«Den Notstand zu verlängern, wäre völlig unverantwortlich»

GastroJournal: Tobias Straumann, was bedeutet die «ausserordentliche Lage» aufgrund des Coronavirus für die Schweizer Wirtschaft? Laut Avenir Suisse kostet ein einziger Monat 30 Milliarden Franken.
Tobias Straumann: Wenn wir die ganze Wirtschaft lahmlegen wie in Italien, können wir nicht lange durchhalten. Mit der momentanen Regelung hingegen kann die Wirtschaft einen Monat lang einigermassen überleben. Aber nach dem 19. April muss der Bundesrat überall die Bestimmungen lockern, wo es nur geht.

Konkret?
Alle Geschäfte und Restaurants, die jetzt geschlossen haben, sollten ihren Betrieb wieder öffnen können. Das heisst nicht, dass wir sofort zur Normalität übergehen sollen. In den Supermärkten gilt jetzt ja auch ein Sicherheitsabstand, und die Hände werden beim Eingang desinfiziert. Und selbst wenn wir die Massnahmen lockern, kehren wir nicht sofort zu alten Verhältnissen zurück, weil sich die Leute noch längere Zeit zögerlich verhalten werden. Aber es ist für die Betriebe entscheidend, wenigstens wieder einen Teil des Umsatzes von früher machen zu können. Das ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch psychologisch sehr wichtig.

Mitarbeitende Gesellschafter beziehungsweise Inhaber und deren Ehegatten erhalten monatlich 3320 Franken als Kurzarbeitsentschädigung. Das ist nicht viel Geld.
Nein, aber immerhin. Sie können als Betrieb zusätzlich eine Liquiditätshilfe von bis zu 500 000 Franken in Anspruch nehmen. Diese vom Bund abgesicherten Kredite müssen in fünf bis sieben Jahren fast unverzinst zurückgezahlt werden. Damit und mit dem Antrag auf Kurzarbeit müssten beispielsweise die Restaurants durchkommen. Zählt man alle Massnahmen zusammen, ist das ein gutes Paket.

Viele gehen aber davon aus, dass der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» bis Ende Mai verlängert.
Das wäre völlig unverantwortlich, weil dann die Lage schnell prekär würde. Nochmals: Ich sage nicht, dass wir am 20. April einfach zum normalen Alltag übergehen können. Aber was in Coop, Migros & Co. geht, muss auch in anderen Läden möglich sein: eine Öffnung mit Vorsichtsmassnahmen, damit sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet. Eine Verlängerung der Null-Toleranz-Politik schlägt letztlich auch auf die Gesundheit der Bevölkerung durch. Der Bundesrat hat richtigerweise zuerst darauf hingearbeitet, dass die Spitäler nicht überlastet werden, aber in einem zweiten Schritt muss er stärker auf die wirtschaftlichen Folgen achten. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Regierung das realisiert.

Wie gut hat sich der Bundesrat bisher verhalten? Kritiker monieren, er sei zu zögerlich und hätte eine Ausgangssperre verhängen sollen.
Das wäre aus meiner Sicht ein Fehler gewesen. Bis zum 19. April ist es bereits mit rund einem Monat eine ausserordentlich lange Zeit. Wer jetzt kritisiert, die Regierung sei zu zögerlich gewesen, trägt wenig zur Krisenbewältigung bei. Sobald alles vorbei ist, können wir über mögliche begangene Fehler reden und die Lehren daraus ziehen. Jetzt ist es zu früh.

Und was machen?
Die Behörden müssen mit allen Sozialpartnern und Branchenverbänden, also inklusive GastroSuisse, darüber diskutieren, wie eine Lockerung der Massnahmen aussehen soll, wie viel Eigenverantwortung die Betriebe übernehmen können und wie viel vom Staat vorgeschrieben werden muss. Dazu haben wir jetzt knapp drei Wochen Zeit, um Vorschläge zu prüfen. Das heisst nicht, dass es sofort wieder zu riesigen Menschenansammlungen kommen darf. Ganz im Gegenteil, es sind weiterhin Beschränkungen nötig. Doch wir dürfen nicht zu lange warten. Für jede Branche braucht es die jeweils beste Lösung. Die sieht bei einem Coiffeursalon anders als im Restaurant aus. Vielleicht ist es ratsam, dass das Personal am Anfang mit Masken servieren muss. Wichtig ist, dass man den Firmen Chancen lässt, eigene kreative Ideen im Kampf gegen das Virus umzusetzen.

Welche Rolle sollte die Nationalbank spielen?
Sie hat zwei Hauptaufgaben: Erstens die Aufwertung des Schweizer Frankens zu bremsen, was dem Tourismus zugute kommt. Und zweitens soll sie das Bankensystem möglichst gut stützen, damit die Banken in dieser Phase keine Kredite kündigen müssen, weil sie in Liquiditätsengpässe geraten.

Wie lange dauert es, bis sich die Schweizer Wirtschaft erholt?
Das ist schwer vorauszusagen. Wahrscheinlich sieht es Ende Jahr nicht so schlecht aus. Ich glaube nicht an den grossen Zusammenbruch. Ob die Wirtschaft netto wächst, kann ich nicht sagen. Andererseits wäre ich überrascht, wenn das Minus fünf Prozent betragen würde. Doch es hängt alles davon ab, in welchem Tempo der Bundesrat die Vorschriften lockert.

Könnte die Schweiz sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen?
Vielleicht, aber das hängt nicht nur von uns ab. Entscheidend ist, was die USA machen. Schlimm für die Schweiz wäre eine Schwächung der Binnenwirtschaft und eine einbrechende Exportwirtschaft. Durch eine Lockerung der Massnahmen könnte der Bundesrat immerhin für eine gewisse Stabilität der Binnenwirtschaft sorgen.

Welche Veränderungen wird das Coronavirus langfristig auf die Arbeitswelt bringen?
Ich glaube nicht, dass es zu fundamentalen Veränderungen kommt. Gerade im Gastrobereich gehört doch das Ausgehen dazu.

Wie schlimm ist es für Sie, dass Sie nicht in Restaurants oder Bars gehen können, dass Reisen praktisch unmöglich sind?
Weil wir keine totale Ausganssperre haben, ist es erträglich, aber nur solange ich davon ausgehen kann, dass diese Phase nicht mehrere Monate andauern wird.

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Wirtschaftshistoriker:
Tobias Straumann (53) ist Wirtschaftshistoriker und Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Zudem lehrt er am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel und schreibt Beiträge für die Kolumne Geld & Geist in der NZZ am Sonntag. Er forscht über die europäische Geld- und Finanzgeschichte und die Schweizer Wirtschaftspolitik. Im März 2019 erschien sein Buch «1931 – Die Finanzkrise und Hitlers Aufstieg» (ISBN 978-3-8062-4073-3). Straumann ist verheiratet und wohnt mit seiner Familie in Zürich.

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