«Die Buchungen nehmen langsam wieder Fahrt auf»

Rolf Brönnimann, wie präsentiert sich die aktuelle Situation in Ihrem Hotel?
Rolf Brönnimann: Am 15. Juni haben wir das Savoy wiedereröffnet, also dann, wenn auch die Grenzen in der EU öffnen und die Airlines ihren Flugplan hochfahren. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen nach diesem Notstand erfolgen erst, wenn die Kurzarbeit aufhört. Dann kommt das grosse Erwachen. Klar ist: Einen Lockdown mit diesem Ausmass wird es nicht ein zweites Mal geben. Hier hat man mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Im globalen Kontext hat es der Bundesrat nicht schlecht gemacht. Trotz­dem wurde die älteste Demokratie der Welt auf einen Schlag ausgehebelt. Das geht nicht.

Was heisst das für das Savoy in Zahlen?
Die Rede ist von einem Rückgang von gegen 90 Prozent der Logiernächte. Wenn wir bis Ende Jahr eine Auslastung von 30 bis 35 Prozent erreichen, bin ich glücklich. Der Markt in der Hotellerie ist komplett zusammengebrochen. Wenigstens müssen wir jetzt keine Absagen mehr entgegennehmen; die Buchungen nehmen langsam wieder etwas Fahrt auf. Falls eine zweite Coronavirus-Welle ausbleibt, könnte die Zeit von September bis Dezember nicht so schlecht aussehen.

Wer bucht denn jetzt überhaupt noch?
Hauptsächlich die Stammgäste. Wir haben den Vorteil, dass wir schon lange auf dem Markt sind und auf ein treues Publikum zählen können. Das muss man sich aufbauen. Deshalb haben wohl die beiden geplanten Hyatt-Hotels am Flughafen Zürich die Eröffnung von Juli auf den Spätherbst verschoben. In den ersten Juni-Tagen erhielten wir 13 Buchungen. Langsam kommen die Gäste zurück.

Was machen Sie, damit es besser wird?
Wir lancieren für den Juli und August Arrangements und verwandeln das Haus in ein Ferienhotel. Dazu kreieren wir Familienpackages und solche für Senioren. Alle, die über 65 Jahre alt sind, erhalten einen Rabatt, so hoch wie ihr Alter. Bucht ein 90-Jähriger, erhält er 90 Prozent Rabatt aufs Zimmer, wobei bei einem Ehepaar immer der Ältere angerechnet wird. Das Arrangement ist auf Basis von Halbpension in unserem Restaurant Baur by Orsini, wo die Gäste aus der À-la-carte-Karte ihren Dreigänger selber zu­sam­men­stellen können. So können wir die Gastronomie zusätzlich auslasten.

Gibt es Zeichen der Erholung?
Als Stadthotel haben wir eine Triple-A-Lage. Die Savoy-Bar ist eine Institution. Im Restaurant Orsini haben wir bald so viele Reservationen, dass wir das Lokal im ersten Stock, das Baur by Orsini mit Sicht auf den Paradeplatz öffnen können. Abends kommen wir in unserem Restaurant auf 30 Gäste.

Profitiert das Savoy vom Bundesrat, der zu Schweiz-Ferien aufruft?
Wir leben in Zürich vom amerikanischen und asiatischen Markt, im Juli und August vom Mittleren Osten. Alle diese Buchungen sind weggebrochen, Interlaken und Luzern sind ähnlich betroffen. Dagegen gibt es kein Rezept. Wir könnten das Hotel bis September schliessen, aber das ist nicht meine Art. Und so nebenbei entdecke ich mit meiner Frau, die aus Seoul kommt, die Vorteile von Zürich. Zürich, so sagt meine Frau, ist eine traumhafte Stadt. Kein Wunder steht Zürich immer wieder ganz vorne im Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität.

Was sagt die Credit Suisse, der Mutterkonzern des Hotels, zur Situation?
Wir sind nicht die Einzigen, die leiden. Alle sitzen im gleichen Boot, und niemand hat so etwas schon mal erlebt. Wir hoffen natürlich, dass uns der Mutterkonzern mit zusätzlichen Buchungen von Geschäftsreisenden hilft. Im Bankettbereich werden wir schon sehr gut beansprucht von der Mutter.

Hält die Grossbank am Savoy fest?
Auf jeden Fall. Immer wieder gab es Gerüchte über einen möglichen Verkauf. Ich möchte das hier klar festhalten: Das Savoy steht nicht zum Verkauf. Es ist zwar eine Tochter der Credit Suisse, aber eine eigenständige AG mit anderen Aktionären. Wir haben wie jedes Unternehmen einen unternehmerischen Auftrag zu erfüllen, und dieser schliesst einen vertretbaren Gewinn mit ein. Wir konnten selbstredend keinen Hilfskredit in Anspruch nehmen, das wäre verwerflich und unethisch mit der Credit Suisse als Mehrheitsaktionärin.

Was ist der neueste Stand der Verhandlungen mit der asiatischen Luxushotelgruppe Mandarin Oriental, die an einer Übernahme des Managements interessiert war?
Wir führen nach wie vor Gespräche, ein Vertrag ist noch nicht unterzeichnet. Wir planen, das Hotel umzubauen. Aber in welchem Ausmass, ist nicht entschieden.

Was heisst das für die Mitarbeitenden?
Wir haben diese über die Pläne mit Mandarin informiert. Als Folge von Corona haben wir einen Personalstopp eingeführt und für einen Teil der Mitarbeitenden Kurzarbeit beantragt. Doch obwohl das Hotel geschlossen war, arbeiteten permanent Leute an der Rezeption, für Wartungsarbeiten oder Reinigungen. Bevor wir neue Leute einstellen, schaue ich, dass wir langjährige Angestellte halten können. Die Küche wollte beispielsweise einen Patissier, ich gebe aber lieber Geld für eine Weiterbildung aus, als dass ich zwingend neue Mitarbeiter einstelle.

Wie haben Sie Ihren Betrieb mit den 104 Zimmern organisiert?
Je nach Nachfrage öffnen wir nur einzelne Stockwerke. Wir schauen, dass die Zimmer mindestens 24 Stunden frei sind, um die Hygiene für die Gäste zu gewährleisten. Den Willkommensbrief legen wir nicht mehr in die Zimmer. Auf Wunsch deponieren wir das Frühstück vors Zimmer, sodass die Gäste keinen Kontakt mit den Angestellten haben. Wir reduzieren die Dienstleistungen nicht, gehen aber auf die Ängste der Gäste ein. Wir haben ein über 20 Seiten langes Schutzkonzept geschrieben, mit allen Massnahmen zum Schutz der Gäste und der Mitarbeiter, welches für jeden Gast mittels QR-Code einsehbar ist.

In der Branche denkt man kritisch über booking.com. Über welche Kanäle erfolgen die Reservationen im Savoy?
Wir versuchen, alle Packages über unsere eigene Website oder via Telefon zu verkaufen. Über Booking.com gibt es diese Spezialangebote nicht. Aber bei allem Respekt: Die Buchungsplattform hat kei­nen einzigen Hotelier gezwungen, mitzumachen. Klar besitzt diese eine Marktmacht und verlangt hohe Kom­mis­sionen, an diesem Umstand sind die Hoteliers in grossem Ausmass selber schuld, denn wir Hoteliers haben Plattformen wie booking.com erst gross gemacht. Andererseits ist nichts teurer als leere Zimmer.

Welche Rezepte braucht es jetzt, um der Krise zu begegnen? 
Da nützt meine ganze Erfahrung nichts. Aber wenn man reifer ist, nimmt man es etwas gelassener als ein junger Direktor. Ich habe in meiner Karriere schon viel erlebt und verfalle ob dieser Krise nicht in Schockstarre, sondern sehe sie als Herausforderung und hoffe, dass wir einigermassen unbeschadet und gestärkt aus der Krise kommen. Es ist eine Zeit von «Try and error». Ich gehöre eher zu den Machern als zu denjenigen, die warten. Ich verlasse mich in erster Linie auf mich und meine Instinkte.

Sie betreiben neben Ihrer Aufgabe als Hoteldirektor zusätzlich eine Beratungsfirma in der Hotellerie.
Ja, ich arbeite noch an zwei anderen Projekten. Beim einen geht es um ein für Europa einzigartiges Health Retreat oberhalb von Lugano, bei dem wir auf der Suche nach Investoren sind, beim anderen um ganzheitliche integrative chinesische Medizin im Kanton Graubünden.

Beenden Sie Ihre berufliche Karriere im Savoy?
Nein, ich will ja bis zum bitteren Ende arbeiten. Alles, was ich anpacke, mache ich mich mit Leidenschaft. Hobbys habe ich keine, mein Beruf als Hotelier hat mich immer sehr ausgefüllt. Ich habe vor sechs Jahren noch einmal geheiratet und das Glück, eine zauberhafte Frau zu haben, die mir bei allem zur Seite steht. Mit ihr habe ich drei bezaubernde Töchter. Die Familie ist das Zentrum meiner Freizeit. Ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich ein so interessantes Leben führen darf und es nicht auf dem Golfplatz verbringen muss.

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«Hotelier des Jahres» in Deutschland
Rolf E. Brönnimann (64) gehört zu den profiliertesten Hoteliers der Schweiz und leitet das Fünf-Sterne-Haus Savoy in Zürich seit Anfang März 2020. Der Savoy Club gilt als ältester Schweizer Herrenclub nach englischem Vorbild. Von 2013 bis 2019 führte der Zürcher Oberländer das Luxushotel Budersand auf Sylt, das er bereits in der Projektphase mitgestaltete. In dieser Zeit wurde er in Deutschland zum Hotelier des Jahres gewählt. Der gelernte Koch und Absolvent der Hotelfachschule Lausanne VD arbeitete unter anderem auch im Victoria-Jungfrau Interlaken BE, im SAS Palais in Wien und auf dem Bürgenstock. Derzeit wohnt der vierfache Vater mit seiner Familie provisorisch im Savoy, besitzt ein Haus auf Sylt und sucht eine Wohnung im Grossraum von Zürich.

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