Der Bundesrat kann aufdrehen

Die Hoffnung auf ein Bekenntnis der Landesregierung zu Olympischen Winterspielen in der Schweiz und zum Wintersport stehe zwar momentan im Vordergrund, sagt Barbara Gisi, Direktorin des Schweizer Tourismus-Verbandes STV.

Aber wenn sich der Bundesrat kurz nach der Sommerpause mit der Idee von Winterspielen befassen und hoffentlich dafür aussprechen wird, steht laut Gisi mehr auf dem Spiel: «Es geht nicht nur um die Verantwortung gegenüber dem wichtigen Wirtschaftsfaktor Tourismus, der genau in den Bereichen Wintersport und alpiner Tourismus in einer Strukturkrise steckt, sondern es geht auch um die Verantwortung gegenüber der ganzen Schweiz, in der sich Randgebiete und Agglomerationen immer weiter auseinanderentwickeln.»

Sie wolle nicht dramatisieren, sagt Gisi. Aber das wirtschaftliche Ausbluten der touristischen Berggebiete sei im Gang, warnt sie. Schleichend entvölkerten sich Bergtäler, und schleichend ziehe die Bevölkerung in städtische Gebiete: «Doch die Entwicklung verläuft so langsam, dass man die Augen davor verschliessen kann und noch nicht hinsehen muss.»

Olympische Winterspiele allein könnten diese Entwicklung natürlich weder stoppen noch umkehren, stellt Gisi klar. Aber Spiele in der Schweiz böten die Chance, ein starkes Zeichen zu setzen, das die ganze Schweiz aufrütteln und das Land als Heimat des Wintersports in Erinnerung rufen könne. Das Projekt Olympische Winterspiele sei aber auch geeignet, «um neue Modelle entlang der touristischen Servicekette zu schaffen und etwas dafür zu tun, dass die Leistungsträger in den Tälern draussen nicht verhungern.»

Am STV soll es nicht scheitern: Der Verband erarbeitet zurzeit in enger Zusammenarbeit mit der Tourismusbranche, den Promotoren der Winterspiele, der Wissenschaft und der öffentlichen Hand touristische Szenarien, die weit über Olympia 2026 hinausweisen.

Die Tourismusbranche nimmt die mögliche Kandidatur und Organisation von Winterspielen zum Anlass, um die neue Epoche im Schweizer Tourismus zu skizzieren – die dritte Phase seit dem Wirtschaftsaufschwung nach den beiden Weltkriegen.

Die erste Phase hatte sich durch einen Verkäufermarkt ausgezeichnet, in dem die hiesigen touristischen Anbieter sich sozusagen vor ihre Betriebe stellen und zuschauen konnten, wie sich die Häuser füllten. In den 1980er Jahren ging diese Epoche zu Ende – und die touristische Schweiz ganz langsam dazu über, Marktanteile zu halten und sich zu professionalisieren.

Die zweite Phase wurde in der akuten Krise der 1990er Jahren institutionell von neuen Instrumenten wie Innotour und dem Qualitätsgüte-­siegel gestützt. Dazu kamen herausragende korporatistische Angebote wie «Schweiz Mobil» und nicht zuletzt die modernisierten Apparate von Schweiz Tourismus und der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit.

Operativ jedoch hatte die Branche unglaublich Mühe, sich im harten internationalen Wettbewerb zu professionalisieren – und das Verschwinden von Patentzwängen und Bedürfnisnachweisen verschärfte die Lage zusätzlich. Doch während das Gewerbe keine Wahl hat und verschwindet, wenn es sich nicht anpasst, gibt es im Tourismus zahlreiche Akteure, die nicht zum Handeln gezwungen sind – zu nennen sind hier Bergbahnen und Tourismusorganisationen.

Die Abgehobenheit verdeutlichen schlagend die aktuelle ruinöse Preispolitik der Wintersportbahnen oder die peinlichen Diskussionen um den Chefwechsel bei ST. Viele der Akteure, die nicht von selber erarbeitetem Geld leben, können oder wollen immer noch nicht begreifen, welch anderer Wind weht und welch andere Methoden in einer virtuellen Welt gefragt sind, um den Wind auszunutzen.

Vielleicht erzwingt die dritte Phase, die um 2010 mit den Finanz- und Bankenkrisen sowie dem Eurozerfall begonnen hat, das Umdenken: Die neue Phase gleicht teilweise der vormodernen Entwicklungsphase bis zum 1. Weltkrieg. Damals konnten sich nur die Reichen der Welt Tourismus leisten. Und auch jetzt sind es nach dem Wegfallen des europäischen Mittelstandes wieder die Reichen aus aller Welt, die noch zu uns kommen. Und wie damals ballen sie sich auch jetzt von Basel über Luzern und Interlaken bis nach Zermatt und an den Genfersee an besonderen Anziehungspunkten.

Anders als vor über 100 Jahren haben wir jedoch heute eine hohe internationale Produktivität, die es immer mehr Menschen ermöglicht zu reisen (siehe Artikel unten). Und wir können uns auf einen starken Binnentourismus stützen, zu dem es Sorge zu tragen gilt.

Was das konkret für die nächste Generation im Schweizer Tourismus heisst, versucht die Branche zurzeit unter Führung des STV und im Hinblick auf die Olympischen Spiele herauszufinden – mit im Boot ist auch GastroSuisse. Dabei sollten mindestens so wirksame Instrumente herauskommen, wie sie die 1990er gebracht hatten. «Es ist eine einmalige Chance», sagt Barbara Gisi, «und eigentlich können wir es uns nicht leisten, sie nicht zu packen.»

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