie sie verschiedene Kantone beschlossen respektive vorbereitet haben. Sie stellen die bewährten sozialpartnerschaftlichen Gesamtarbeitsverträge in Frage und schwächen diese unnötig. Besonders störend und äusserst fragwürdig ist, dass alle vom Bundesrat allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge nunmehr durch eine

kantonale Regelung ausgehebelt werden könnten. Darüber hinaus sind gesetzliche Löhne wohl auch kaum im Interesse der Arbeitnehmerorganisationen, wird dadurch doch ihr Daseinszweck in Frage gestellt. Ebenfalls kein Verständnis haben wir für die No-Billag-Initiative. Den Tourismusgebieten in den Berg- und Randregionen sowie den Sprachminderheiten droht bei Radio und Fernsehen ein verheerender Kahlschlag durch die Initiative.

«Wer seinen "Chef de Partie" sucht, kann keinen "Casserolier" brauchen»

Statt Kosten einzusparen, müssten unsere Mitglieder noch tiefer in die Tasche greifen, um ihren Gästen Sport- und Unterhaltungsprogramme aus dem teuren ausländischen Pay-TV zu zeigen. Wir empfehlen ein deutliches NEIN zu «No Billag» am 4. März 2018. Betroffen gemacht haben mich 2017 die verhärteten Fronten im Parlament in der Debatte um die Altersvorsorge 2020. Bei der dringenden Sicherung der Sozialwerke brauchen wir nun unbedingt mehrheitsfähige und tragfähige Lösungen.

«Wir empfehlen ein deutliches NEIN zu "No Billag" am 4. März»

Die erste und zweite Säule zu trennen, scheint mir hier richtig, ebenso die Flexibilisierung des Rentenalters und das Bemühen, Unternehmen nicht mehr bei den Sozialabgaben zu bestrafen, wenn sie ältere Arbeitnehmende beschäftigen. Das Gastgewerbe ist diesbezüglich vorbildlich, werden doch Jung und Alt im Rahmen eines solidarischen Modells gleich behandelt; ein Beispiel, das der Politik als Vorbild dienen könnte.

Früher war es selbstverständlich, politische Positionen aus dem Gastgewerbe und dem Gewerbe zu übernehmen…
Hoteliers und Wirte haben in der Schweizer Politik lange Zeit wichtige Rollen gespielt. Dass wir zwischendurch Terrain eingebüsst haben, hat auch damit zu tun, dass wir – aus Sorge, Gäste zu verärgern und gar zu verlieren – vielfach geschwiegen haben. Dabei wäre es wichtig, sich auch auf lokaler und regionaler Ebene einzubringen, so wie wir das auf kantonaler und nationaler Ebene mit einigem Erfolg tun. Wir haben mit Ruedi Ulmann in Appenzell Innerrhoden einen Regierungsrat. In vielen Kantonsparlamenten sitzen gastgewerbliche Vertreter. Und nicht auszuschliessen, dass es in absehbarer Zeit vielleicht sogar eine Bundesrätin mit Wurzeln im Gastgewerbe gibt, wer weiss.

Sind Sie also zuversichtlich?
Unsere Arbeit trägt Früchte, und wir bleiben auch im Jahr 2018 dran. Mit der Anfang 2017 neu besetzten operativen Leitung von GastroSuisse und den neuen Verbandsstatuten haben wir solide Grundlagen für eine erfolgreiche Zukunft geschaffen. Mit entschlossener Lobbyarbeit wollen wir auch 2018 die Rahmenbedingungen für unsere Branche verbessern. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit soll wesentlich zum Erfolg beitragen. Mit attraktiven neuen Angeboten werden wir die GastroSuisse-Mitgliedschaft aufwerten. Unser erklärtes Ziel ist es zudem, verstärkt Akzente im Mitglieder- und Branchen­- marketing zu setzen. Im Zusammenhang mit dem Berufsnachwuchs ist es mir ein besonderes Anliegen, dass wir noch verstärkt Perspektiven aufzeigen können und damit letztlich auch gegen den Fachkräftemangel ankämpfen. Wir wollen daran arbeiten, bei den Jungen vermehrt die Begeisterung für unsere schöne Branche zu wecken und ihnen zu zeigen, dass wir es nicht nur mit Köchen und Serviceangestellten zu tun haben, sondern auch mit eigentlichen Gästeunterhaltern und Künstlern eines wertvollen Handwerks. In diesem Sinne freue ich mich auf ein spannendes und gutes 2018!

 

 

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