Eine Herzensangelegenheit

Grundsätzlich ist man da, wo man ist. So wie Sandra und Claude Tappolet vom Siblinger Randenhaus am nördlichen Ende der Schweiz. Wer bei ihnen auf dem Randen Halt macht, hat den Weg zurückgelegt, weil er hierher kommen will. Nicht nur der schönen Aussicht auf 840 m. ü. M. wegen, sondern weil das Gastgeberpaar jeden Gast mit Empathie empfängt.

Seit 19 Jahren führen die Tappolets den im schaffhausischen Klettgau auf einem Juraausläufer liegenden Betrieb. Priorität Nummer eins: Gäste und Mitarbeitende sollen sich wohlfühlen. Geht es dem Team gut, geben sie es an die Gäste weiter. «Gestern war ein Alters heim hier. Viele kamen schon früher zu uns», erzählt Sandra. «Und wenn man die Freude in ihren Augen sieht, berührt es einem selber. Das kann man nicht mit Geld kaufen.» Claude nickt. «Kürzlich kam eine Frau zu uns, die sagte: ‹Jetzt war ich nochmals hier, jetzt kann ich sterben›.» Sie empfinden es als Ehre, Lebensgeschichten mittragen zu können. Es gibt aber auch das Umgekehrte, das Prosperierende. Wenn etwa ein junger Mann mit seiner Freundin im Gastraum sitzt und Sandra daran denkt, wie sie ihm als Kleinkind das Spielzeugkesseli hinstellte.

Sie sind ein versiertes Team. Sand ra organisiert den Service und die Bankette, die Kommunikation und private Buchhaltung sowie den Haushalt. Claude zeichnet für Küche, Betriebsführung und Menüplanung verantwortlich. Alles geht Hand in Hand, man kann sich den einen nicht ohne den andern vorstellen. Sie kennen sich schon seit der Rudolf-Steiner-Schule. Bevor sie 2000 den Betrieb in dritter Generation überahmen, sind sie viereinhalb Monate mit dem Wohn mobil von Mexiko nach Kanada und zurückgefahren. «Das war Gold wert!», strahlt Claude. Jetzt können sie nicht mehr einfach weg.

Qualität und Regionalität
Hinter dem Neubau aus den 70erJahren, wo sich das Restaurant, das Hotel mit 9 Zimmern und die Wohnung der Familie Tappolet finden, steht das alte Bauernhaus, welches Claudes Grossvater Werner 1945 erwarb und dort mit seiner Frau Marie die erste Wirtschaft auf dem Randen betrieb. Heute ist es ein Demeter-Hof.

Für das Restaurant beziehen sie von dort einige Lebensmittel, alle anderen Produkte stammen aus der Region, auch das Fleisch. Aus Schweinsnierstück, Kalbsbäggli und Entrecôte zaubern sie verschiedenste Ge richte. Die Karte ist umfangreich und offeriert vom einfachen Wurstsalat bis zum am Tisch tranchierten Entrecôte double oder Rehrücken. Ist Bärlauchzeit, nutzen sie das. Spargeln gibt es erst, wenn jener in Schaff hausen reif ist, dasselbe gilt für Erdbeeren. Auch der Blauburgunder und das Bier kommen aus der Nähe. Beim Kaffee setzen sie aus ethischen Gründen auf Max-Havelar-Bio-Kaffee. Das machen sie schon sehr lange, und galten deswegen auch sehr lange als Exoten. Wertschöpfung und Transparenz haben bei den Tappolets Vorrang. Bau en sie, wie kürzlich einen Spiel platz, setzen sie auf lokale Handwerker, auch die Textilien beziehen sie in der Region. «Wir sind mit der Bevölkerung vernetzt», sagt Sandra. Auch das ist eine Strategie.

Der Herbstjoker: Wildbuffet
Gast, was er im Randenhaus bekommt. Die lokalen Jäger können die erlegten Tiere direkt in einen Frigo im unteren Hausteil bringen. «Wir ziehen dem Wild selber das Fell ab und entbeinen es», sagt Sandra. Alles wird verwendet, aus den ausgekoch ten Knochen entstehen traditionelle Saucen. Höhepunkt ist das legendäre Wildbuffet, dessen Idee vor langer Zeit entstand, um im Spätherbst die ruhige Zeit zu füllen. Inzwischen findet es an acht Abenden freitags und samstags statt. Die Daten werden nicht im Voraus publiziert. «Ich versende sie Mitte August via Newsletter», erklärt Claude. «Den schicke ich abends um elf Uhr ab, anderntags am Mittag sind wir jeweils ausgebucht.» Pro Abend sind dies 50–70 Personen – und es wollen immer mehr kommen.

Die Tappolets engagieren sich stark für die Branche. Sandra ist im Vorstand von GastroSchaffhausen und der Hotel & Gastro Formation Schaffhausen. Claude ist seit Kurzem Ambassador Turicum der Gilde, bei der das Ehepaar seit 2013 Mitglied ist. Claude sagt: «In Ver bänden hat es immer zu wenig Leute und wir möchten konstruktiv mitarbeiten.» Daneben amten bei de als Prüfungsexperten, sie im Servicefach, er bei den Köchen. So wissen sie stets, was läuft. Aber es ist auch die Leidenschaft für die Förderung des Nachwuchses. Sie bilden selbst drei Lernen de im Service und drei in der Küche aus.

Sandra sinniert, wo die Linie zwischen Freizeit und Arbeit verläuft und argumentiert: «Man hat es nicht immer besser, wenn man frei hat oder nicht schlechter, wenn man arbeitet. Man steht im Leben, und wenn einem nichts weh tut und man es schön hat mit den Menschen um sich, was will man mehr?» Aber es sei auch nötig, sich Gren zen zu setzen, um nicht auszubrennen. Nach 19 Jahren Erfahrung wissen sie, was sie brauchen. Sie schliessen um 23.30 Uhr und halten an den zwei Ruhetagen fest. «Wenn es uns gut geht, wir den Nachtschlaf haben und gesund bleiben, dann bleibt der ganze Betrieb gesund», erklärt Sandra. «Unsere Ehe bleibt gesund, unsere Familie, die über 20 Mitarbeiter und die Gäste. Dem müssen wir Sorge tragen.»

Vielleicht mit ein Grund, dass das Randenhaus weniger Fluktuation als andere Betriebe hat. Erst kürzlich feierten sie mit 2 von 22 Mitarbeitenden ein 20 - und ein 30 -Jahr - Jubiläum. Sie kommunizieren ehrlich und offen. Trotzdem eignet sich ein Familienbetrieb nicht für jeden. «Viele kommen aber wieder zu rück. Das ist wie ein Kind, das nach Hause kommt», sagt Sandra, selbst zweifache Mutter.

Die Aussicht vom Randen ist einmalig, der Betrieb läuft. Fühlen sie sich nie zu weit weg von allem? Claude überlegt. «Als ich aufwuchs, hatte ich dieses Gefühl. Für Teenager ist es ein schwieriger Ort. Unsere zwei Söhne haben das auch. Aber dann sehe ich wieder, wie sie auf Instagram ‹Best Place› posten.»

Die Grenznähe als Herausforderung
Zur deutschen Grenze sind es nur fünf Kilometer Luftlinie. So man cher speist der Prei se wegen jenseits der Grenze. Claude nickt: «Diese Klientel hat andere Priori täten, da können wir preislich nicht mithalten. Deswegen ist es doppelt so wichtig, Gastlichkeit zu leben. » Der Erfolg gibt ihnen Recht. Doch sie re la ti vieren: «Es war nicht immer so einfach, wie wir es heute haben. Ein Betrieb nach oben zu bringen, ist das eine, oben zu bleiben, ist genauso schwierig.»

Die Tappolets scheinen so ruhig und bedacht. Claude lacht. «Wir sind auch nur Menschen, bei uns ist nicht alles heile Welt. Aber wir lassen immer An stand und Respekt walten.» Regt sie denn gar nichts auf? Sandra überlegt. «Nicht mehr viel, wir gehen ins Yoga», sagt sie lachend. Und dann fällt ihr doch noch etwas ein. «Wenn die Wertschätzung und der Respekt gegenüber Mit arbeiten den fehlt, indem ein Gast die se Mach! Bring! Mentalität vermittelt und glaubt, er habe einen guten Service einfach zu gut.» Aber dies passiere äusserst selten. Manche Menschen sind so resistent, dass die Randener Wohlfühlatmosphäre sie einfach nicht erreicht. Selber schuld.

 

 

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