Andermatt steigt in eine neue Liga auf

Die Tristesse aus der Vergangenheit, als Andermatt von der Armee verlassen wurde und vor einer ungewissen Zukunft stand, hat das beim Gotthard-, Furka- und Oberalppass gelegene Dorf definitiv abgestreift. Das zeigt sich an der Einwohnerzahl, die in den letzten zehn Jahren von gut 1200 auf rund 1500 gestiegen ist. Die Zahl der touristischen Arbeitsplätze ausserhalb der Hotellerie beschränkte sich hauptsächlich auf die Skiarena und betrug rund 100, heute sind im Winter jeweils 900 und ganzjährig 500 Angestellte beschäftigt. Der Boom im Ort schafft auch Stellen für Schreiner, Gipser oder Elektroinstallateure. «Die Bevölkerung hat von den Projekten eigentlich nur profitiert, entsprechend ist die Stimmung unter den Einheimischen grundsätzlich positiv. Klar gibt es auch einzelne Kritiker, die keine Fans von touristischen Grossprojekten sind», sagt Stefan Kern, PR- und Kommunikationsleiter bei Andermatt Swiss Alps.

Andermatt Swiss Alps ist eine Tochtergesellschaft der 2008 gegründeten, börsenkotierten Unternehmensgruppe Orascom mit Samih Sawiris (62) als Verwaltungsratspräsidenten. Diese Andermatt Swiss Alps AG wird ab dem 1. Januar 2020 von Raphael Krucker geleitet. Erinnern wir uns: Sawiris besuchte 2005 auf Einladung der Urner Regierung das Urserntal und wurde gefragt, was man daraus machen könnte. Sawiris entwickelte sehr schnell ein für die Schweiz beispielloses touristisches Mega-Projekt, kaufte Land, suchte Investoren und profitierte davon, dass seine Pläne als schweizweite Ausnahme nicht der Lex Koller unterstanden, weil Bern der Ansicht war, das Urserntal brauche Unterstützung.

3500 Betten in zehn Jahren geplant
Die vor 14 Jahren gestellte Frage um Andermatt ist beantwortet: In der Heimat von Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi stehen 1500 Hotelbetten zur Auswahl (in der Vor-Sawiris-Zeit waren es rund 1000). Laut Kommunikationsleiter Kern soll die Bettenzahl in den nächsten zehn Jahren auf rund 5000 ansteigen. Kürzlich eröffnete mit dem Radisson Blu das erste von vier neuen Hotels. Dem Vier-Sterne-Haus mit 179 Zimmern sind mit den Gotthard-Residenzen 100 Eigentumswohnungen angegliedert. Das Glück: Ihre Baupläne sind vor der Annahme der Zweitwohnungsinitiative entstanden. «Insgesamt sind rund 400 Ferienwohnungen und 27 Villen geplant», sagt Kern. Seit über zwei Jahren steht die Villa des Schaffhauser Unternehmers Giorgio Behr im neuen Ortsteil von Andermatt. Für 2020 ist ein Familienhotel geplant und die Hotelprojekte Nummer drei und vier sollen in den nächsten Jahren realisiert werden.

Wer den Retortenort El Gouna am Roten Meer – ebenfalls ein Projekt von Orascom und Sawiris – kennt, weiss, dass der Ägypter gesamtheitlich und nicht nur in Betten denkt: Ende Juni 2019 eröffnete zwischen dem Radisson Blu und den Gotthard-Residenzen eine Konzerthalle, die 650 Personen und ein 75-köpfiges Orchester fasst. Mehrere Klassik- Festivals und monatliche Konzerte werden nun das Andermatter Kulturleben bereichern. Der Saal dient allerdings in erster Linie Kongressen, denn das Radisson liebäugelt mit Einnahmen aus dem MICE-Segment. Möglich sind im Saal auch Galadinners für bis zu 400 Personen. Im Radisson ist ein Hallenbad mit einem 25-Meter-Schwimmbecken untergebracht, das der Öffentlichkeit und somit Schulklassen offensteht. Rund um die neue Piazza Gottardo mit ihren frisch gepflanzten Bäumchen, die sich vor dem Haupteingang des Radisson Blu befindet, sind neue Restaurants, Bars, Cafés und Läden entstanden. Das Investitionsvolumen von Andermatt Swiss Alps, bei dem auch Bernhard Russi im Verwaltungsrat sitzt, beträgt insgesamt 1,8 Milliarden Franken.

Andermatt ist mit Sedrun verbunden
Am Ortsrand von Andermatt befindet sich statt dem Waffen- ein 18-Loch-Golfplatz, der sich bis nach Hospental ausdehnt und zum Besten der Schweiz ausgezeichnet wurde. Ebenfalls beeindruckend präsentieren sich die Investitionen im Skitourismus. Kern begründet: «Wir brauchen ein attraktives Sommer- und Winterangebot.» Seit Dezember 2018 sind die Skigebiete von Andermatt und Sedrun verbunden. In einem nächsten Schritt erfolgt die Erweiterung Richtung Disentis. «Wir haben acht Jahre geplant. Nach langen Verhandlungen, auch mit Umweltschutzorganisationen, haben wir dreieinhalb Jahre gebaut. Nun ist fast alles fertig. Die Investitionen im Skigebiet inklusive Beschneiungsanlagen, Pisten und neuen Restaurants betragen zusätzlich rund 130 Millionen Franken», informiert Kern weiter. Über 120 Pistenkilometer und 22 Anlagen gehören zum Angebot.

Auf dem gut 2300 Meter hohen Gütsch soll Mitte Dezember 2019 ein Gourmetrestaurant mit einem Spitzenkoch eröffnen. Laut Recherchen des «GastroJournals» ist das der Österreicher Markus Neff (56). Das zweite Restaurant in der Umgebung des einstigen Militärgebiets wird von der Chedi-Crew rund um Dietmar Sawyere betrieben. Er ist Chef des «The Japanese» im Hotel Chedi. Das Restaurant ist mit einem Michelin-Stern und 16 GaultMillau-Punkten dekoriert. Zum Gütsch hoch fährt eine moderne Gondelbahn, welche den noch mit Holzlatten ausgerüsteten Sessellift abgelöst hat. Investor dieser modernen Bahn: Samih Sawiris.

Die Strahlkraft des Hotels Chedi sorgt dafür, dass eine neue, internationale und vermögende Klientel Ferien in Andermatt verbringt.

Das Zimmer gibt es ab 550 Franken
Mittendrin, auf dem Grundstück des ehemaligen Grandhotels Bellevue, steht das von Kommunikationsleiter Kern als «Leuchtturmprojekt» bezeichnete Hotel Chedi. Es eröffnete im Dezember 2013 und gehört schweizweit zu den luxuriösesten Hotels. Rund 300 Millionen Franken (inklusive den angrenzenden Residenzgebäuden) kostete das Fünf-Sterne-Deluxe-Haus. Das Chedi besitzt eine Strahlkraft, «die eine neue, internationale und vermögende Klientel nach Andermatt bringt. Sie ist auch an einem Wohnungskauf interessiert». 123 Zimmer und Suiten stehen im Chedi zur Auswahl. Das Standardzimmer gibt es ab 550 Franken pro Nacht, die 330 Quadratmeter grosse Furka-Suite mit drei Schlafzimmern und privatem Spa kostet 15 000 Franken. Das Geschäft läuft: Laut eigenen Angaben beträgt die Hotelauslastung diesen August zwischen 80 und 100 Prozent, wobei die Wochenenden besonders stark sind. Schwächer zeigt sich die Belegung in den Zwischensaisons, im April/Mai sowie von Ende September bis November. Fast 50 Prozent der Gäste wohnen in der Schweiz, die Märkte Deutschland und Italien bringen es auf 25 Prozent, Grossbritannien, die USA und Russland auf 20 Prozent.

Das Hauptrestaurant «The Restaurant» mit seinen vier Atelierküchen und einer turmartigen, gekühlten Käsepräsentation bringt es auf 14 GaultMillau-­Punkte. Das erwähnte japanische Spezialitätenrestaurant und die «Wine & Cigar Library» vervollständigen das gastronomische Angebot. Das Spa mit Fitnesscenter und einem zwar schmalen, aber sehr langen Schwimmbecken dehnt sich auf 2400 Quadratmeter aus.

Ein neues  Chedi-Produkt: Bei der «Alpine Off Road Experience» ist der Gast im Willys  Militärjeep auf  versteckten Militärstrassen unterwegs. (Foto: Reto E. Wild)Obwohl das Chedi selbst schon eine Destination ist, sollten die Gäste die Umgebung von Andermatt entdecken. Noch bis zum 25. Oktober führt etwa die ­«Alpine Off Road Experience» zu versteckten und unbefahrenen Militärstrassen, wahlweise im Willys Militärjeep von 1951, in einem Toyota Tacoma oder in einem Porsche Macan. Die Kunden können wählen, ob sie an Militärgeschichte oder an der Natur interessiert sind. In der Umgebung gibt es acht Bergseen und über ein Dutzend Berghütten. Die Tremola – das längste Strassenbaudenkmal der Schweiz – überwindet im spektakulärsten Abschnitt auf einer Länge von vier Kilometern 300 Höhenmeter in 24 Kehren. Diese «Alpine Off Road Experience» inklusive Guide und Mittagessen kostet mit zwei Übernachtungen 1300 Franken.

Wem das noch immer zu wenig entschleunigend ist, kann ja mit dem langsamsten Schnellzug der Welt weiterreisen: Der Glacier Express hält auch in Andermatt Station – das Dorf hat im wahrsten Sinn des Wortes den Anschluss geschafft.

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