Biedermänner und Brandstifter

Für ein paar Regionalblätter und die Fachpresse ist es jeweils ein Thema: Wenn im Spätsommer vier Berufsleute der Branchen Bäcker- Konditor-Confiseur, Fleischfach, Restaurationsfach und Koch einen Preis als beste Ausbildungsverantwortliche der Schweiz erhalten – und zwar aus der Hand ihrer ­Lernenden, die sie für den Preis ­vorgeschlagen haben.

Wer kurz darüber nachdenkt, muss sich wundern: Praktisch niemand interessiert sich dafür, wenn das duale Schweizer Berufsbildungssystem von seinen besten Akteuren gefeiert wird, wenn eine tragende Säule der Schweizer Wirtschaft und eine der international am meisten geschätzten Errungenschaften der Schweiz im Zentrum stehen.

Wer länger darüber nachdenkt, wird sich nicht mehr wundern, sondern ärgern: Darüber, dass die Massenmedien jedem Ball nachhetzen, aber tolle Berufsleute einfach ignorieren; darüber, dass all die schönen Worte, die Politiker ständig zum dualen Ausbildungssystem verlieren, einfach nur leere Worte sind.

Brigitte Häberli-Koller, Ständerätin für den Kanton Thurgau, äusserte letztes Jahr in GastroJournal ihre Sorge um die Institutionen in der Schweiz (GJ36/2016). Das ­Berufsbildungssystem ist eine ­solche Institution. Das Desinteresse von Öffentlichkeit und Politik an einer Würdigung der besten Aus­bildungsverantwortlichen durch ihre Lernenden erscheint insofern als beunruhigender Ausdruck ­dieser Krise der Institutionen – und fast niemand merkt es.

Nächsten Montag ist es wieder soweit: Das Zürcher Kultlokal Kaufleuten wird sich mit strahlenden Berufsleuten füllen. Junge, hoffnungsvolle Nachwuchsleute werden ihren grossartigen Lehrmeisterinnen und Lehrmeistern wunderbare Kränzchen winden – allein unter Familienangehörigen, Freunden und Berufskollegen. Das ist zwar schön, aber einfach nicht richtig und institutionell brandgefährlich. Max Frisch hat einst ein passendes Stück dazu verfasst: Biedermann und die Brandstifter.

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