Eine Chance für den Tourismus

Wenn es um Sport geht, wachsen Christian Constantin Flügel. Bekannt für seine Liebe zum Fussball, interessiert sich der Unter­nehmer auch für andere Sportarten, ­insbesondere im Wallis. Er ist ein Aushängeschild und Promotor der Kandidatur «Sion 2026». Obwohl noch nichts entschieden ist, glaubt Constantin fest ans Projekt und will es zum Sieg führen.

GastroJournal: Die Schweiz scheiterte mehrmals mit Kandidaturen für Olympia. Warum versuchen Sie wieder?
Christian Constantin:
Rückblickend denke ich, war es gut, dass wir 2006 verloren haben. Wenn ich mir das damalige Dossier anschaue, waren wir blauäugig. Unsere Kandidatur hätte den Bau von vier Eisfeldern im Wallis, von Sprungschanzen, Stadien für Eisschnelllauf und so weiter mit sich gebracht. Alles hätte zu einer Zeit erstellt werden müssen, als der Lötschbergbasistunnel noch nicht existierte und die ­Autobahn nur teilweise erbaut war. Jetzt jedoch ist aus zwei Gründen ein guter Zeitpunkt: Zum einen ist das Internationale Olympische Komitee (IOK) versucht, sein Image aufzubessern. Dazu muss es sich lösen von Bewerbern wie Sotschi oder Peking, die astronomische Summen aufwendeten, um Stationen von A bis Z neu zu erstellen. Unsere Phi­losophie in Europa unterscheidet sich vom Wachstumsstreben grosser Länder wie Russland oder China, und dies könnte uns heute zugutekommen. Zum anderen könnten wir vom Kalender profitieren. Die letzten Sommerspiele wurden in Rio organisiert, die Winterspiele zuerst in Vancouver und dann in Sotschi. Die nächsten Spiele werden in Tokio und in Pyeongchang, in Südkorea stattfinden. Die Möglichkeit, dass 2026 Europa an der Reihe ist, ist demnach gross.

«Das Gastgewerbe ist ganz grundlegend zuständig»

Welche Vorzüge haben wir?
Im Vergleich zur internationalen Konkurrenz ist unser Dossier besser ausgearbeitet. Schon was die Verkehrswege betrifft, steht unser Land sehr gut da. Heute ist der Lötschberg durchbohrt und das Wallis dank dem Tunnel auch für Doppelstockzüge erschlossen. Der Schienenverkehr auf der Ost-West- und der Nord-Süd-Achse funktioniert. Auch die Autobahn wurde überall verbessert. Grosse Bauarbeiten zur Verkehrsinfrastruktur stehen daher nicht mehr an. Auch die Beherbergungskapazitäten sind gegeben. Wir müssen 24 000 Hotelzimmer zur Verfügung stellen und besitzen im ganzen Gebiet weit mehr. Alle wichtigen In­frastrukturen werden sich übrigens ganz unabhängig der Olympischen Spiele ergeben: Das Eisfeld in Lausanne muss für die Olympischen Jugendspiele 2020 fertiggestellt sein, und das Eisstadion von Freiburg-Gottéron bis 2020 renoviert werden. Biel weihte sein neues Eisstadion 2015 ein, und auch die Einwohner von Visp stimmten einer solchen Renovation zu. Die Station Crans-Montana verfügt über ein eingespieltes, professionelles Team und ist an Durchführungen wie ­Skiweltmeisterschaften gewohnt. Um auch künftige Weltmeisterschaften austragen zu können, werden in der Station zudem bedeutende Bauarbeiten realisiert. Im Rahmen der Spiele müssten einzig zwei Infrastrukturen gebaut werden: eine Skisprungschanze in Kandersteg und ein Stadion für Eisschnelllauf. Dabei muss sichergestellt sein, dass die Anlagen auch in Zukunft für bestimmte Aktivitäten genutzt werden.

Vermögen überschaubare Projekte denn das IOK zu überzeugen?
Die Olympische Agenda 2020 (siehe Kasten) geht in diese Richtung. Wenn ich mit Mitgliedern des IOK spreche, wird mir bewusst, dass sie nicht auf gigantische Ereignisse drängen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen der breiten Öffentlichkeit herrschen ziemlich vernünftige Ansichten. Ausserdem haben wir die höchsten Berge Europas, und unser Wintertourismus existiert seit Generationen. Wir sind in diesem Gebiet also viel besser ausgestattet und fortschrittlicher als andere. Also ja, wir haben eine Chance!

«Der Bund weiss, dass die Berge in Schwierigkeiten stecken»

Welche positiven Auswirkungen können die Spiele haben?
Die visuelle Technologie entwickelt sich stetig weiter, und so gelingen uns heute Panoramabilder und Athletenaufnahmen von ausser­gewöhnlicher Qualität. Mehrere Milliarden von Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt bekommen die Schweiz zu sehen, und die Bilder verleiten sie dazu, unser Land zu besuchen. Wir müssen ihnen zeigen, dass es uns gibt. In der Schweiz haben wir oftmals das Gefühl, die Besten der Welt zu sein. Das trifft zwar in einigen Bereichen zu, allerdings nicht überall. Wir vergessen manchmal, dass wir klein sind und uns nicht alle kennen. Solange die Leute nicht wissen, wer wir sind, und sie die Schweiz mit Schweden verwechseln, präsentiert sich die Lage für den Tourismus kompliziert.

Bieten die Spiele eine Chance für den Bergtourismus?
Sie sind eine Chance für den gesamten Schweizer Tourismus. Gelegenheiten, in solchem Mass auf sich aufmerksam zu machen, gibt es nicht viele. Die Olympischen Winterspiele gehören zu den medienwirksamsten Sportereignissen weltweit. Die Durchführung einer solchen Veranstaltung würde unseren Tourismus voranbringen. Die Schweizer tendieren dazu, sich im Vorfeld nicht gross für ein Ereignis einzusetzen, doch wenn es vor der Tür steht, mobilisieren sie doch. Das Ereignis wird Gefühle von Stolz und der Verbundenheit auslösen. Sollte «Sion 2026» kommen, wird sich die Bevölkerung zweifelsohne dafür einsetzen. Und auch dies ist für den Tourismus wichtig.

Welche Rolle müssen die Tourismus­akteure spielen?
Es ist wichtig, dass sie zu Botschaftern dieses Projekts werden. Sollten wir ausgewählt werden, müssen wir auf die Gastfreundschaft setzen. Das Gastgewerbe ist ganz grundlegend zuständig fürs Image und die Erlebnisse, welche die Leute von unserem Land erhalten und behalten. Wenn die Gäste kommen, müssen wir sie gebührend in ­Empfang nehmen, angemessene Preise festlegen, einen tadellosen Service bieten und zeigen, dass wir Leute vom Fach sind, die der weltweiten Tourismuskonkurrenz gewachsen sind.

Zahlreiche Hürden sind zu nehmen…
Die Olympischen Spiele lösen viele Gefühle aus. Die FIFA und das IOK haben zuletzt ein erbärmliches Bild vom Sport abgegeben. Leute, die in diesen Organisationen tätig waren, dachten in erster Linie an sich anstatt an die Gemeinschaft. In Sotschi musste alles, von den Flug­häfen bis hin zu den Autobahnen, neu erbaut werden, daher kommt die Masslosigkeit. Von diesem ­Gigantismus sind wir jedoch nicht betroffen, da hier die Infrastrukturen bereits gegeben sind. Unsere Philosophie ist völlig verschieden.

Auch müssen die Umweltkreise überzeugt werden, für die der Wintertourismus langfristig keine Zukunft hat…
Es stimmt, die Tage mit einer Schnee­decke in den Schweizer Alpen haben sich seit 1970 um 37 Tage verkürzt. Doch bei uns stehen die höchsten Berge Europas. Der Wintersport wird also nicht verschwinden, denn, wenn der Schnee zu einem seltenen Produkt wird, sind wir zuvorderst, um von dieser Art von Tourismus zu profitieren. Eine Auswahl an touristischen Aktivitäten anbieten zu können, ist zwar wichtig, doch ­damit die Diversifikation auch funktioniert, muss man auf sich aufmerksam machen. Und die ­Organisation der Spiele ist hierfür ein ideales Mittel.

«Die Schweiz verdient es, ein richtig grosses Projekt zu bekommen»

Welches sind die nächsten Schritte?
Das Sportparlament muss sich bis am 11. April zum Projekt äussern, danach treffen der Bundesrat und die beiden Kammern eine Entscheidung. Wenn sie das Projekt befürworten, wird es vor das Walliser Volk kommen. Es ist noch nichts entschieden, doch ich bin zuversichtlich, denn der Bund weiss genau, dass die Berge in Schwierigkeiten stecken. Die Schweiz verdient es, ein richtig grosses Projekt zu bekommen.

Olympische Agenda 2020

Die «Olympische Agenda 2020» ist die strategische Leitlinie für die Zukunft der olympischen Bewegung. Die enthaltenen 40 Vorschläge zeichnen ein Bild, welches das IOK «als Beschützer der Einzigartigkeit der Olympischen Spiele zeigt und den Sport in der Gesellschaft stärkt.» Die wichtigsten Punkte:

  • Neu sollen potenzielle Kandidatenstädte ein Projekt präsentieren können, dass ihren wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zukunftsplanungen langfristig entspricht.
  • Die Bewerbungskosten sollen gesenkt werden, indem die Anzahl der bewilligten Präsentationen der Kandidaten eingeschränkt werden. Zudem dürfen die Kandidaten mit einer grossen finanziellen Unterstützung seitens des IOK rechnen.
  • Zukünftig werden in das Programm der Olympischen Spiele mehr Sportarten aufgenommen, die Zahl der Wettbewerbe bleibt jedoch beschränkt.

 

 

 

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