Chinesen: im Zweifel nicht nach Europa

Das Forschungszentrum für Tourismus und Verkehr der Universität St. Gallen um Professor Christian Laesser hat in Zusammenarbeit mit chinesischen Marktforschern Daten zum Reiseverhalten der chinesischen Bevölkerung erhoben. «Die Schweiz trägt viel zur Attraktivität Europas als Reiseziel für Chinesen bei», lautet die positive Seite eines ersten Fazits.

Aber aus schweizerischer und euro­päischer Sicht ist da aber auch eine unerfreuliche Seite: «Die Zahl leicht erreichbarer Destinationen – unter anderem durch die Abschaffung von Visa, Visaerleichterungen und besseren Flugverbindungen – nimmt für chinesische Touristen weltweit rasant zu.»

Die Schweiz darf sich zwar rühmen, dass sie oft ausschlaggebend ist für Entscheide chinesischer Touristen, nach Europa zu fahren – nur Frankreich ist bei entsprechenden Reise­entscheiden noch wichtiger (vgl. Kasten unten). Ebenfalls erfreulich ist, dass Berge und Gletscher zu den wichtigsten Reisemotiven zählen, wenn sich Chinesen nach Europa aufmachen.

Allerdings zeigt sich auch, dass Europareisen von chinesischen Gästen durchschnittlich nur gerade acht Tage dauern – und am meisten Geld lassen die Chinesen dabei weder in Frankreich noch in der Schweiz liegen, sondern in Italien (Kasten). Die entsprechende Tabelle zeigt aber auch, dass Europa und die Schweiz keineswegs zu den chinesischen Topzielen gehören: Über 50 Millionen Reisen in weiter entfernte Destinationen unternimmt die chinesische Bevölkerung inzwischen jährlich. 80 Prozent davon sind Urlaubsreisen, und nur 16 Prozent davon führen nach Europa.

Beunruhigend für Europa und die Schweiz ist auch, dass chinesische Reisende häufig über zwei Destinationen nachdenken. «Und in den meisten Fällen verliert Europa relativ deutlich», hält Studienleiter Christian Laesser fest. Laesser vermutet aufgrund erster Analysen, dass hinter dem Nachteil Europas insbesondere der komplizierte Schengen-Visa-Prozess steckt. Konkurrenten wie Kanada, Australien und sogar die USA haben hier tourismusfreundlichere Verfahren.

Diese gastfreundlicheren Destina­tionen unterscheiden in ihren Visa etwa nicht mehr nach Besuchern und Touristen, was es chinesischen Gästen erleichtert, freundschaftliche Besuche mit touristischen zu verbinden. Unkomplizierte Verfahren sind umso wichtiger, als Gruppenreisen kein typisches chinesisches Merkmal sind: Nur etwa die Hälfte der chinesischen Gäste in Europa reisen in Gruppen, die andere Hälfte sind Individualreisende.

Die Studie hält zusammenfassend fest: «Insgesamt haben die Schweiz und Europa weiterhin gute touristische Aussichten auf dem chinesischen Markt.» Allerdings müsse man sich «bewusst sein, dass verschiedene Reiseformen der Chinesen international leicht austauschbare Destinationen beinhalten und am Ende des Tages die Art und Qualität der dort angebotenen Dienstleistungen entscheidend sein kann». Mit anderen Worten müssen die Schweiz und Europa aufpassen, dass ihre grosse Attraktivität in China nicht durch schnöde Gastfeindlichkeit kaputtgemacht wird.

Attraktivste Europäer

Die nachfolgenden Länder sind in dieser Reihenfolge ausschlaggebend für Reiseentscheide chinesischer Touristen, nach Europa zu kommen:

  1. Frankreich
  2. Schweiz
  3. Deutschland
  4. Grossbritannien
  5. Schweden
  6. Italien
  7. Spanien
  8. Dänemark

Teuerste Destinationen

Abgesehen von Hongkong und Macao geben chinesische Gäste in folgenden Destinationen am meisten aus:

  1. Thailand
  2. Japan
  3. Südkorea
  4. USA
  5. Malediven
  6. Indonesien
  7. Singapur
  8. Australien
  9. Italien

www.christianlaesser.net

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