Diskussionen auf Augenhöhe

Katharina Conradin ist im Aargau aufgewachsen und hat in Bern, Basel und in Freiburg i.B. Geografie studiert. Conradin hat eben die Geschäftsleitung von «Mountain Wilderness» abgegeben, die sich vorab für den Schutz der Bergnatur sowie für einen naturverträglichen Bergsport einsetzt. Conradin, die einen Sohn hat, ist denn auch passionierte Berggängerin und präsidiert «Cipra», den Dachverband europäischer Alpenschutzorganisationen.

GastroJournal: Der Walliser Ständerat Beat Rieder hat letzthin mit Blick auf die Agglomerationen, die sich das Berggebiet als Erholungsräume halten, von «Imperialismus» gesprochen. Inwiefern können Sie das nachvollziehen?
Katharina Conradin:
Ich habe Mühe damit, denn wenn man das zu Ende denkt, führt es zu einem föderalistisch fragwürdigen Kirchturmdenken, welches alles Kritische von aussen abblockt. Das kann kaum zu guten Lösungen führen.

"Ich finde es nicht gut, wenn man sich nur noch bei Einspracheverhandlungen sieht."

 

 

 

 

Und was führt zu guten Lösungen?
Diskussionen auf Augenhöhe und ein offener Dialog, was einerseits bei Umweltorganisationen Extrempositionen verhandelbar macht, und andererseits in den Bergregionen anerkennt, dass es nicht ums Dominieren geht, sondern um gesamthaft nachhaltige Entwicklungen. Sich gegenseitig guten Willen zugute zu halten und diesen trotz klarer Positionen auch zu zeigen, halte ich für ein essenzielles föderalistisches Gedankengut, mit dem die Schweiz insgesamt gut fährt. Aber weil es letztlich um Ja oder Nein geht, ist im Entscheidungsprozess Streit angelegt.

Gibt es systemisch nicht konstruktivere Ansätze?
Ich finde es nicht gut, wenn man sich nur noch bei Einspracheverhandlungen sieht. Allerdings gibt es sowohl bei Umweltorganisationen wie auch in vielen Destinationen die erwähnte Dialogbereitschaft: dass man früh miteinander redet, gemeinsame Wege sucht und sie in der Regel auch findet. Systemisch ist das freilich nicht, die Regel ist vom Weissenstein über die Engstlenalp bis zur Jungfraubahn Streit und Blockade. Systemisch wäre mit Blick auf die Bergbahnen eine nationale Bergbahnplanung. Wenn wir sehen, wo insbesondere die Wintersportbahnen stehen und wohin sie sich entwickeln, wäre eine solche Planung sicher hilfreich. Strukturell und politisch dürfte so etwas jedoch schwierig zu realisieren sein. Wir haben es meist mit historisch gewachsenen Unternehmen zu tun, die tief in ihren Regionen verankert sind, was eine übergeordnete Sichtweise erschwert.

Also keine konstruktiven systemischen Ansätze?
Ein hilfreicher systemischer Ansatz ist es, interdisziplinärer zu arbeiten. Als eine der ersten Destinationen hat das Unterengadin diesen Ansatz früh aufgenommen und eine Umwelt- und Naturwissenschaftlerin ins Team geholt. Sich breiter aufzustellen, dient dabei nicht nur dazu, mit klassischen Konflikte etwa zwischen Naturschutz und Tourismus besser umzugehen, sondern Herausforderungen in vielen Bereichen besser zu bewältigen. Unsere Welt ist zu komplex, als dass wir eindimensional zu guten Lösungen kommen könnten – ganz abgesehen davon, dass ich es manchmal leid bin, in die Rolle der militanten Umweltschützerin gepresst und darauf reduziert für den medialen Schlagabtausch gebraucht zu werden. Mit Blick auf den Wintersport und die Bergbahnen ist es nicht einmal die Umweltwissenschaft, sondern die Ökonomie, die seit Jahren auf die desaströse Lage hinweist. Doch das Resultat sind nicht Exit-Strategien, sondern Flucht nach vorn.

Was läuft falsch?
Wahrscheinlich kann und will man sich keinen Tourismus vorstellen, der nicht auf dem klassischen Wintersport basiert. Das mag mit Blick auf die derzeitigen touristischen Strukturen und Abhängigkeiten verständlich sein. Doch wenn wir den Blick öffnen, sehen wir einerseits frühere Generationen, die ebenfalls touristisch arbeiteten, sich aber kaum hätten vorstellen können, in welchem Ausmass man sich dem Schnee ausliefern würde. Andererseits gilt es insofern vorauszuschauen und ernsthaft über eine touristische Zukunft nachzudenken, die sich von der Schneeabhängigkeit löst.

Just die Olympiakandidatur sucht auf eine umfassende Art nachhaltige Formen!
Der Gedanke, auf bestehende Infrastrukturen zu setzen, ist sinnvoll, und die Schweiz dürfte eines der wenigen Länder sein, in denen so etwas wie vernünftige Olympische Spiele möglich sein könnten. Auch sehe ich das Potenzial, auf die Werte des alpinen Raums hinzuweisen und einen Tourismus anzustreben, der diese Werte schätzt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas unter den jetzigen olympischen Rahmenbedingungen möglich ist.

"Der Gedanke, auf bestehende Infrastrukturen zu setzen, ist sinnvoll, und die Schweiz dürfte eines der wenigen Länder sein, in denen so etwas wie vernünftige Olympische Spiele möglich sein könnten."

Ist es nicht eine sozialromantische Illusion, Tourismus ohne geölte Maschinerien und Millionenfrequenzen betreiben zu wollen?
Die Schweiz ist schon deshalb kein Land für Massentourismus, weil sie dafür zu teuer ist. Und ich denke, dass wir ein verzerrtes Bild haben, wenn wir diese Maschinerien anschauen und das Gefühl haben, es brauche sie. Denn nehmen wir die Maschinen auseinander, sehen wir grosse Anteile von Wertschöpfung, die nicht in der Region geschaffen, sondern für die Massen herangekarrt werden. Und auf der anderen Seite haben wir Tourismusgebiete, die nicht so heisslaufen, in denen aber ein Grossteil der Wertschöpfung vor Ort geschieht. Diesen Werte meine ich, und sie sind ein Luxus, der gefragt ist und den sich nicht nur Wohlhabende leisten können.

Ich bleibe bei der Sozialromantik, zuletzt hat sich die harte Realität bei der barschen Ablehnung verschiedener regionaler Naturpärke gezeigt!
Zum einen spielt der Tourismus selber ganz gern mit sozialromantischen Klischees von urchigen Berglern. Zum anderen frage ich mich manchmal schon, wer sich denn als Bergler bezeichnen darf: Ist das ein geografischer Begriff oder ein genetischer? Ich meine, dass sich als Bergler verstehen darf, wer sich um die Berge sorgt.

Haben nicht die Menschen in den Bergen am meisten Grund zur Sorge, weil auch die Landwirtschaft und die Wasserkraft leiden? Und der Bund tut nichts für den Tourismus, weil er zu wenig Produktivität ermöglicht und also nicht nur landschaftlich Probleme schafft, sondern auch sozial- und finanzpolitisch?
Der Bund engagiert sich finanziell in anderen Bereichen sicher stärker. Man darf den Tourismus in den Berggebieten zwar nicht unterschätzen, sollte ihm aber auch nicht alles unterordnen – es kann nicht sein, dass wir unsere Zukunft verbauen, weil ein bestimmter Tourismus der Gegenwart das verlangt.

 "Es kann nicht sein, dass wir unsere Zukunft verbauen, weil ein bestimmter Tourismus der Gegenwart das verlangt."

Was sind Alternativen?
Die Berggebiete lassen sich eben nicht auf Tourismus, Landwirtschaft und Wasserkraft reduzieren. Im Appenzellerland, im Alpenrheintal oder im Kandertal gibt es starke Industrien, und das Oberengadin, das Saanenland oder das Wallis bieten hochklassige Schulen mit oft internationaler Ausstrahlung.

Inwiefern sind sie zuversichtlich für den Tourismus und die alpinen Regionen?
Zuversichtlich bin ich insofern, als weltweit ein Wertewandel stattfindet. Ins Zentrum rücken vermehrt landschaftliche und kulturelle Werte, die ja auch den alpinen Raum und seinen Tourismus im Kern ausmachen – da hat die Schweiz ein grosses Potenzial. Nicht zuversichtlich bin ich mit Blick auf die Internationalisierung: Es ist absurd, wie man Touristen auf der Welt hin- und herschiebt, und es macht mir Sorgen.

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