Der Topf muss grösser werden

Regula Straub hat Anglistik und Germanistik in Basel sowie im kalifornischen Berkeley studiert und war viele Jahre in leitender Funktion in der Privatwirtschaft tätig – unter anderem für die UBS und die Swisscom. 2011 hat sie den Sprung in den NPO-Bereich gewagt und ist seither Geschäftsführerin der Schweizer Berg­hilfe. Straub ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

GastroJournal: Wer Berghilfe hört, denkt als erstes an die Landwirtschaft und nicht an die Hotellerie. Was war der Auslöser für das Engagement in letzterem Bereich?
Regula Straub: Im Jahr 2005 hat die Schweizer Berghilfe entschieden, dass sie ihren Fokus nicht mehr rein auf der Landwirtschaft belassen möchte, sondern ausweitet. Der Grund: Um Abwanderung zu verhindern, müssen wir uns auch um andere Bereiche und Branchen kümmern, da das Berggebiet nur als Ganzes überleben kann. Nehmen wir einen Hotelbetrieb, der überlebt oder gar neu entsteht. Dieser hat eine enorme Arbeitsplatzwirkung auf den gesamten Ort, weil die ganze Wertschöpfungskette mit eingebunden ist, indem das Hotel Handwerker aus der Region genauso benötigt wie Mitarbeitende aus der Region oder Zulieferer regionaler Produkte.

«Ein Berggebietkann nur als Ganzesüberleben»

Die Banken ziehen sich je länger je mehr aus der Hotellerie zurück. Sie engagieren sich ...
Dass sich die Banken zurückziehen, liegt daran, dass für sie die Risiken der saisonal geprägten Berg­hotellerie einfach zu hoch sind. Das finden wir schade und wenn wir hier einspringen können, dann tun wir das. Aber wir haben natürlich nicht die gleichen finanziellen Möglichkeiten wie die Banken, sondern können nur an gewissen Orten punktuell Unterstützung leisten.

Wie viel Geld fliesst jährlich in Projekte der Hotellerie?
2015 waren es rund 1,47 Millionen Franken, 2016 rund 2,29 Millionen (siehe Grafik). Was hier natürlich auffällt ist, dass für wenige einzelne Hotellerie-Projekte eher grös­sere Beiträge gesprochen werden. Beim Berghotel Mettmen haben wir beispielsweise 2015 600 000 Franken beigesteuert.

Das ist ein immenser Betrag, wenn man von einer Vergabesumme von rund 1,47 Millionen spricht ...
Ja. Der Grund ist aber schon der, dass wir sehen, wie viel Wirkung unsere Unterstützung konkret vor Ort erzielt. Denn ein Hotel in einem Ort ist ein sozialer Mittelpunkt und dieser ist, gerade wenn man von Abwanderung redet, sehr wichtig, weil er das Leben im Dorf behält.

Wann kann ich mich als Hotelier bei der Berghilfe melden, beziehungsweise wann hat mein Projekt eine Chance, unterstützt zu werden?
Das Projekt braucht einen guten Business Case sowie natürlich einen soliden Business Plan und muss Hand und Fuss haben. Hinzu kommt, dass wir den Leuten, die hinter dem Projekt stehen, das Ganze auch zutrauen müssen. Zudem achten wir sehr darauf, dass beispielsweise beim Bau möglichst lokale Anbieter zum Zug kommen und danach im Betrieb auch lokale Produkte verwendet werden, sprich die Wertschöpfungskette lokal und regional bleibt. Wir unterstützen ausserdem keine touristischen Ballungszentren wie Davos oder Zermatt. Die haben andere Möglichkeiten. Und wir springen nur ein, wenn die Notwendigkeit gegeben ist und alle möglichen Finanzierungsquellen ausgeschöpft sind. Weiter sollen die Hotels im Normalfall nicht im 4- oder 5-Sterne-Bereich positioniert sein und nicht mehr als 50 Zimmer umfassen.

Wie stossen die Hoteliers auf euch?
Meist aus eigenem Antrieb. Aber wir arbeiten auch mit Partnern zusammen. Beispielsweise mit der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH), da wir bei Hotelprojekten auch eine professionelle Abklärung von einer Fachstelle benötigen, um sicherzugehen, dass sie auch funktionieren. Gleichzeitig macht die SGH Hoteliers, die zwar ein gutes Projekt in petto haben, das allenfalls aber an der Finanzierung scheitert, auf uns aufmerksam. In diesem Sinne pflegen wir eine sehr gute Zusammenarbeit.

«Strukturerhaltungwäre eine Überschätzung unserer Möglichkeiten»

Von Seiten der SGH und auch der Politik hört man immer wieder: Strukturerhaltung, das wollen und dürfen wir nicht unterstützen. Die Berghilfe ihrerseits betreibt mit einer A-fonds-perdu-Mentalität aber genau das?
Also im Zusammenhang mit der Hotellerie habe ich diesen «Vorwurf» im Gegensatz zur Landwirtschaft noch nie gehört. Vielleicht machen wir das. Ich muss aber sagen, ich glaube nicht, dass wir wirklich die finanzielle Kraft haben, um Strukturerhaltung zu betreiben oder überhaupt in der Regionalpolitik einzuwirken. Wir haben grosse Möglichkeiten, aber es sind nur punktuelle Unterstützungen, die wir geben können. Wir reden hier von Unterstützungen um die 25 Millionen pro Jahr. Und das ist grösstenteils die Landwirtschaft. Strukturerhaltung wäre eine Überschätzung unserer Möglichkeiten.

Aber wäre es denn nicht sinnvoller, gewisse Betriebe lieber sterben zu lassen als sie zu unterhalten – gerade in abgeschiedenen Berggebieten. Braucht es dort wirklich einen Tourismus?
Ja, davon bin ich überzeugt. Denn dieser Bereich ist enorm wichtig für die Schweiz. Auch unter dem Aspekt, dass wir in der Schweiz einen gros­sen Anteil Menschen haben, die die Möglichkeiten des Bergtourismus schätzen und nutzen. Zudem finde ich es eine Stärke gerade unseres Landes, dass die abgeschiedenen Orte leben, erhalten bleiben und sich weiterentwickeln können.

Inwiefern ist die Hotellerie ein Unterstützungsbereich, den Sie in den nächsten Jahren noch ausbauen wollen?
Wir möchten die Hotellerie und den Tourismus ausbauen, weiter auch die anderen Bereiche wie Gewerbe, Energie et cetera. Also alle Bereiche ausserhalb der Landwirtschaft sollen noch wachsen.

Das heisst, der Topf wird dann kleiner für die Landwirtschaft?
Nein, die gesamte Spendensumme muss grösser werden, weil wir nicht möchten, dass die neuen Bereiche zu Lasten der Landwirtschaft unterstützt werden. Das heisst, dass wir vom Fundraising her unsere Anstrengungen noch verstärken werden, um den Topf weiter zu vergrössern.

Ein ambitiöses Ziel ...
Durchaus. Aber ich bin überzeugt davon und möchte es nochmals betonen, dass ein Berggebiet nur als Ganzes überleben kann. Denn wir können nicht nur an einem Faden ziehen, sondern wir müssen sehen, dass das ganze Netz hält und funktionieren kann.

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