Ein Betrieb, der sie verbindet

Das Grotto Pozzasc liegt weit hinten im Maggiatal, neben einem Wasserfall und ­einem kleinen Tümpel. Tümpel heisst im Tessiner Dialekt Pozzasc und wird als Pozzasch ausgesprochen. «Für mich ist dieser Ort mein Kraftort», sagt Christian Zingg, der mit seiner Frau Claudia seit sieben Jahren den Betrieb führt. Ursprünglich war das Steinhaus eine Mühle, die vor 22 Jahren zu einem Grotto umgebaut wurde.

Obwohl man von Locarno fast 50 Minuten mit dem Auto nach Peccia ins Grotto Poz- zasc fährt, ist die Terrasse mit 80 Plätzen bei schönem Wetter immer sehr gut besetzt. «Viele unserer Gäste sind Einheimische aus der Umgebung», erklärt Christian. Sie hätten aber auch Gäste aus der Deutschschweiz, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mehrere Stunden zu ihnen reisten, um Polenta vom offenen Feuer und Käse aus dem Maggiatal zu essen.

Aufgewachsen ist Christian in Ascona. Sein Vater ist Deutschschweizer und seine Mutter Deutsche. Ursprünglich hat er eine Kellnerlehre gemacht und danach die Hotelfachschule in Luzern absolviert. Später arbeitete er in diversen 4- und 5-Sterne-Hotels als Chef de Service. «Nach dreizehn Jahren in der Gastronomie zog es mich ins Kaufmännische», erinnert sich Christian.

Vor zehn Jahren haben sich Claudia und er kennengelernt. Sie war schon damals im Grotto Pozzasc im Service tätig. «Wir haben uns aber an einem anderen Ort getroffen. Mehr Gossip gibt es dazu jedoch nicht», betont Christian und lacht. Die Besitzer des Grottos, die den Betrieb damals noch selber führten, fragten Claudia und Christian, ob sie das Restaurant pachten möchten. Sie hätten sich den Entscheid nicht einfach gemacht, weil das Grotto schon damals bei den Tessinern sehr bekannt war und sie wussten, wie viel Arbeit auf sie zukommen würde. «Einen Betrieb als Selbstständig- erwerbender zu führen, ist viel anspruchsvoller, als angestellt zu sein.»

Das Grotto Pozzasc ist jeweils von Ostern bis Oktober geöffnet. In diesen sechs Monaten erwirtschaften die beiden mit einem festangestellten Mitarbeiter und einigen Aushilfen genügend, um die Pacht und die Löhne zu bezahlen, die laufenden Kosten zu begleichen sowie für die Altersvorsorge von Claudia und Christian zu sparen. Sie seien alle wie eine Familie. Am Abend essen sie jeweils zusammen. «Das ist wichtig, so können wir den Tag nochmals miteinander durchgehen und eventuell über unangenehme Situationen sprechen», sind sich Claudia und Christian einig.

Die Arbeitstage der beiden sind, wie auch in anderen Gastronomiebetrieben, lang. Morgens um sieben fährt Christian nach Locarno zum Einkaufen. «Es gibt nicht viele Lieferanten, die bis zu uns hochfahren.» Ausserdem hätten sie nur wenig Lagerkapazität. Oft seien sie nicht vor 24 Uhr zu Hause. Um sich zu erfrischen und neue Kräfte zu sammeln, badet Christian jeden Abend gegen 17 Uhr im Weiher neben dem Grotto. «Das Wasser ist etwa 13 bis 15 Grad warm. Aber danach bin ich wieder frisch. Eigentlich befindet sich hier das Paradies», erklärt Christian.

Die Hausspezialität ist die Polenta, die Christian in zwei Kupferkesseln über dem offenen Feuer zubereitet. Ein besonderes Rezept habe er nicht, der spezielle Geschmack komme vom Feuer. Die Tessiner Spezialitäten wie Salami, Mortadella oder Würste stellen Claudia und Christian in den Wintermonaten selber her. Ansonsten haben sie die Aufgaben klar getrennt: Er ist für die Polenta und die kalte Küche zuständig, sie für den Service.

Doch wenn sie Ende Oktober im Pozzasc den Schlüssel drehen, geht es zuerst einmal auf Reisen. «Wir brauchen diese Zeit wirklich, um uns zu erholen», betont Christian. Die beiden arbeiten und leben gemeinsam, und die Arbeit im Pozzasc ist sehr anspruchsvoll und anstrengend. Da stellt sich die Frage, ob das überhaupt gut geht. Viele Kollegen hätten ihnen gesagt, das klappe nie, als Paar einen Betrieb zu führen. «Wir sind der lebende Beweis dafür, dass es doch funktioniert.»

 

 

Aktuelle News