Das Satellitenkonto Tourismus verdeutlicht das Dilemma von Gastgewerbe und Tourismus

Mit Blick auf den Schweizer Tourismus sei es ihm «wichtig, feststellen zu können, dass wir uns nicht in Industriepolitik verloren haben», sagte Bundesrat Johann Schneider- Ammann jüngst bei seinem Abschied am Tourismus Forum Schweiz (GJ47). Die Branche sei mithin auch deshalb «so gut aufgestellt, weil wir den Staat nicht zu sehr beanspruchen».

Der abtretende Bundesrat und langjährige Grossunternehmer fasste damit nicht nur die Schweizer Tourismuspolitik seiner Epoche zusammen: Praktisch seit dem Ende des 2. Weltkriegs bekennt sich Bundesbern regelmässig dazu, die Tourismusbranche grundsätzlich sich selbst zu überlassen und allenfalls Rahmenbedingungen zu schaffen, die das private Tourismusgeschäft erleichtern.

Diesem ökonomistischen Bekenntnis stehen allerdings korporatistische Umstände entgegen, die den staatlichen Einfluss verdeutlichen. Da sind Eingriffe wie die Stellenmeldepflicht oder die Alkoholgesetzgebung, die als schikanöse staatliche Rahmenbedingungen wirken. Und da sind Instrumente: vorab die «Neue Regionalpolitik» (NRP), ein gigantisches finanzielles Ausgleichsbecken, das aus profitablen Bereichen schöpft und renditeschwache Regionen und Branchen speist – und zwar nicht zuletzt den alpinen Tourismus.

Das Satellitenkonto Tourismus widerspiegelt die dahinterstehenden wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Sie legitimieren nicht nur weitgehend die NRP, sondern von Innotour über SGH bis zu Naturpärken auch ein ganzes Bündel von mehr oder weniger korporatistischen Institutionen. Das Satellitenkonto Tourismus, nach dem skandalösen Abschied des Bundes 2003 von der Tourismusstatistik ein herausragender Trostpreis, zeigt:
• Die Wertschöpfung, die der Tourismus erzielt, steht in einem schlechten Verhältnis zur Produktivität, mit anderen Worten ist viel teure Arbeit nötig, um relativ wenig Wertschöpfung zu erzielen (vgl. Balkengrafik).
• Vom touristischen Franken, den ein Gast in der Schweiz ausgibt, bleibt nur ein Bruchteil bei den Kernbranchen: Gut 16 Rappen landen in der Hotellerie, knapp 14 Rappen in der Gastronomie (vgl. Kuchengrafik).

Der geringe Nutzen, den die gastgewerblichen Kernbranchen vom Tourismus haben, erklärt ohne Weiteres, warum staatliche Absenz keine Option ist und es so (ähnlich wie in der Landwirtschaft) viele korporatistische Instrumente für den alpinen Raum gibt: Wenn das Gastgewerbe nämlich fehlt, bleibt der Gast aus. Doch während es die mutmassliche touristische Kernbranche der Bergbahnen fast geschafft hat, als Service public zu gelten und vom Tessin bis in die Waadt praktisch verstaatlicht zu werden, will das Gastgewerbe die staatliche Stütze grundsätzlich nicht. Obschon seit Jahren zwei Drittel der Schweizer Hotels und Restaurants rote Zahlen schreiben und von der Substanz leben, macht die Branche weiter – und diese sogenannte «Elastizität » des Gewerbes kommt dem Staat gelegen, schlägt aber bei den Sozialkosten indirekt massiv zurück.

Staatliche Absenz im Tourismus kann aber auch deshalb kein Thema sein, weil arbeitsintensive Branchen viele Stellen schaffen. Und diese decken in Gastgewerbe und Tourismus ein so grosses Feld an Qualifikationen ab, dass die Regionen nicht nur als Feriengebiet taugen, sondern auch als Lebensraum – und das ist von grösster sozial- und staatspolitischer Bedeutung.

Auf einem anderen Blatt stehen die Folgen der grossen Schweizer Wirtschaftskraft auf Gastgewerbe und Tourismus. Die Schweizer Produktivität ist insgesamt so hoch, dass Gastgewerbe und Tourismus seit Jahrzehnten zu wenig abwerfen, um Löhne zu zahlen, die auf dem Schweizer Lohnmarkt mithalten können. Folglich braucht es Arbeitskräfte aus weniger entwickelten Volkswirtschaften, was wiederum das Gefüge in Tourismusregionen durcheinanderbringt: Die Steuererträge sind klein, der Aufwand etwa in der Schule und anderen Integrationsbereichen aber ist gross.

Womit sich der Kreis zur touristischen Absenz des Bundes schliesst: Denn weniger Tourismus bedeutet ökonomistisch gesehen auch weniger staatlichen Aufwand.

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Viel Wertschöpfung, wenig Produktivität
In den letzten 200 Jahren gelang der Wissenschaft viel. Unter anderem schaffte sie es, wirtschaftliche Selbstverständlichkeiten bis zur Unverständlichkeit zu zerreden. So sind Begriffe wie Wertschöpfung und Produktivität für Gewerbetreibende eigentlich einfach zu verstehen, und wer in einer Küche arbeitet, begreift die Begriffe buchstäblich jeden Tag. Wertschöpfung ist das, was man aus Grundprodukten herausholt, wenn man sie bearbeitet und mit Mehrwert anreichert. Wer also aus Kartoffeln Rösti macht, leistet viel Wertschöpfung. Seine Produktivität aber ist nur das, was nach Abzug der Kosten und Realisierung des Preises von der ganzen Wertschöpfung zurückbleibt. Die Balken unten verdeutlichen das entsprechende Problem des Tourismus: Er braucht sehr viel menschliche Arbeit, um Wertschöpfung zu erzielen – in der Versicherungsbranche sieht das ganz anders aus. Das ist doppelt bitter, weil Versicherungen letztlich keine Wertschöpfung erzielen: Sie brauchen produzierende Branchen wie Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie.

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