Aneinander vorbei zueinander

Was Publikationen zum Tourismus angehe, liessen sich «die wirklich originellen Beiträge an den Fingern einer Hand abzählen», klagt der römische Autor Marco d’Eramo einleitend in seinem eben auf Deutsch erschienen Wälzer «Die Welt im Selfie, eine Besichtigung des touristischen Zeitalters». Ein kühner, vielversprechender Satz, an dem d’Eramo grandios scheitert.

Es ist wenig Originelles an seinem Buch, vielmehr erscheint es als Rundumschlag eines überaus belesenen Denkers: Hocherhaben über den Niederungen des Alltags reiht er Fakten aneinander und zitiert andere Denker in unzähligen touristischen Zusammenhängen. Das ergibt zwar ein dichtes Werk zur Entwicklung des Tourismus in der Zeit und in den Gedanken der Menschen. Aber damit bleibt es leblos: dort lexikalisch in seiner Fülle, hier im Ton moralisch, ja über weite Strecken menschenverachtend – zynisch halt.

«Touristenbashing scheint der populärste Sport auf unserem Planeten zu sein – und zwar nach Strich und Faden», behauptet d’Eramo in seinem Buch (und schiebt mit Blick auf sein eigenes Buch in Klammern nach: «auch in diesem Essay»). Und in einem Interview, das er dem deutschen Spiegel gab, legte er nach: «Wir alle hassen Touristen». Das sind schreckliche Vereinfachungen und abgelutschte Phrasen, die nicht gewinnen, wenn der Autor von Aristoteles bis Adorno gigantische Geistesgrössen heranzieht und in touristische Kontexte klemmt.

Besonders irritiert, dass es nur Funktionen gibt: keine Arbeit und kein Schweiss von Köchen, Kellnern und Kurdirektoren; keine Lust und kein Genuss von Gästen. Als sei da irgendeine übergeordnete Kraft, die jenseits der Landschaften das Touristische geschaffen habe und ständig gestalte; als seien es irgendwelche Touristiker und Politiker, die das touristische Wirksame wie Legosteine zusammensetzten.

Auf mehreren hundert Seiten zum Tourismus taucht der Begriff des Gastes denn auch keine zehnmal auf. Und wo der Gast erscheint, ist er niemals der willkommene – obschon nicht nur im Tourismus, sondern auch in praktisch allen menschlichen Grundhaltungen der willkommene Gast zentrale Bedeutung hat und Bibeln füllt. Vielmehr nimmt d’Eramo, der mitten in Rom gleich beim Kolosseum lebt, den Gast buchstäblich auseinander: «Für die lokalen Tourismusunternehmer sind die Besucher weniger Gäste als vielmehr Zitronen, die man bis auf den letzten Tropfen und so schnell wie möglich auspressen muss.»

Aus Schweizer Sicht mag bezeichnend sein, dass kein Wort fällt zu Jost Krippendorf. Erich von Däniken hingegen kommt als Phantast ausserirdischer Touristen vor, aber nicht als krachend gescheiterter Hotelier und Freizeitparkpromotor. Gegen Ende des Buches räumt d’Eramo ein, in seiner Kritik liege «etwas Höhnisches und Grausames», und stellt einerseits in den Raum: «Wer wäre jemals in der Lage, Milliarden von Menschen eine alternative Verwendung ihrer Freizeit anzubieten ? Oder würde man vielleicht behaupten wollen, besser wäre, man hätte überhaupt keine Freizeit ?» Andererseits fragt er: «Was wäre, wenn der Tourist, nach allem Schlechten, das ihm nachgesagt, nach allen Schmähungen, die über ihn ausgeschüttet wurden, in Wahrheit einen positiven Beweggrund hätte ?» Aber die Fragen bleiben rhetorischer Spott, wenn da zu lesen ist: «Es liegt etwas Rührendes in der Zuversicht, der Besuch einer Stadt, eines Bauwerks, eines Landes könne uns geistig bereichern, uns besser machen.»

D’Eramo erkennt vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr: Er sieht zwar die Menschenmassen, die als Touristen unterwegs sind, stellt diese aber bloss – anstatt in den Zusammenhang einer globalen Freizeitgesellschaft, zu deren liebsten Freizeitbeschäftigungen das Reisen in fremde Länder zählt. Dabei zeigt gerade das Buch von d’Eramo, was es geschlagen hat und zu tun gibt – hier sei Voltaires ebenso liebenswürdiger wie unglücklicher Reisende Candide zitiert: «Man muss den Garten pflegen.» Die Menschen haben zum einen ein Zuhause, das touristisch sein mag. Und wie sich zurzeit von Barcelona bis Venedig erweist, bremsen die Menschen in zivilisierten Gesellschaften, wenn der Tourismus zu viel Fahrt aufnimmt. Und die Menschen sind zum anderen Touristen, die in nie gekanntem Ausmass reisen und damit eine der rentabelsten, vielfältigsten und attraktivsten Branchen befeuern. Um nun auch den Hegel hervorzuholen, liegt das Dialektische, die Zweischneidigkeit offen: Wie bewältigen wir die gigantischen und, zivilisierte Verhältnisse vorausgesetzt, weiter anschwellenden Reiseströme so, dass die Menschen als Gastgeber und Gäste zufrieden sein können?

Zu dieser Frage bräuchten wir Bücher, und sie dürften auch moralisch sein: Denn Tourismus ist seinem Wesen nach nicht nur gut im Sinne praktisch aller Glaubensbekenntnisse. Tourismus ist auch ökonomisch gut, um Wertschöpfung zu verteilen und zu schaffen: ein Traum, an einem schönen, fremden Ort schön zu essen; ein Traum, Fremden gastfreundlich eine Freude zu machen und dafür gutes Geld zu erhalten. Um Jost Krippendorf an dieser Stelle die verdiente Ehre zu geben: Neben dem Ausgleich, den die Bereisten zu den Reisenden schaffen müssen, um hüben und drüben taugliche Lebensgrundlagen zu erhalten, ist vorab in folgenden weiteren Bereichen teils dringender, teils radikaler Ausgleich gefragt:


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  • Die Spitzen im Tourismus, an denen namentlich die Transportsysteme bereits jetzt scheitern, müssen gezielt gebrochen und verteilt werden. Das erfordert ein sozusagen umfassendes Yielden: nicht nur beim Transportsystem, sondern vor allem auch in der Arbeitswelt und der Bildungslandschaft, die das System im Pendlerverkehr täglich zweimal kollabieren lassen.

  • Fossile Verbrennungsmotoren und mithin heutige Flugzeuge haben keine Zukunft, sind aber unverzichtbar fürs Funktionieren eines globalen Freizeit- und Tourismuszeitalters.

  • Menschen, die für Touristen arbeiten, müssen es sich selber auch leisten können, als Touristen in fremde Länder zu reisen. Auch das ist notwendig für das Funktionieren des Tourismus, wie Henry Ford es einst mit Blick auf Autos formuliert und seinen Angestellten genug bezahlt hat, um sich Autos zu kaufen.

Weil Tourismus freilich zentral mit Menschen zu tun hat und nicht mit Maschinen, ist es im Tourismus mehr als schwierig, über Massenproduktion und Automatisierung Kosten zu sparen und den Nutzen an die Menschen weiterzugeben. Ansätze, die dem Tourismus dienen könnten, aber auch den Menschen und den Lebensgrundlagen, sind etwa Finanztransaktionssteuern und Grundeinkommen. Aber das sind andere Grossbaustellen, zu denen es mit Tourismusbezug auch noch keine originellen Bücher gibt.

Das Buch: Die Welt im Selfie

Die Welt im Selfie» von Marco d’Eramo ist eben in Deutsch erschienen. Das Buch umfasst satte 362 Seiten, bringt eine Fülle von Daten und Stimmen und ist in gedruckter und digitaler Form beim Fachbuchverlag von GastroSuisse ­erhältlich. info(at)editiongastronomique.ch

 

 

 

 

 

 

 

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