Einblick in die Parahotellerie: die Schweizer Jugendherbergen im Wandel

Umbau- und Neubauprojekte, Eröffnungen und Wiedereröffnungen sowie umfassende Pläne für neue Projekte: Die Schweizer Jugendherbergen (SJH) sind umtriebig (siehe Kasten). Dies nicht nur in baulicher Hinsicht, sondern auch wenn es um konzeptionelle Anpassungen in ihren 52 Betrieben geht – 30 eigene, 16 gepachtete und 6 Franchise-Betriebe. Stichworte sind da «weg vom Mehrbettzimmer, hin zu kleineren Zimmereinheiten», «den Gast während des gesamten Lebenszyklus begleiten» oder Kooperationsansätze wie jener des «Wellnesshostels».

Zeit also, mit CEO Fredi Gmür über diesen Wandel zu sprechen und zu fragen: Wohin geht die Reise? «Der konzeptionelle Wandel gründet darauf, dass wir künftig nicht nur Beherbergungsanbieter sein wollen, sondern vielmehr jeweils vor Ort versuchen möchten, weitere Bedürfnisse abzudecken», erklärt Gmür und nennt als Beispiel das Wellnesshostel in Saas-Fee. «Dieser Betrieb ist nicht aus dem Wellnessboom heraus entstanden, sondern aus dem Bedürfnis heraus, dass wir einen Betrieb in diesem Ort haben wollten – und die Gemeinde eine Lösung für ihr in die Jahre gekommenes Hallenbad suchte.»

So sei eins und eins zusammengekommen. «Grundsätzlich wollen wir künftig noch mehr solcher Synergien vor Ort nutzen und so für alle Beteiligten einen Mehrwert schaffen.» Gute Beispiele hierfür seien unter anderem die bevorstehenden Projekte in Laax wie auch in Genf.

Die Losung der Stunde heisst somit laut Gmür zusammenarbeiten – «und damit meine ich nicht nur innerhalb der SJH». Denn für Kooperationen bestehe in der Beherbergungs-Branche noch viel ungenutztes Potenzial, «aber leider fehlt die Bereitschaft dazu noch gänzlich». Das sei schade, denn gerade in Bereichen wie beispielsweise der Digitalisierung sieht Gmür viele Möglichkeiten und Chancen. «Hier kommen Herausforderungen auf uns zu, die wir als einzelne Anbieter gar nicht stemmen können.» Dass Kooperationen entstehen und funktionieren können, habe der 15. Januar 2015 gezeigt. «Die Aufhebung des Mindestkurses hat bewirkt, dass sich insbesondere die Bergbahnwelt zusammenge­rauft hat. Noch vor fünf Jahren wäre das undenkbar gewesen.»

Angesprochen auf die konzeptionelle Annäherung an die Gastronomie – der F&B-Bereich spielt rund 40 Prozent des Umsatzes ein – wie auch Hotellerie betont Gmür, dass die SJH auch weiterhin «bei ihren Leisten bleiben werde». «Wir werden auch nie einen Hotelbetrieb kaufen, wie es unlängst die Reka getan hat (siehe GJ24), auch wenn wir zurzeit wöchentlich Angebote erhalten.» Denn die Hotellerie fordere nun einmal im Gegensatz zur Parahotellerie ein anderes Leistungsversprechen. «Der Gast hat einfach eine andere Erwartungshaltung, wenn er in ein Hotel hineingeht oder in eine Jugendherberge.» Hinzu komme, dass das System SJH mit ganz wenigen Schlüsselpersonen sowie vielen Allroundern funktioniere. «Nur so können wir mit wenig Mitarbeitenden auskommen – auch finanziell.» Wobei diese Reduktion wiederum einen grossen Pluspunkt habe: «Die Gastgeber in einer Jugendherberge sind unglaublich nahe am Gast.»

Eine Annäherung werde es höchstens im Bereich der Zielgruppen geben, denn auch SJH will wie die Reka in Zukunft ein breiteres Gästesegment ansprechen. «Unser Ziel ist, die Gäste während des gesamten Lebenszyklus zu begleiten.» Dass die SJH hinsichtlich dieser Ausrichtung bereits auf Kurs ist, zeigt die Statistik: Der grösste Anteil Gäste sind Menschen über 40 Jahre alt (45%).

Wandel muss somit sein, «allerdings ohne das Gesicht zu verlieren. Wir müssen uns langfristig treu bleiben und weiterhin auf Qualität und Gemeinschaftserlebnis setzen; wir müssen Begegnungsstätten schaffen», betont Gmür. «Damit haben wir ein Fundament, um auch weiterhin gegen die grossen Herausforderungen ankämpfen zu können. Insbesondere was die Preise anbelangt, werden wir es nie leicht haben. Wir haben in der Schweiz nun einmal einen Standard, und der wirkt sich eins zu eins auf unser Preisgefüge aus.» Was Gmür hier wichtig ist: «Dass wir auch weiterhin zu unseren höheren Preisen stehen und vor allem kostendeckend wirtschaften.» Und wenn er von kostendeckend rede, dann rechne er auch die Kosten für die Produktentwicklung, Investi­tionen wie auch Rückstellungen hinzu. «Hier dürfen wir innerhalb der Branche langfristig einfach nicht dem Preisdumping verfallen. Das wäre der Anfang vom Ende.» Denn wie wolle man – «ich sage das jetzt nicht, weil es uns auch weh tut», rechtfertigen, dass der Gast für ein Zimmer in der 4-Sterne-Hotellerie den gleichen Preis bezahle wie in der Jugendherberge? «Mittel- und langfristig müssen wir das Preis­niveau hochhalten, denn alles andere gefährdet unsere Glaubwürdigkeit und verhindert Investitionskraft.»

SJH: abgeschlossene und kommende Projekte

Bern: Im März 2018 fand die Wiedereröffnung nach einer 16-monatigen umfassenden Renovation sowie der Erweiterung mittels Neubau statt.
Zug: Im April 2018 fand nach einer viermonatigen kompletten Erneuerung die Wiedereröffnung statt.
Schaffhausen: Im April 2018 konnte das anliegende «Künstlerhaus» als Angebotserweiterung eröffnet werden.
Montreux: Im Mai 2018 wurde die erste Bauetappe abgeschlossen, die zweite folgt im Winter 2018/19.
Burgdorf: Der Spatenstich fand am 21. Juni 2018 statt, die Eröffnung soll im Juni 2020 erfolgen.
Laax: Der Bau eines Wellnesshostels ist geplant. Der Baustart soll im Frühling 2019 erfolgen, die Eröffnung in der Wintersaison 2020/21.
Schaan-Vaduz: Der Abbruch sowie Neubau startet im November 2019. Die Eröffnung folgt im Frühjahr 2022.
Luzern: Der Umbau ist geplant. Die Eröffnung soll um 2022/23 erfolgen.
Neuchâtel: Umnutzung eines Schulhauses ist geplant.
Genf: Grossprojekt in Zusammenarbeit mit der Stadt ist geplant.

www.youthhostel.ch

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