Die Zukunft ist ungewiss

«Die Zukunft unserer Sektionen ist ungewiss», sagt Ruedi Bartel, ­Präsident von GastroThurgau: «Denn wir haben immer mehr Schwierigkeiten, Vorstandsmitglieder zu finden.» Der Kantonal­verband im Osten der Schweiz besitzt zwar noch zwei Sektionen sowie zwei Regionalverbände. Doch eine Fusion oder Auflösung, wie dies bereits bei GastroFrauenfeld, Untersee & Rhein passiert ist, kann nicht ausgeschlossen werden: «Immer weniger Mitglieder möchten sich ehrenamtlich engagieren», stellt Bartel fest, der für diese Situation Verständnis zeigt: «Um im ­Vorstand aktiv zu sein, muss man einen eigenen Betrieb haben. Das alleine lastet eine Person aus. Ein Grossteil unserer Mitglieder hat ­nebenbei aber noch Familie und Kinder und entsprechend wenig Zeit für weiteres Engagement.»

Ähnlich sieht die Lage im Nachbarskanton aus: Gastro St.Gallen besitzt zwar noch sieben Regionalverbände, müsste sich aber gemäss Präsident Walter Tobler «wappnen, damit es demnächst nicht zu einem Zusammenschluss oder einer Auflösung kommt.» Noch zeichne sich eine derartige Entwicklung nicht ab, dennoch macht sich Tobler ­Gedanken um die Zukunft: «Viele Vorstandsmitglieder sind schon seit etlichen Jahren dabei. Was, wenn wir keine Nachfolger für sie finden?». Gerade in einem weitläufigen Kanton wie St. Gallen sei eine Vertretung in den unterschiedlichen Regionen sehr wichtig: «Wir haben dadurch Kontakt zu jeder Ecke im Kanton.»

Noch setzen die Kantonalverbände in Thurgau und St.Gallen auf regio­nale wie auch zentral organisierte Anlässe, um den Austausch unter den Mitgliedern zu fördern. «Wir organisieren in jeder Region jährlich einen Informationsnachmittag, an denen wir unter anderem über die Projekte von GastroSuisse informieren», erzählt Ruedi Bartel. Hinzu gesellen sich Veranstaltungen im Frühling und Herbst sowie die Delegiertenversammlung. «Wie viele Mitglieder zu den Anlässen kommen, bleibt jedoch die grosse Unbekannte», sagt Bartel: «Bei vielen muss man persönlich nachhaken, um ihre Teilnahme zu sichern.» Wie die Situation erst aussehen soll, wenn sich Regionalverbände zusammenschliessen, stellt für Walter Tobler eine Herausforderung dar: «Wie können wir eine Lösung finden, damit der Kontakt bestehen bleibt und sich alle Regionen gleich behandelt fühlen?»

Bei GastroSuisse verfolgt man diese Entwicklung auf Kantonsebene seit längerem Für Direktor Daniel Borner ist sie «eine Tatsache, die kaum aufzuhalten und in der Vereins- und Verbandslandschaft der Schweiz überall anzutreffen ist.» Die wesentlichen Treiber dafür sieht er in mangelndem Personal für die Milizfunktionen oder den Finanzen. «Das sind Herausforderungen, denen sich die Kantonalverbände zu stellen haben und je nach Situation und Grösse der Kantone Rechnung tragen müssen», hält Borner fest. GastroSuisse stehe den Mitgliedern auf Wunsch aber gerne mit Rat zur Verfügung.

Eine Möglichkeit, wie man mit der drohenden Auflösung der Kantonalsektionen umgehen kann, hat GastroAargau gefunden. Vor wenigen Jahren haben sich die Sektionen dort komplett aufgelöst. «Wir hatten zunehmend das Problem, dass sich niemand mehr im Vorstand engagieren wollte», erzählt Präsident Bruno Lustenberger: «Also haben die Sektionen in einem ersten Schritt fusioniert. Wir mussten allerdings feststellen, dass eine Aufteilung in Regionen aufgrund der geografischen Gegebenheiten im Aargau keinen Sinn macht.» Es folgte die radikale Auflösung, die aber durchaus Vorteile mit sich brachte: Dadurch sei der Verband deutlich schlanker geworden und in der Entscheidungsfindung schneller. «Zum Vorstand gehören nur noch fünf Personen», nennt Lustenberger ein Beispiel: «Das ermöglicht uns, innerhalb von nur 24 Stunden eine Ausschusssitzung zu organisieren.»

Um den Anschluss an die ehemaligen Sektionen nicht zu verlieren, hat der Verband für jeden Bezirk eine verantwortliche Person ernannt. «Diese ist in der Region gut verankert und fungiert als Bindeglied», erzählt Lustenberger. So mache die entsprechende Person den Verband auf Probleme in den Regionen oder allfällige Todesfälle aufmerksam. Auch nehme sie an allen wichtigen Anlässen teil und sorge so für einen guten Austausch. «Aus meiner Sicht hat die Auflösung der Bezirke für unsere Mitglieder keinen Nachteil», ist Lustenberger überzeugt. Wichtig sei eine gute Organisation. Die ­Anlässe, die früher in den ehemaligen Sektionen ausgetragen wurden, organisiert der Verband heute zentral. «Wir haben einen Geschäftsführer und ein sehr effizientes Sekreta- riat, die unserem Vorstand den Rücken frei halten.» Das funktioniere so gut, dass die Vorstandsmit­glieder nun mehr Zeit für die Mitglieds- pflege und den Kontakt zur Politik hätten. Auch Personalmangel sei kein Thema mehr: «Zwei Personen haben sogar angefragt, ob sie unserem Vorstand beitreten könnten», erzählt Lustenberger: «Aber noch wollen wir die schlanke Struktur beibehalten.»

Das Beispiel von GastroAargau zeigt, dass die drohende Auflösung der Kantonalsektionen kein Grund zur Sorge ist und für den Verband sogar eine Chance sein kann. Voraussetzung ist eine gute Organisation und Kontaktpflege. Dass diesem Beispiel weitere Kantonalverbände folgen werden, zeichnet sich zunehmend ab: So soll es bis Ende Jahr zu Sektionszusammenschlüssen in den Kantonen Zürich und Bern kommen, während andere Kantone wie Schaffhausen und Fribourg ebenfalls eine interne Fusion überprüfen, diese aber noch nicht geplant haben (siehe Grafik).

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