Hotel zwischen zwei Welten

Wer Mitte April anstelle der Passstrasse den San-Bernardino-­Tunnel hinter sich lässt, gelangt direkt nach San Bernardino. Ein Ort, der noch zum Kanton Graubünden gehört, aber an dem man sich aufgrund der italienischen Sprache bereits im Tessin wähnt. San Bernardino, ein Ort zwischen zwei kantonalen Welten, hat eine bewegte Geschichte. Touristisch in den 70er-Jahren gross geworden, nach der Tunneleröffnung, dem Bauboom von Zweitwohnungen und der Eröffnung des ersten Skigebietes, hat er inzwischen ein wenig von seinem Glanz eingebüsst. Vor allem seit der Schliessung der Berg­bahnen aufgrund fehlender Investitionen 2012 ist der Winterbetrieb schwieriger geworden. Indes schätzen gerade Tourengeher, Langläufer und Schneeschuhwanderer das Idyll des Gebietes, und der Ort ist für Durchreisende ins Tessin und Italien eine wichtige Station geblieben.

Zwei Gastgeber, die diese Entwicklung in den letzten Jahren miterlebt haben und heute nach wie vor ihren gut aufgestellten Betrieb in San Bernardino führen, sind Simona und Hans Peter Wellig-Frei. «Seit 1933 ist meine Familie in San Bernardino ansässig», erzählt Hans Peter Wellig, der im Hotel National in unmittelbarer Nähe des Bellevue aufgewachsen ist. Aufgrund dieser frühen Verbundenheit zur Hotellerie sei es für ihn schon immer klar gewesen, dass er dereinst im Anschluss an die Kochlehre und der Belvoirpark Hotelfachschule in die Hotellerie einsteigen würde. Als sein Vater 1984 das Hotel Bellevue kaufte, übernahm er zusammen mit seiner Frau den Betrieb als Geschäftsführer, ab 2002 dann als selbstständiger Eigentümer.

«Bis heute sind wir gut aufgestellt und im Gegensatz zu anderen Betrieben im Ort mit einem blauen Auge davongekommen», betonen die beiden. Ein Grund dafür sei sicher, dass sie seit der Übernahme konsequent und kontinuierlich in den Betrieb investiert hätten. «Denn als wir 1984 angefangen haben, gab es im Ort noch sechs Hotelbetriebe. Heute existieren noch zwei Hotels, ein Apart­hotel und in Self-Check-In-Hotel. Das sind etwa 170 Betten. Zum Vergleich: Wir haben in San Bernardino rund 6000 ‹kalte Betten›.»

Von diesen kalten Betten der Zweitwohnungsbesitzer profitiert das Bellevue vor allem im Bereich der Restauration. «Der F&B-Umsatz ist für uns essenziell, macht er doch vom Gesamtumsatz mehr als 50 Prozent aus», hält Hans Peter Wellig fest. Wenig verwunderlich arbeiten die meisten ihrer festangestellten Saisonmitarbeitenden in der Küche beziehungsweise im Service, um die 100 Plätze im Restaurant, die 25 Plätze auf der vorderen sowie die 30 Plätze auf der hinteren Terrasse zu unterhalten.

Das Hotel bietet derweil 50 Betten und 23 Zimmer. Die Hauptklientel im Sommer sind Feriengäste aus dem Tessin, Wanderer, Velofahrer sowie Durchreisende, die hier Zwischenhalt auf der Reise nach Italien machen. Im Winter sind es vor allem Tessiner und Italiener sowie Tourenskifahrer und Schneeschuh­wanderer. «Für letztere organisieren wir auch speziell durchgeführte Tourenwochen.» Unterstützung erhalten die Welligs im Hotel- und ­Restaurationsalltag während der neun Monate dauernden Saison von zehn Mitarbeitenden, «die uns teils schon jahrzehntelang begleiten – und in den Ferien natürlich auch von unseren erwachsenen Töchtern».

Simona und Hans Peter Wellig führen neben ihrem Hotel auch noch die sich in unmittelbarer Nähe befindende lokale Gruppenunterkunft der Gemeinde Mesocco als Geschäftsführer. «Dort beherbergen wir vor allem Schulklassen, die nach Splügen zum Skifahren gehen. Das Interessante an diesen Lagern, die rund 5000 Übernachtungen während der drei Wintermonate bringen, ist das Rund-um-Paket, das wir ihnen anbieten können sowie natürlich der Zusatzverdienst, den wir als Geschäftsführer erhalten. Denn diesen Lohn können wir wiederum in unseren Betrieb stecken.» Etwas, das Welligs in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich getan haben: von den Zimmern bis zum F&B-­Bereich.

Mit Blick in die Zukunft sehen die Welligs für San Bernardino und ihren Hotelbetrieb viele Chancen. «Wir befinden uns in einem Idyll auf 1608 Metern über Meer und sind sehr nahe an Bellinzona, Lugano und Mailand», halten die beiden fest. Wenn die Gemeinde auch noch einen Investor für die Bergbahnen finde, dann seien sie zudem für den Wintertourismus mehr als zuversichtlich. «Und falls Letzteres passiert, dann erfüllen wir uns auch noch unseren letzten Traum: Den Bau eines Saals sowie einer kleinen Wellness­-Anlage auf der hinteren Terrasse. Wir sind optimistisch!»

www.bellevue-sanbernardino.ch


Ein Auszug typischer Gerichte im Misox

Im italienischsprechenden Teil des Kantons Graubünden finden sich auch typische Gerichte aus dem Süden der Schweiz. Beispielsweise:

Vorspeisen, Einzelgerichte
• Busèca, würzige Gemüsesuppe mit Kutteln
• Denc de can in insalata, Löwenzahnsalat
• Matuscia, Polenta mit Löwenzahn
• I Mazzafam, «Hungertöter», gebratene Kartoffeln mit Mais
• Minestron, Gemüsesuppe mit Speckschwarte
• Pasta e fasee, Pasta-Suppeneintopf mit Bohnen
• Pan ciocc, marinierte Brotschnitten in Butter gebraten
• Risott de Rorè, Risotto nach Art von Roveredo
• Smeazza (Scmieza), Gemüsegratin mit Kräutern und Käse
Fleisch, Fisch und Wild
• Caurett in umid, Gitzi – junge Ziege – im Jus
• Castegn succ, Schweinshaxen mit Kastanien, gesotten
• Cazola, Schweinerippchen mit Gemüse
• Cunili ai fonc, Kaninchen mit Pilzen
• Cunili al forno, Kaninchen im Ofen
• Costin ciocc, «betrunkene» Schweinerippchen
• Fasan a la fiora, Fasan mit Rahm
• Luganig e vin, Schweinswurst in Wein
• Marmota in salmì, Murmeltierpfeffer
• Pizochen con la Mascarpa e Ton, Pasta mit Kartoffel, Käse, Salbei und Mascarpa, serviert mit Thunfisch
• Polastro al vin, Huhn in Wein
• Sèla de capriolo, Rehrücken
• Trota al cartoccio, Forelle in der Folie
Desserts und Getränke
• Flan, Caramel-Pudding nach Misoxer Art
• Rosòli de Rorè, Fenchellikör von Roveredo
• Torta de pan, Brot-Torte
• Zabaion, warme Weinschaumcreme

Quelle: www.visit-moesano.ch

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