Die Anziehungskraft alpiner Landschaften

GastroJournal: Herr Huggler, Crans-Montana machte letzten Winter besondere Schlagzeilen, als im Zuge eines internen Streites die Bergbahnen den Betrieb kurzfristig einstellten. Was sind die Lehren daraus, und zwar auch über Crans-Montana hinaus?

Bruno Huggler: Das Bewusstsein dafür, dass wir ein gesamtheitliches Wirtschaftssystem sind mit grossen Abhängigkeiten zwischen den Akteuren in der Wirtschaft und in der Politik. Als Konsequenz müssen wir alles daransetzen, dass es nicht mehr zu einem solchen Bruch kommen kann. Und damit das nicht mehr passiert, entwickeln wir gemeinsame Visionen, Zielsetzungen und Projekte, und die entsprechende Zusammenarbeit ist dabei so eng wie die Verflechtungen und Abhängigkeiten.

Crans-Montana à la Andermatt? 
Unser Wirtschaftsraum ist stark fragmentiert, die Struktur ist über 125 Jahre lang gewachsen. Wir können nicht ein integriertes Resort mit einigen wenigen Playern werden, aber wir wollen das auch nicht, denn damit würden wir auch einen Teil unserer Identität verlieren. Die Fragmentierung bedeutet jedoch, dass wir uns als Organisation desto mehr darum kümmern müssen, den verschiedenen Akteuren gute Grundlagen für eine Zusammenarbeit im Gesamtsystem zu bieten. Dabei helfen Projekte wie grosse Sportanlässe, die eine Zusammenarbeit fast von selbst fördern, und es hilft der Erfolg.

Was die Frage nach der Zukunft fürs traditionelle Wintergeschäft und für die klassischen alpinen Destinationen überhaupt aufwirft? 
Das traditionelle Wintergeschäft ist aufgebrochen und hat sich stark entwickelt. Es gibt viele Innovationen und neue Ausdrucksformen mit entsprechendem Potenzial. Entsprechend gilt es die Angebote anzupassen – wobei das alpine Skifahren aber tragend bleibt.

Skipisten zu welchem Preis? 
Einerseits müssen wir die Eintrittsschwellen auf die Pisten senken. Angebote wie unser «Magic Pass» sind insofern auch deshalb sehr attraktiv, weil sich die Gäste weniger überlegen, ob sie kommen, sondern einfach auf die Piste gehen – was auch dabei hilft, die Nachfragespitzen zu brechen und die Dellen auszugleichen. Andererseits muss die Preispolitik dazu führen, dass nicht nur bei den Bergbahnen, sondern im Gesamtsystem das Gesamtvolumen wieder steigt und dabei besser verteilt wird.

Bergbahnen nicht als Service public? 
Die Bergbahnen sind bei uns ein Privatunternehmen, an das aber ähnliche Ansprüche gestellt werden wie an einen Service public. Hier muss man sich im Rahmen des Wirtschaftssystems finden, muss die berechtigten Ansprüche sauber definieren und versuchen, nachhaltige und faire Lösungen zu finden.

Wie das neue Walliser Bergbahngesetz, das öffentlichen Mitteleinsatz nur bei einer gewissen Wirtschaftlichkeit vorsieht? 
Ja, Teil der Lösungen muss sein, dass Bahnen genügend Erträge erwirtschaften, um investieren zu können – alles andere ist nicht nachhaltig. Was aber nicht heisst, dass die Politik sich einfach zurückziehen soll, denn Unterstützung kann auch gefragt sein bei Orten, die einen Ausstieg aus dem traditionellen Wintersportgeschäft in Betracht ziehen müssen.

Wie wollen wir in den Wintersportgebieten dann noch Geld verdienen? 
Indem wir übers ganze Jahr eine Wertschöpfungskette anbieten, die dem Gast dient und für die er bereit ist, Geld auszugeben. Wo es Nachfragepotenzial gibt, haben Angebote in der Wertschöpfungskette eine Berechtigung. Die Rezeptur kommt dabei vom Gast, und sie unterscheidet sich je nach Ort und Saison.

Das kann auch die Abkehr von Skipisten bedeuten? 
In Crans-Montana hatten wir schon immer hohen Anteil an Gästen, die nicht Ski fahren, aber das Schnee- und Wintererlebnis suchen. Das ist ein starkes Reisemotiv, und es bietet viel Potenzial ausserhalb der klassischen Pistenangebote. Man muss darüber nachdenken, was die Werttreiber sind und was man sich leisten kann. Und man muss sich gedanklich von der Vorstellung lösen, dass alles weg ist, wenn Bahnen und Pisten weg sind. Aminona, das zu Crans-Montana gehört, hat zum Beispiel zurzeit keine Zubringerbahn ins Skigebiet, wird aber als "Grandeur Nature" inszeniert, was sehr viele Leute anzieht und auch etwas abwirft.

Die alpinen Tourismusorte haben eine Zukunft? 
Ich sehe ein sehr grosses Potenzial: unserer Natur und Landschaft, aber auch die Infrastruktur. Klar ist die Konkurrenz enorm geworden – jedes Kreuzfahrtschiff repräsentiert heute die Grösse eine mittlere Destination. Unsere Bergdörfer mit ihren meist intakten Ortsbildern, mit ihrer lebendigen und vielfältigen Struktur und Kultur gewinnen jedoch zunehmend wieder die Anziehungskraft, die sie vor Jahrzehnten hatten. Nachdem man alles gesehen hat, und nachdem in Ferienzentren und in Städten zunehmend über Klagen kommen über Dichtestress und Beschleunigung, bieten sich für uns übers ganze Jahr grosse Chancen, und ich bin überzeugt, dass wir sie packen. Unverzichtbar dafür ist aber das erwähnte Bewusstsein fürs Gesamtsystem und die Zusammenarbeit. Wir müssen bis hin zu den landwirtschaftlichen Produkten schauen, dass wir vor Ort Wertschöpfung schaffen können.

Alles wird gut? 
Die herausfordernden letzten Jahre haben uns zum Umzudenken gebracht – das hat einiges bewegt. Aber einerseits müssen wir darauf achten, authentisch zu bleiben und nicht in Aktionismus zu verfallen. Andererseits sollten wir die Fernmärkte, die sich stark entwickelt haben, zwar nicht beiseitelassen, aber auch nicht überschätzen. Abgesehen von ein paar Destinationen wie Luzern oder Interlaken sind diese Fernmärkte Zusatzgeschäfte und eine gute Möglichkeit, die Nachfrage zu komplettieren und die Saisonauslastungen auszugleichen. Tragend bleiben aber Nahmärkte, also die Schweiz und angrenzende Gebiete.

Reichen diese Nahmärkte? 
Sie reichen für den Grundstock, der je nach Positionierung durch fernere Märkte ergänzt wird. Allerdings müssen wir uns besser auf das besinnen, was wir können, und wir müssen dem Gast vollkommene Convenience bieten. Die ist er sich von all den Resorts her gewohnt, er hat kein Verständnis dafür, wenn es nicht funktioniert. Der Gast will keine abrupten Brüche von einem Anbieter zum anderen. Er will auch keine geschlossenen Fensterläden in anonymen Zweitwohnungssilos. Wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen, heisst das gerade bei uns in Crans-Montana, dass wir unseren Zweitwohnungsgästen wieder mehr Gründe geben wollen, öfter zu kommen. Diese Gäste haben mit dem Kauf von Wohneigentum gezeigt, dass ihnen etwas an der Destination liegt, und wenn wir etwas bieten, sind sie dankbar. Aber sie wollen ihre Wohnungen in der Regel nicht an Dritte vermieten. Hier denken wir darüber nach, wie wir z.B. die professionellen Ansätze, die Philippe Lathion bei Ferienwohnungsanlagen erfolgreich verfolgt, auch bei bestehenden Zweitwohnungen umsetzen könnten.

Von klassischem Tourismusmarketing haben wir noch gar nicht gesprochen. Dabei ist etwa das Wallis mit der integrierten Standortförderung von „Valais Promotion“ vorbildlich? 
Es ist eigentlich selbstverständlich geworden, den Wirtschaftsraum als Gesamtsystem zu betrachten. Tourismus ist ein Teil, aber auch ein positiver Impulsgeber, weil er Menschen anzieht, einen Austausch schafft und Innovationen fördert.

In vielen Tourismusregionen ist man in der Praxis weit entfernt von diesem selbstverständlichen Bewusstsein? 
Auch im Wallis läuft nicht alles rund. Die Zahl der Tourismusorganisationen etwa ist zu gross, und die Zusammenarbeit in einem fragmentierten Gesamtsystem ist nie einfach, weil es verschiedene Interessen gibt und es kein Rezept, das immer passt. Aber wenn wir die Sensibilität für das Gesamtsystem haben, wenn wir vom Interesse der Kundschaft ausgehen und uns darum bemühen, möglichst viel Wertschöpfung bei uns zu schaffen, ist viel gewonnen.

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