Hotelkooperation Frutigland: eine Standortbestimmung

Im Februar 2015 haben 13 Hotel­betriebe die Hotelkooperation Frutigland gegründet – heute sind es noch 9. Ein Gespräch mit Initiant und Direktor der TALK AG (Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg) Urs Pfenninger, dem Kooperationspräsidenten Chris Rosser sowie dem Kooperationsmitglied und Gast­geber Philipp Blaser vom Hotel ­National in Frutigen.

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GastroJournal: Was war der Grundauslöser für die Hotelkooperation?
Urs Pfenninger: Als ich 2013 in die Region gekommen bin, habe ich bemerkt, dass die Hotellerie hier sehr fragmentiert ist – kleine Betriebe, die alles geben, aber meist zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben erwirtschaften. Wenn man da nichts macht, dann drohen diese Betriebe im Strukturwandel zu verschwinden. Mein Ziel war es, erstens keine Hotelbetten zu verlieren, zweitens gesunde und gut ­positionierte Betriebe zu haben und drittens eine verbesserte Zusammenarbeit der Hoteliers über ein Dorf hinaus. Die Hotelkooperation Frutigland hat dann die Destinationsverdichtung, die inzwischen vollzogen ist, massgeblich gefördert, und war auch Schneepflug für die Tourismus­entwicklung all­gemein. Denn wenn die Hotellerie das Rückgrat des Tourismus ist, dann muss man sie stärken.


«Die Hotelkooperation hat die Destinations­verdichtung gefördert»

Urs Pfenninger

 


In der Schweiz gibt es bislang ganz wenige Hotelkooperationen. Warum?

Urs Pfenninger: Die Blockade ist ausschliesslich und immer im Kopf. Alle reden von Zusammenarbeit und Kooperation, aber niemand macht es. Denn viele glauben noch immer, es gehe ihnen gut genug. Damit Kooperation funktioniert, muss man erkennen, dass man selber profitiert, wenn es anderen gutgeht. Und es braucht jemanden, der initialisiert und dafür kämpft.
Philipp Blaser: Die Angst, dass die Gäste vielleicht statt zu mir eher zum Kollegen gehen, mit dem ich zusammenarbeite, kenne ich so wenig wie meine Kooperationskollegen. Wir sind vielmehr davon überzeugt, dass es uns allen hilft, wenn wir den Gast in die Region bringen.
Chris Rosser: Was Gärtchendenken bewirkt, offenbart sich im nächsten Tal: Interlaken. Was ist dort passiert? Alles wird verkauft. Bei uns fängt diese Tendenz erst an, jedoch nicht in den Betrieben, die bei uns in der Kooperation sind. Diese Betriebe jammern nicht rum, sondern machen weiter, weil Verkaufen die einfachste Lösung ist. Was es in einer solchen Kooperation allerdings braucht, ist volle Transparenz.



«Wir können ­gegenseitig voneinander lernen»

Philipp Blaser



Philipp Blaser:
Da fällt mir auch kein Zacken aus der Krone, wenn ich ­einem Kollegen verrate, wie viel Umsatz wir machen. Zudem kann ich meine Zahlen mit seinen vergleichen, und wenn ich sehe, dass er bei den Mitarbeitenden beispielsweise weniger Kosten hat als ich, dann kann ich ihn fragen, wie er das macht. Und so können wir gegenseitig voneinander lernen.

Kosten sparen, Wissen teilen: Eine Kooperation bringt weiter. Was war für Sie, Philipp Blaser, ein Bereich, in dem Sie besonders profitieren konnten?
Philipp Blaser: Letztlich sind es viele Bereiche. Aber beispielsweise das Qualitätsmanagementsystem, das wir kürzlich zusammen implementiert haben, wäre ich alleine nie angegangen. Und ich hätte mich wohl auch nicht mit folgenden Fragen beschäftigt: Wie hole ich Online-Bewertungen rein? Wie komme ich im Online-Ranking rauf? Wie kann ich meine Gäste positiv beeinflussen, dass sie eine gute Bewertung hinterlassen? Gerade der Online-Bereich ist heute enorm wichtig. Wenn ich mich da nicht bewege, dann bin ich irgendwann weg. Aber alleine – ich bin in der Küche, im Büro, bei den Mitarbeitenden – hätte ich mich nie so intensiv mit dieser Thematik beschäftigen können. Da bin ich schon froh, dass ich auch ab und an einfach mal nur mitsurfen darf. Ich helfe dann wiederum in anderen Bereichen.


«Erfolgsfaktoren: ­Durchhaltewille, Fairness und Transparenz»

Chris Rosser

 

 

Chris Rosser: Wir schauen bei jedem Thema, das uns beschäftigt, wer welche Kompetenzen, Affinitäten oder auch Kontakte hat. Und das ist wahnsinnig, die Kooperations-­Betriebe kennen praktisch alle drei Täler in- und auswendig. Dennoch bleibt die Herausforderung der Fokussierung, weil es so viele Themen sind, die uns tagtäglich beschäftigen, und weil wir uns irgendwo und irgendwie beschränken müssen.

Welche Art von Leuten braucht es in einer Kooperation: Reisser? Mitläufer?
Urs Pfenninger: Ich habe bewusst dafür gesorgt, dass es innerhalb der Kooperation eine Balance zwischen Mitläufern und Reissern gibt. Denn gewisse Mitläufer sind mir genauso wichtig, da erstens deren Betriebe extrem wichtig für die Dörfer und Orte sind, und zweitens die Mitläufer die Reisser ein wenig erden.
Philipp Blaser: Die Arbeitsaufteilung muss einfach gut sein, wir müssen uns die Arbeiten auch gegenseitig geben. Denn es besteht in einer Kooperation schon die Gefahr, dass gewisse Leute (schaut zu Chris Rosser) sagen, das mache ich auch, und das auch noch… und dann bleibt gar nichts mehr für die anderen übrig. Und da müssen wir noch lernen zu sagen: Das ist jetzt dein Job, mach du das.
Chris Rosser: …denn wir haben ja etliche Personen in der Kooperation, die zwar ein riesiges Wissen haben, aber erst damit heraus­rücken, wenn sie gefragt werden. Und da haben wir noch viel unausgeschöpftes Potenzial. Hinzu kommt, dass es nach drei Jahren schon ein wenig ermüdend ist, wenn man merkt, dass es solche gibt, die sich immer drücken und finden, wir haben nun bereits finanziell schön profitiert und gespart, während ich der Ansicht bin, wir haben gerade einmal 10 Prozent von dem erreicht, was wir erreichen könnten.


«Die finanzielle Unterstützung ist alles andere als selbstverständlich»

Chris Rosser

 


Was sind die Erfolgsfaktoren Ihrer ­Hotelkooperation?

Urs Pfenninger: Vertrauen, Engagement und Motivation.
Chris Rosser: Durchhaltewille, Fairness und Transparenz.

Heutzutage braucht es Innova­tionen. Inwiefern hilft es gerade in diesem Bereich, Teil einer Kooperation zu sein?
Chris Rosser: Der Vorteil der Kooperation ist, dass wir einen Innovationsprozess eingeführt haben. Das heisst, dass wir immer, wenn wir eine Idee haben, diesen Prozess in Gang setzen. Aber grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass man keine Gruppe braucht, um innovativ zu sein. Denn diesen Prozess anzustossen, Erneuerndes zu suchen, am Puls der Zeit zu sein, das muss eigentlich jeder für sich selber. Aber mit Partnern hast du vielleicht eine bessere Chance, dass deine Visionen auch wirklich in die Realität umgesetzt werden können. Eine Kooperation heisst also noch lange nicht, dass du innovativ bist, aber sie hilft mit einem konstruktiven Druck und einem klaren System, Innovationen zu fördern.


«Erfolgsfaktoren: ­Vertrauen, Engagement und Motivation»

Urs Pfenninger

 

 

Philipp Blaser: Böse gesagt ist ja eine Kooperation an sich schon eine Innovation. Aber wie bereits erwähnt: Nur weil wir eine Kooperation sind, heisst es noch lange nicht, dass wir innovativ sind. Wir versuchen ­einzig, diesen Innovationsprozess immer wieder anzustossen.

Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie nochmals starten könnten?
Urs Pfenninger: Grundsätzlich ist es so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Im Detailbereich könnte man noch immer justieren.
Chris Rosser: Ich würde von Anfang an eine Webseite aufschalten, auf der jeder unserer Vorgehens-Schritte transparent und zeitnah kommuniziert wird. Wer sind wir? Warum machen wir das? Das hat uns am Anfang fast das Genick gebrochen, weil über unser Unterfangen Gerüchte gestreut wurden, denen wir nichts entgegenhalten konnten.

Inwiefern haben Sie Kontakt mit anderen Hotelkooperationen?
Urs Pfenninger: Im Moment hat die Hotelkooperation Frutigland noch einen Fahrplan, an den sie sich halten muss. Und wenn man diese Aufgaben erledigt hat, dann ist es durchaus möglich, dass wir mit anderen Hotelkooperationen zusammenarbeiten – die Lötschentaler wären geografisch perfekt. Aber sicher nicht im Sinne von fusionieren, sondern mehr eine Zusammenarbeit bei gewissen Themen wie Einkauf, Versicherungen et cetera.
Chris Rosser: Wir haben ja schon sehr stark von den anderen Hotelkooperationen profitiert, weil wir die Fehler, die sie gemacht haben, nicht wiederholen mussten. Und diejenigen Kooperationen, die jetzt vielleicht noch entstehen, werden wiederum viele Fehler, die wir gemacht haben, nicht mehr machen. Jede Kooperation hat eine eigene Geschichte und eigene Grundlagen, deshalb sind die Überschneidungspunkte an einer Hand abzuzählen. Ich bin aber überzeugt, dass wir momentan erst unsere eigenen Hausaufgaben machen müssen, ­bevor wir mit anderen Kooperationen zusammenspannen. Und wenn die gemacht sind, dann spricht nichts gegen eine Zusammenarbeit.

Es wird ab und an Kritik laut, dass man staatlich zwar Kooperationen fördert, aber diese zu schnell sich selber überlässt. Inwiefern können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Urs Pfenninger: Eigentlich nicht. Denn es ist absolut zwingend und auch sehr wichtig, dass man irgendwann alleine gelassen wird. Zum Glück haben der Bund und Innotour so entschieden. Denn alles andere wäre einfach nur Strukturerhaltung wie gelegentlich bei der Landwirtschaft. Das kann es nicht sein. Zudem begreifen sich die Hoteliers ja letztlich alle als Unternehmer.
Chris Rosser: Es ist alles andere als selbstverständlich, dass wir die finanzielle Unterstützung überhaupt erhalten. Das dürfen wir nicht vergessen. Zudem bin ich kein Fan davon, dass man einfach ein Projekt verlängert und immer wieder Geld nachschiesst. Denn man hat das Projekt ja sauber ausgearbeitet. Einzig bei neuen Themengebieten müsste eine weitere Unterstützung möglich sein – und das ist ja nicht ausgeschlossen.



«2019 wollen wir auf eigenen Füssen stehen» 

Philipp Blaser

 

 

Wohin geht die Reise der Hotelkooperation Frutigland?
Philipp Blaser: Wir wollen 2018 die letzten Punkte abarbeiten, damit wir 2019 auf eigenen Füssen stehen können.
Chris Rosser: 2018 ist unser letztes Überbrückungsjahr (Anm. d. Red.: Es wurden noch finanzielle Ressourcen ins Jahr 2018 transferiert), in dem wir unseren 17-Punkte-Plan und auch die Zusammenarbeit mit unserem Coach sauber abschliessen möchten. Weiter ist es wichtig, dass unser neuer Teilzeit-Geschäftsführer Peter Zemp sein Pflichtenheft erhält und weiss, was er zu tun hat. Essenziell ist auch, dass unsere internen Abläufe und Verantwortlichkeiten klar geregelt sind. Im Prinzip sind es alles unternehmerische Dinge, die wir angehen müssen. Und nicht zu vergessen ab Mitte Jahr die konkrete Akquise von Betrieben, die jetzt Interesse bekundet haben – das sind etwa fünf.

Apropos Akquise: Wer passt zu euch?
Chris Rosser: Der Mensch muss passen, weniger der Betrieb. Der Gastgeber muss bereit sein, mitzuarbeiten und Aufwand in Kauf zu nehmen. Er muss die Werte und Normen teilen, die wir hier definiert haben, und er muss bereit sein, Wissen und Volumen einzubringen – und dann kann er profitieren.
Philipp Blaser: Wir wollen nicht Betriebe aufnehmen, nur damit wir wachsen. Das bringt uns nichts. Diejenigen Betriebe, die dazu stossen, müssen ihren Beitrag leisten.
Chris Rosser: Für mich wäre es spannend, wenn wir es fertigbringen würden, von der Ferienwohnung bis zum 5-Sterne-Hotel Mitglieder in unserer Kooperation zu haben. Wenn wir diese Bandbreite abbilden könnten, dann hätten wir eine unglaubliche Kraft. Denn dann könnten wir für den Gast die unterschiedlichsten Angebote kreieren. Für mich wäre es zudem toll, wenn wir möglichst viele Familienbetriebe hätten. Denn da weiss man, es geht um langfristige Investitionen.

Mitglieder Hotelkooperation Frutigland (Links)

Belle Epoque Hotel Victoria, ­Kandersteg
www.hotel-victoria.ch

Chalet-Hotel Adler, Kandersteg
www.chalethotel.ch

Strandhotel Seeblick, ­Faulensee
www.seeblick.ch

Ferien- und Familienhotel Alpina, Adelboden
www.alpina-adelboden.ch

Hotel Alfa Soleil, Kandersteg
www.alfasoleil.ch

Hotel Des Alpes, Adelboden
www.desalpes-adelboden.ch

Hotel Kreuz, Adelboden
www.kreuz-adelboden.ch

Hotel National, Frutigen
www.national-frutigen.ch

Hotel Waldhaus-Huldi, Adelboden
www.waldhaushuldi.ch

 

Kooperationsformen: vertikal, lateral und horizontal

Kooperieren ist eine gute Sache. Doch nicht immer ist die horizontale Variante, wie sie beispielsweise die Hotelkooperation Frutigland (siehe oben) pflegt, für jedermann geeignet. Denn sie bedingt Transparenz, Engagement und ein effektives Ja zur Zusammenarbeit. Gut existiert in der Theorie nicht nur diese Form, sondern verschiedene Möglichkeiten. Hier ein Überblick über die drei Kooperationsformen:

Vertikale Kooperation
Die vertikale Kooperation wird bis heute am häufigsten genutzt und bezeichnet Kooperationen, bei denen Betriebe unterschiedlicher Wertschöpfungsstufen zusammenarbeiten (beispielsweise Hotelbetriebe mit Bergbahnen, mit Destinationen etc.).

Horizontale Kooperation
Der horizontalen Kooperation begegnen die meisten gestandenen und unabhängigen Unternehmer bislang nach wie vor mit Skepsis, da hier Betriebe innerhalb der gleichen Branche sowie Wertschöpfungsstufe zusammenarbeiten und die kooperierenden Unternehmen somit Konkurrenten sind (beispielsweise Hotels mit Hotels oder mehreren Gastronomiebetrieben).

Laterale Kooperation
Eher dezent genutzt wird die laterale Kooperation, obwohl durch die fehlende direkte Konkurrenzsituation gegenüber dem Partner eine ideale Basis ­bestehen würde. Bei dieser Art der ­Kooperation arbeiten Unternehmen aus verschiedenen Branchen zusammen (beispielsweise Hotels mit Künstlern, einem Möbelgeschäft etc.). Quelle: «fit-together». Kooperation und Innovation in der Hotellerie

 

«fit-together»
«fit-together» von Martin Abder­halden, Leiter Hotellerie und Tourismus bei GastroSuisse, und Daniel C. Jung, Leiter Berufsbildung & Dienstleistungen bei GastroSuisse, ist ein Arbeitsbuch zur Umsetzung von Koope­rationen und Innovationen in der Hotellerie mit Leitfragen, Hilfsmitteln sowie vielen Beispielen. Das Werk vermittelt das nötige Know-how, zeigt Kooperationsmöglichkeiten auf und unterstützt Gastgeber bei der Generierung von innovativen Kooperationsideen. Bestellen auf: www.gastrobuch.ch

 

 

 

 

 

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