«Bei uns multiplizieren sich die Probleme der kleinen Betriebe mal 40»

Rudi Bindella jr., wie gut schlafen Sie zurzeit?
Rudi Bindella:
Ich schlafe grundsätzlich nicht viel und arbeite sehr gerne. Die Sorgen trage ich mit mir, egal ob am Tag oder in der Nacht. Wir alle in der Branche sind gefordert. Als Gastronomen möchten wir für unsere Gäste und Mitarbeiter da sein. Der Bund hat uns nun aber dazu verdonnert, zu Hause zu bleiben. Diese Fesseln schlagen aufs Gemüt.

Was Sie in einem Inserat öffentlich machten.
Ja, es war die Idee meines Vaters, mit einem offenen Brief an den Bundesrat unsere Situation zu schildern. Wieder einmal habe ich von seiner enormen Erfahrung gelernt. Das Inserat hat die Branche aufgescheucht. Wir erhielten zudem viele positive Zuschriften von Konsumenten, die uns zeigen: Den meisten tut es leid, dass die Gastronomie geschlossen ist. Sie vermissen uns. Diese Solidarität aus der Bevölkerung und gar von Konkurrenten ist sehr schön.

Sie verantworten 44 Italien-Restaurants in 13 Städten der Schweiz. Wie geht es diesen Betrieben?
Sie sind alle geschlossen, bis auf die Lieferdienste an fünf Standorten mit Santa-Lucia-Betrieben. Das ist allerdings ein Tropfen auf den heissen Stein. Immerhin haben wir so einen Weg gefunden, ein neues Geschäftsfeld zu entwickeln und mit der Marke präsent zu bleiben.

Wie viel Umsatz haben Sie mit allen Restaurants im letzten Jahr gegenüber 2019 verloren?
Rund 70 Millionen Franken.

Bei Ihnen sind insgesamt 1300 Mitarbeitende beschäftigt. Wie viele der Arbeitsplätze sind in Gefahr?
Das ist sehr schwierig abzuschätzen. Wir wissen ja nicht einmal, ob wir ab dem 1. März wieder öffnen dürfen oder ob es erst im April oder Mai so weit sein wird. Und wenn die unsägliche Regelung mit der Sperrstunde um 19 Uhr kommt, verunmöglicht diese ein normales «Geschäften». Selbstverständlich versuchen wir, jeden Arbeitsplatz zu erhalten. Dazu hat der Bund mit der Kurzarbeit ein effektives Instrument geschaffen.

Der Bund hat zwar die Verlängerung des Berufsverbots für Gastronomen bis Ende Februar bekanntgegeben, gleichzeitig aber auch die Hilfe für Härtefälle ausgebaut. Wie zufrieden sind Sie damit?
Die Details sind noch nicht klar. Kommt es tatsächlich zu einer Deckelung von 750 000 Franken, wäre das für unser Unternehmen und andere grosse Familienbetriebe viel zu wenig. Um uns mit dem Rössli und dem Bären zu vergleichen, müsste jede unserer Filiale als einzelner Betrieb betrachtet werden.

Wie gehen Sie denn nun damit um?
Wir haben uns an GastroSuisse gewandt, und zwar bereits vor der Bundesratssitzung, die am 13. Januar zu einer weiteren Verschärfung der Massnahmen und eine Verlängerung des Gastro-Lockdowns bis Ende Februar führte. Das Problem ist, dass wir im Parlament zu wenig Gehör finden, obwohl GastroSuisse-Präsident Casimir Platzer auch beim Bundesrat gute Beziehungen hat. Klar ist, wir müssen ein Interesse an einer gesamtschweizerischen Lösung haben.

Werden einige Ihrer Restaurants Take-away betreiben? Dann ist unklar, ob ein Restaurantsbetrieb automatisch Anspruch auf Härtefall-Entschädigung hat.
Von Ausnahmen abgesehen, ist es für Gastronomen nicht möglich, damit ein interessantes Geschäftsfeld zu betreiben. Für viele ist es nur eine Notlösung, um die Mitarbeiter zu beschäftigen und sich in Erinnerung zu rufen. Wir wollten das nicht, weil wir uns nicht nur als Betrieb zum Essen sehen. In einer Pizzaschachtel haben Sie nun mal nicht das gesamte Ambiente, das einen Restaurantbesuch attraktiv macht.

Im Kanton Bern müssen Sie als Betrieb einen erneuten Antrag stellen, um an die Härtefallhilfe zu kommen, in anderen Kantonen nicht. Wie lange rechnen Sie, bis Sie staatliche Unterstützung erhalten?
Ich kann nur spekulieren: wahrscheinlich dauert es bis Anfang März. Wenigstens ist die Bedingung mit dem Umsatzrückgang von mindestens 40 Prozent aufgehoben worden. Im Kanton Zürich sind das sogar 50 Prozent, was ein absoluter Witz ist, denn insbesondere kleinere Gaststätten gehen bei diesem Minus Konkurs. Dass die Auszahlung so lange dauert, ist der Nachteil unseres politischen Systems. In Deutschland oder Österreich beschliesst die Kanzlerin respektive der Kanzler, bei uns sieben Bundesräte. Sie müssen aufpassen, dass nicht zu viele Betriebe kaputt gehen, weil alles zu lange dauert.

Kritiker sagen, dass die Familie ­Bindella genug Geld habe und nicht wirklich Hilfe brauche.
Die Annahme, dass uns wegen unserer Grösse nichts passieren kann, ist falsch. Bei uns multiplizieren sich die Probleme der kleinen Betriebe mal 40. Das ist massiv viel Geld. In einem Monat Lockdown verlieren wir 10 bis 15 Millionen Franken Umsatz. Das können wir mit Kurzarbeit auffangen. Nur macht das nur 40 Prozent des gesamten Kostenblocks aus. Die anderen 60 Prozent Ausgaben sind damit nicht abgedeckt. Es ist sehr schwierig, die Öffentlichkeit für unsere Herausforderung zu sensibilisieren. Ich möchte auch nicht als Jammeri dargestellt werden. Es macht den Anschein, dass uns zuerst etwas passieren muss, bis die Leute merken, mit welchen Problemen wir kämpfen müssen. Von uns sind 1300 Arbeitsplätze plus Zulieferer und ihre Familien abhängig. Wenn der Staat uns verordnet, dass wir schliessen müssen, dann muss er auch den Schaden tragen. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in der Schweiz passiert und es das Ausland ist, das uns den Weg aufzeigt.

Wie zufrieden sind Sie denn mit der Politik des Bundesrats in dieser Krise?
Ich bin kein Experte, um seine Arbeit zu beurteilen. Ich weiss nicht, ob ich in der gleichen Position den besseren Job gemacht hätte. Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst.

Was machen Sie nun bis Ende Februar?
Bis anhin waren wir vor allem operativ beschäftigt, jetzt geht es darum, uns in der Öffentlichkeit bemerkbar zu machen, wie etwa mit dem angesprochenen Inserat. Im Bereich Weinhandel, der rund ein Drittel zum Gesamtumsatz beiträgt, überlegen wir uns, wie wir mit neuen Ini­tiativen in die Offensive gehen können. In der Gastronomie ist kein Strategiewechsel angezeigt, wir waren vor den Lockdowns erfolgreich unterwegs. Wichtig ist, dass zu gegebener Zeit wieder Leben in die Städte zurückkommt.

Wie oft werden Ihnen Betriebe zum Verkauf angeboten?
Bis jetzt ist das noch nicht vorgekommen, obwohl vielen das Wasser bis zur Nase steht. Doch Schweizer sind zurückhaltend und melden sich erst, wenn es zu spät ist. Beim Verband melden sich einige Betriebe, doch sie wollen anonym bleiben. Für uns wäre es ein schwieriger Zeitpunkt, Restaurants zu übernehmen, weil wir auf uns schauen müssen, um die Krise so gut wie möglich zu überstehen.

War Streik für Sie unvorstellbar?
Ziviler Ungehorsam, also Betriebe zu öffnen, obwohl es nicht erlaubt ist, war für uns nie eine Option. Denn wir leben noch immer in einem Rechtsstaat und halten uns an die Gesetze. Wir müssen unsere Interessen über die uns zur Verfügung stehenden Mittel durchsetzen, eben mit Inseraten und Verbandsarbeit. Die Krise zeigt, wie wichtig GastroSuisse gerade in schlechten Zeiten ist. Deshalb freut es mich, dass unser Geschäftsleitungsmitglied Daniel Müller als Präsident von GastroZürich kandidiert. Es ist wichtig, dass sich auch starke Leute wie er für die Interessen der Branche einsetzen. Als Unternehmen haben wir das auch so vorgelebt, denn wir hatten immer alle Betriebe geöffnet, sobald das vom Bundesrat erlaubt war. Damit haben wir zum Beleben der Städte beigetragen.

Chef über 1300 Mitarbeitende
Rudi Bindella jr. (43) ist der älteste Sohn von Rudi Bindella und hat im April 2018 die operative Leitung für die Geschäftsbereiche Gastronomie, Marketing und HR übernommen. Der Ökonom leitet das Familienunternehmen mit 1300 Mitarbeitenden seither zusammen mit seinem Vater. Rudi Bindella jr. ist Vater von zwei Töchtern.

www.bindella.ch

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