Hotel Innovations-Tag 2018: Warum der Mensch Schlaf braucht und was ihn fördert

Volker Busch ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Regensburg. Er leitet dort die wissenschaftliche Arbeitsgruppe «Psychosozialer Stress und Schmerz». Mit seinen Vorträgen und Seminaren vermittelt er auf neurowissenschaftlicher und psychologischer Basis Methoden zur Gesundheitsprävention, Leistungserhaltung und Lebensführung in Beruf und Alltag.

GastroJournal: Wie steht es um den Schlaf in unserer Gesellschaft?
Volker Busch: Menschen moderner Industrie-Nationen opfern ihren Schlaf häufig der allgemeinen Geschäftigkeit. Wir schlafen heute eine halbe Stunde weniger als noch vor 20 Jahren. Das liegt nicht daran, dass der Mensch weniger Schlaf bräuchte, sondern vielmehr daran, dass wir alle so viel zu tun haben und dem Schlaf nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken, die er verdient.

«Während wir schlafen, werden sogar Entschei­dungen getroffen»

Woher kommt dieses Gefühl, Schlaf sei vergeudete Lebenszeit?
Dinge, die wir aktiv tun, erachten wir als wertvoller als jene, die wir wegschlafen. Und damit verletzen wir im Grunde unseren biologischen Mechanismus, der besagt: Zu jeder Anspannung braucht es eine Entspannung, zu jeder Belastung eine Entlastung. Nur wenn wir beides in einer harmonischen Balance pflegen, entstehen Gesundheit und Zufriedenheit.

Warum ist Schlaf so immens wichtig für den Menschen?
Das hat mit unserem Gehirn zu tun. Darin brauchen verschiedene Strukturen Ruhe, ganz besonders unsere Stirnlappen. Denn während wir schlafen, werden überflüssige Reize gelöscht, relevante Dinge miteinander verknüpft und gespeichert, sogar Entscheidungen getroffen. Deshalb ist Schlaf so immens wichtig. Schlaf ist also ein hochaktiver Zustand, in dem wichtige Aufräumarbeiten stattfinden. Darüber hinaus hat der Schlaf auch positive Auswirkungen auf Stoffwechsel und das Immunsystem.

Also ist es eine Mär, dass manche Menschen weniger und manche mehr Schlaf benötigen?
Nein, nicht unbedingt. Es gibt durchaus Menschen, die mit sechs Stunden Schlaf auskommen, andere wiederum nur mit acht. Empfohlen wird heute eine regelmässige Schlafdauer von sechseinhalb bis achteinhalb Stunden. Länger ist nicht notwendig und weniger ist langfristig gesehen schädlich. Denn wenig Schlaf führt neben zahlreichen Beeinträchtigungen unter anderem auch zur Förderung der allgemeinen Zellalterung.

«Jeder Schlaf wird ­gefördert, indem wir ihn vorbereiten»

Wie schläft man gut, was fördert einen gesunden Schlaf?
Jeder Schlaf wird gefördert, indem man ihn vorbereitet. Man sollte nicht aus der Fülle des eigenen Tuns direkt ins Bett fallen. Denn das führt dazu, dass wir häufig noch angespannt sind und lange brauchen, um in den Schlaf zu sinken. Sinnvoller wäre es, gewisse Einschlafrituale zu gestalten, die es ermöglichen die Funktionssysteme langsam herunterzufahren. Beispielsweise ein Buch lesen, vielleicht Tagebuch schreiben, oder mit Kopfhörer Musik hören. Wichtig ist zudem sehr spätes Essen zu vermeiden wie auch intensive Sport­einheiten vor dem Schlafengehen. Laptops und Fernseher nach 22 Uhr sollten vermieden werden, weil das emittierte Licht mit hohem Blau-Anteil den Tiefschlaf unterdrückt.

Inwiefern sind Materialen (Bett, Kissen etc.) wichtig für einen guten Schlaf?
Die wichtigste Regel ist, dass man sich wohl fühlt. In diesem Bereich gibt eine riesige Industrie, die uns überteuerte Produkte einredet um halbwegs zur Ruhe zu kommen. Nicht die Matratze entscheidet über Ihre Schlafqualität, sondern wie wohlwollend Sie mit sich selbst umgehen. Den einen oder anderen orthopädischen Gesichtspunkt kann man berücksichtigen. So ist es beispielsweise sinnvoll, dass eine Matratze das Gewicht des Körpers an vielen Druckpunkten aufnimmt und unterstützt. Wichtig ist zudem ein bequemes Kissen, wobei das sehr individuell ist. Was die Decke anbelangt, sind Daunenfüllungen zu empfehlen. Denn zum einen haben diese Decken eine hohe Milbendichte, zum anderen ermöglichen sie den Feuchtigkeitstransport. Denn der Mensch schwitzt in der Nacht einen halben Liter und der muss abgeführt werden. Unter dem Strich profitiert der Mensch darüber hinaus auch von Dunkelheit und frischer Luft während der Nacht. Sehr viel mehr ist wissenschaftlich zurzeit nicht bewiesen.

Wenn wir gerade bei der Ausstattung sind. Wie steht es um den Schlafkomfort in der Hotellerie?
Das Bewusstsein der Hoteliers für diese Thematik ist längst da und erfreulicherweise auch die Bereitschaft, dem Gast dahingehend etwas zu bieten. Das erlebe ich sehr positiv bei uns im Land. Insbesondere in den modernen Hotels sind Betten und Matratzen in aller Regel heute sehr angenehm. Was ich indes oft als unangenehm empfinde, sind in altbackenen Hotels schmale Matratzen und Betten, die vorne und hinten durch ein Bettgestell oder ähnlichem begrenzt sind. Denn der Mensch bewegt sich in der Nacht 40 bis 60 Mal und wenn er irgendwo anstösst, dann verursacht das eine Wachreaktion. Was ich zudem ab und an vermisse, sind intelligente Verdunklungsmöglichkeiten. Hier gibt es noch Verbesserungsbedarf. Schicke Raff-Stores sehen besser aus, keine Frage, aber sie dunkeln eben auch wenig ab.

Wohin entwickelt sich der Mensch in Sachen Schlaf?
Ich scheue mich, hier eine Antwort zu geben, weil wir dann das Gebiet der Wissenschaft verlassen. Denn Forschung orientiert sich an gegenwärtigen Daten. Daraus Prognosen für die Zukunft zu formulieren, ist deshalb schwierig. Fakt ist, dass der Schlaf ein physiologisches Grundbedürfnis des Menschen bleiben wird. Was ich mir leider vorstellen kann ist, dass sich aufgrund der Reizüberflutung in einer immer lauteren und helleren Welt die Rahmenbedingungen für Ruhe ungünstig entwickeln werden und gegebenenfalls auch Störungen durch Schlafmangel zunehmen werden.

www.drvolkerbusch.de

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