Das «Gesamtkunstwerk» gewinnt – folgt der Verkauf?

Von aussen sieht es aus wie ein etwas zu hoch geratenes Chalet. Das Holz knarrt, wenn man die schiefe Treppe zu den zwölf Zimmern des Hotels Chesa Grischuna hochsteigt. Das am 23. Dezember 1938 vom einstigen Dachdecker und Skilehrer Hans Guler feierlich eröffnete Haus in Klosters GR fällt durch die vielen Winkel, Räume mit Cachet und immer wieder Original-Malereien von Alois und Zarli Carigiet auf, etwa vor der Kegelbahn im Kellergeschoss. Dieses «Gesamtkunstwerk», wie es die Denkmalpflege des Kantons Graubünden betitelt, wird nun von der Unesco-Unterorganisation Icomos zum «Historischen Hotel des Jahres» gewählt, nachdem es in England 2013, 2015, 2016, 2017 und 2018 bereits als «Switzerland’s Best Ski Boutique Hotel» ausgezeichnet wurde, obwohl das bald 81-jährige «Swiss Historic Hotel» und Mitglied der Romantik-Hotels eigentlich kein Boutique-Hotel ist. Betten, Stühle, Leinenvorhänge, Tischwäsche und selbst das Geschirr sehen zwar aus wie bei der Gründung, wurden aber längst neu produziert und ersetzt.

Einst Mittelpunkt von «Hollywood on the Rocks»
Die Icomos-Jury begründet die Wahl: «Das Gebäude hat dezent Patina angesetzt, es hebt sich damit wohltuend von den übrigen ‹alpentümelnden› Neubauten in der Umgebung ab. Bemerkenswert ist, dass sogar Türen und Fenster als kompletter historischer Originalbestand vorhanden sind. Ein Lift wurde nie eingebaut.» Es sei alles andere als selbstverständlich, dass ein Drei-Sterne-Superior-Betrieb bewusst mit diesen Einschränkungen lebt. «Er macht diese wett durch einen authentischen und sehr persönlichen Gästeservice. Man trifft in der Chesa Grischuna ein in sich stimmiges Hotelkonzept an, das auch mit einer hervorragenden Küche punktet, die heute noch prominente Leute, aber auch Gäste aus dem Dorf anzieht.» In den 50er- und 60er-Jahren wurde die Chesa zum Mittelpunkt von «Hollywood on the Rocks», wie Klosters damals genannt wurde. Stars wie Gene Kelly, Kirk Douglas, Greta Garbo, Vivien Leigh, Audrey Hepburn, Julie Andrews, Yul Briner, Bing Crosby, Prinz Charles, Anthony Perkins oder Clown Dimitri gingen ein und aus.

Barbara Rios Guler (67), die Tochter von Hans und Doris Guler, freut sich über den Titel: «Das ist für uns Werbung und sicher auch eine Anerkennung an die Familie Guler, die die Chesa Grischuna über so viele Jahre weitergeführt und bewusst nicht verändert hat.» Nichts verändert stimmt nicht ganz: In den Anfängen vor gut 80 Jahren gab es im Hotel nur ein Bad pro Etage. Und wenn die Gäste dieses Bad zu lange benutzten, klopfte die Gouvernante an die Tür und mahnte, dass noch andere Reisende baden wollen. Heute sind alle Zimmer (ab 210 Franken) inklusive der drei Junior-Suiten renoviert und mit Badezimmern ausgerüstet. Im Nebenhaus gibt es zusätzlich zehn Zimmer.

«Das Hotel war das Kind meiner Eltern, nicht mein Kind»
Doch die Situation des Hotels ist weniger romantisch, als es sich anhört: «Wir sind als Hotel zu klein, um auch Gruppenbuchungen annehmen zu können. Die Lohnkosten und die Aufwände für die Lebensmittel sind im Vergleich zum Ausland zu hoch. Unter meinen Eltern in den 50er-Jahren verdienten die Angestellten noch 300 Franken im Monat, heute beträgt unser tiefster Lohn für eine ungelernte Kraft 3400 Franken», vergleicht Rios Guler, die das Hotel zusammen mit der langjährigen Geschäftsführerin Marianne Randall-Hunziker führt. «Die Chesa Grischuna steht zum Verkauf. Wir versuchen, das Hotel in gute Hände zu geben.» Sie werde so lange weiterarbeiten, bis sich eine Lösung abzeichne, obwohl sie wisse, dass das Hotel nicht von heute auf morgen verkauft werden kann. «Irgendwann wird jemand kommen. Dann muss man das gehen lassen können. Das Hotel war das Kind meiner Eltern, nicht mein Kind.» Sie habe das historische Hotel des Jahres 2020 von der ersten in die dritte Generation geführt. Doch wenn die dritte Generation nicht möchte, könne man sie nicht zwingen. Unter ihrem Vater wäre das noch anders gewesen. Rios Gulers Fazit: «Trotzdem stimmt es für mich.» Einer ihrer drei erwachsenen Söhne hat die Hotelfachschule in Luzern absolviert.

Aus der einen Saison wurden 22 Jahre
Als junge Frau tourte Barbara Rios Guler nach der Handelsmatura in Neuenburg und Engagements in Reisebüros und Tourismusorganisationen durch Südamerika und lernte in Mexiko ihren späteren Ehemann kennen. Sie absolvierte in der Ecole Hôtelière de Lausanne den Küchen- und Rezeptionskurs und schloss mit dem Wirtepatent in Chur ab. Erst 1997, nach dem Tod der Mutter, stieg die Tochter des Hotelgründers in den elterlichen Betrieb ein, «weil ich vorher bei den Kindern bleiben wollte. Marianne und ich sagten uns, wir versuchen es mal eine Saison und schauen, wie es funktioniert. Nun leiten wir das Hotel schon seit bald 22 Jahren.» Sie hätten das Hotel immer so geführt, wie es die Eltern taten und wollten nicht alles auf den Kopf stellen. Mitarbeitende zu finden, sei schwierig. In den letzten Jahren hatten sie das Glück, dass Angestellte sich in ihrem Kollegenkreis umhörten und vermittelten. Mit Ausnahme der beiden Geschäftsführerinnen, dem Küchenchef Ronald Fressner (er hat 15 GaultMillau-Punkte und pflegt eine mediterrane Küche mit Bündner Spezialitäten) und dem Chefportier seien die knapp 20 Angestellten (im Winter über 30) mit einem Saisonvertrag ausgestattet. Für sie sei es einfach, mit Stempeln während der anderen Jahrshälfte über die Runden zu kommen. Das Hotel ist jeweils von Dezember bis April sowie von Ende Juni bis Mitte Oktober geöffnet.

Gegen 50 Prozent Auslastung ist zu wenig
Gerade die englischen Kunden würden das Heimelige und Wohnliche schätzen. Die jüngere Generation buche kurzfristig und kommen für verlängerte Wochenenenden nach Klosters. Im Winter seien die Engländer die wichtigsten Kunden vor Holländern und Skandinaviern, im Sommer die Schweizer. Italiener würden das Engadin bevorzugen. Übers Jahr gesehen kommt das Preisträgerhotel noch auf eine Auslastung von gegen 50 Prozent. «Das ist zu wenig», weiss die Hotelière, die in Klosters zusammen mit einem Appenzeller Sennenhund wohnt. «Wenn das Haus offen ist, müssen wir hart arbeiten.» Seit Ende April hatte sie keinen einzigen freien Tag und gleicht das mit Yoga, Spaziergängen mit dem Hund oder der Begegnung mit ihren beiden Enkelkindern aus. Barbara Rios Guler hat einen weiteren Ausgleich: «Wir sind eine Institution in Klosters. Die Chesa zieht extrem nette Gäste an.»

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Rössli hü in Root ist das Historische Restaurant des Jahres 2020
Ein traditionsreiches barockes Gasthaus, scheinbar dem Untergang geweiht, erlebt eine Renaissance: Das ist die Geschichte des Gasthauses Rössli hü. Es gewinnt den Titel «Historisches Restaurant des Jahres 2020». Die Icomos-Jury begründet: «Am alten Rössli beeindruckt die handwerklich sorgfältige Restaurierung des Blockbaus, etwa die Rekon­struktion der Klebdächlein über den Fenstern. Neue Elemente sind in Holz, aber in klar moderner Formensprache gehalten. In Konsequenz dieses Credos sind die Fenster – im Haupt­geschoss nach Befund wieder als Reihenfenster ausgeführt – sprossenlos. Sorgfältig restauriert prangt das alte Wirtshausschild an der Fassade.»

Das Rössli wurde 1751 als stattlicher Blockbau errichtet und war damals die wichtigste Wirtschaft im Dorf Root LU. 1994 schloss das Restaurant – der drohende Abbruch konnte nur knapp verhindert werden. Nach langen 23 Jahren begann die Renovation dieses geschichtsträchtigen Hauses. Nicht nur baulich, auch betrieblich wird Modernes und Altbewährtes miteinander verheiratet. Das zeigt sich auch an den Zubereitungsarten, die der Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit verpflichtet sind. Regionale Produkte werden verarbeitet, wenn sie Saison haben, und mittels traditio­neller Methoden konserviert: mit Salz, Zucker, Essig, Öl oder mittels Einkochen, Dörren, Räuchern und Fermentieren. Sie erscheinen in dieser Form auf der Speisekarte und prägen ein Gastronomiekonzept, das auf das Haus abgestimmt ist.

«Das Rössli hü ist die Geschichte der Rettung eines wertvollen Kulturobjektes; eine vorbildliche, in gewissen Bereichen mutige Renovation eines geschichtsträchtigen Gasthauses und eine höchst stimmungsvolle Belebung mit einem auf das Haus abgestimmten Gastronomie-Konzept», heisst es in der Jury-Begründung weiter.

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