Flandern: Miteinander zur internationalen Kulinarik-Destination

Es hätte ein Highlight in der Positionierung der Region Flandern als Food-Destination werden sollen: die «The World’s 50 Best Restaurants»-Zeremonie am 2. Juni 2020 in Antwerpen. Doch weil die Coronapandemie auch vor der belgischen Grenze nicht Halt macht, musste das Fest um ein Jahr verschoben werden.

Ein Blick zurück: Dezember 2015 war es, da schlossen sich 15 führende Gastronomen der Region und der flämische Tourismusminister zusammen. Ihr Ziel: Flandern soll bis 2020 eine kulinarische Destination werden. Köche, Produzenten, Zulieferer, sie alle sollten gemeinsame Sache machen, damit Flandern endlich in einem Atemzug mit Dänemark, Spanien oder Peru genannt wird, wenn es um gutes Essen geht. Unter dem Namen «Flanders Culinary Faculty» entstand ein Projekt, um Food-Touristen aus der ganzen Welt anzuziehen. «Das kulinarische Flandern erhält von der Welt nicht genügend Anerkennung», heisst es auf der offiziellen Website.

Simple Gerichte – oder doch nicht?
Nun, für Gastroprofis dürften es keine Neuigkeiten sein, dass Belgien – und insbesondere Flandern – eine tief verwurzelte Food-Tradition besitzt: Moules-frites, Waffeln, Schokolade. Mit 97 Michelin-Sternen verfügt Flandern flächenmässig weltweit über die höchste Sternedichte. Doch es sind längst nicht nur die Gourmetlokale, die zur gastronomischen Entdeckungsreise nach Antwerpen, Gent, Brügge und Co. animieren. Das GastroJournal hat die Region im vergangenen Oktober bereist. Fazit: Interessierte Gastronomen sollten ihr spätestens nach der Coronakrise einen inspirierenden Besuch abstatten.

Zum Start zieht es uns ins neu eröffnete Bistro L.E.S.S. in Brügge. «Less» bedeutet hier aber nicht «weniger»: Die vier Buchstaben stehen für Love, Eat, Share, Smile – liebe, esse, teile, lache. Das Konzept: simple Gerichte zum Teilen. Dim Sum mit Schwein und Garnelen, ein Salat mit Tomate, Mango, Avocado, Zwiebel und Kresse an einer betörenden Vinaigrette als Einsteiger. Die Krokette mit Jamón Ibérico ist dem legendären Molekularküchentempel El Bulli gewidmet. Die mit einer Gewürzmischung bestäubte Kingfisch-Rose wird in einer Schale voller Eis in Szene gesetzt. Es folgen ein knuspriger Entensalat, Miso-Huhn und ein Aal mit Frühlingszwiebeln.

Und so nehmen wir die anfängliche Behauptung «simple Gerichte» zurück. Gert De Mangeleer und Joachim Boudens, die ehemaligen Macher des Ende 2018 geschlossenen Dreisternerestaurants Hertog Jan, schaffen es, die Gäste im L.E.S.S. mit Häppchen zu verblüffen. Mit den passenden Techniken verarbeitete erstklassige Produkte und mutige Kombinationen sorgen für viel Spass und grossen Genuss. Gepaart mit dem ungezwungenen Ambiente und dem lockeren Service entpuppt sich der Betrieb als ein Lokal, in dem man nach dem Lunch am liebsten gleich für denselben Abend nochmals reservieren möchte. Einen Monat nach unserem Besuch wird das L.E.S.S. mit dem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet.

Schlange stehen für Schokolade
Beim Verdauungsspaziergang durch die historische Stadt Brügge wird deutlich: Kultur bedeutet hier nicht nur Architektur, Malerei und Musik, sondern auch Kulinarik. Aus jeder Ecke duftet es herrlich, Menschenschlangen warten vor Food-Ständen, am längsten ist sie vor dem Shop «The Chocolate Line». Es ist der Showroom des Imperiums von Dominique Persoone. Der Selbstvermarkter beweist seinen Innovationsgeist mit unerwarteten Geschmackskombinationen und brillantem Storytelling. Und nicht zuletzt mit feinster Schokolade.

Abends geht es an die Küste nach Koksijde zu Willem Hiele. Im elterlichen Fischerhaus zaubert Hiele saisonale Gerichte mit den besten Zutaten aus der Region in Perfektion auf die Teller, die seine Frau Shannah den Gästen bringt. Das Menü schreibt er täglich neu. Den gewaltigen Steinbutt gart er erst über dem Grill im Garten, dann in der Pfanne in der kleinen Küche – eine authentische, kreative Show für alle Sinne.

Spitzenrestaurant in der Kirche
Tags darauf reicht am Mittag eine knusprige Portion der vielleicht weltbesten Pommes frites von Sergio Hermans Frites Atelier (siehe Tipps unten). Schliesslich steht am Abend das nächste Highlight an: The Jane, eine 2014 zum Design-Restaurant umgebaute alte Kirche in Antwerpen. Davor zeigt Chef Nick Bril seinen Kräutergarten auf dem Dach des Komplexes «Pakt» voller Start-ups. Dann beweist er, weshalb seine Küche mit zwei Sternen ausgezeichnet ist. Regionale Spezialitäten, aber auch eine israelische Schakschuka, ein französisches Croissant oder japanisches Sushi bilden die Basis für seine eigenständigen, hervorragenden Gerichte, die dem Gast echte Freude bereiten. Sommelier Gianluca Di Taranto spürt beim Gast heraus, ob er bei der Weinbegleitung eher auf der konventionellen oder auf einer mutigeren Schiene fahren soll.

Ob für eine Inspirationsreise, für ein Praktikum oder gar einen längerfristigen Job: Flandern, eine Region mit viel gutem Geschmack, erweitert den Horizont eines jeden Gastronomen.

Tipps zu Restaurants und Hotels

Frites Atelier (Gent, Brüssel, Antwerpen)
Schlicht genial! Sergio Herman schaffte es, aus dem simplen Streetfood eine Delikatesse zu machen. Seine Pommes frites (ab 3,25 €, je nach Saucenwahl) sind die vielleicht besten der Welt. Aussen kross, innen cremig. Dafür betrieb der Spitzenkoch viel Aufwand und suchte ausgiebig nach den besten Kartoffeln. Zu den Frites gibt es hausgemachte Saucen: Mayonnaise, Ketchup, Béarnaise, asiatisches Curry, Trüffel und weitere saisonale Dips. Dazu trinkt man belgisches Bier.

Graanmarkt 13 (Antwerpen)
Mode, Design und ein Restaurant: An der Adresse Graanmarkt 13 finden Feinschmecker Ruhe und Spass für alle Sinne. In der Küche setzt Seppe Nobels hauptsächlich auf vegetarische Gerichte. Über 100 Kräuter züchtet er auf der Dachterrasse, der ­eigene Honig stammt ebenfalls von dort. Was auf dem Teller landet, kommt aus nächster Umgebung, ist kreativ und leicht.

De Dulle Griet (Gent)
Ein mittelalterliches Lokal im Zeichen der belgischen Biertradition: Hier gibt es mehr als 500 Biere zur Auswahl. Von den bekannten grossen Namen bis zu Kleinstbrauereien – alle sind vertreten. Jedes Bier wird im passenden Glas ausgeschenkt. Aber Achtung: Wer das Hausbier «Max van’t huis» trinkt, muss seinen Schuh abgeben! Bei der Rückgabe des Glases kriegt man ihn dann zurück. So verhindert die Bar, dass die beliebten Gläser gestohlen werden.

Hotel Van Cleef (Brügge)
Das mit modernem Charme eingerichtete Boutique-Hotel (DZ ab 210 € pro Nacht) liegt mitten in der historischen Altstadt von Brügge. In der eigenen Bibliothek lässt es sich mit einem Buch entspannen. Oder auf der Terrasse am Kanal mit einem Heissgetränk aus der Teestube. Der Markt ist nur fünf Fussminuten entfernt.

Hotel Franq (Antwerpen)
Das Franq gehört zur Hotelgruppe Relais & Châteaux. Klassische Steinfassade, Marmorsäulen, blaue Samtsofas – zeitlose Eleganz erfüllt die Lobby in diesem einstigen Bankgebäude. Die Zimmer (DZ ab 160 €) sind hell, der Luxus wirkt clever versteckt. Für Gourmets: Tim Meuleneires Hotel-Restaurant ist mit einem Stern ausgezeichnet. Klassische Küche, moderner Twist, mediterraner Touch.

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