In diesem Sauerteig von Neid

«Kürzlich genoss ich eine traumhafte Winterstimmung auf der Terrasse der Tschentenalp ob Adelboden. Die Kulisse mit Wildstrubel – spektakulär. Dank seiner vier Kilometer langen Gipfellinie gehört der «Strubel» sowohl den Adelbodern wie auch den Lenkern. Selbstverständlich frotzelte ich, dass der Adelbodner Strubel der Zweitschönste sei hinter dem Lenker Strubel. Früher verklopften sich Adelbodner und Lenker beim traditionellen Berg­dorfet auf dem Hahnenmoos jeweils strub. Heute sorgt «Adelboden-Lenk, dänk!» dafür, dass begeisterte Carver und Boarder von diesem uralten Zwist nichts merken.

«Verschwörungstheorien machen als schwaches Argument die Runde»

Drinnen im Tschentenalp lauschten wir Michael Lütscher. Er stellte sein feines Buch «Schnee, Sonne und Stars» vor, das 2015 zum Jubiläum 150 Jahre Wintertourismus in der Schweiz erschienen ist. Es tut immer wieder gut, in die Zeit der Pioniere einzutauchen und zu spüren, dass wir nicht glauben müssen, wir seien die Tourismus-Weltmeister. 1907 wurden in der Schweiz so viele Hotels wie nie gebaut. Das war besser als unser Zweitwohnungs-Bauboom der vergangenen 40 Jahre. Welch ein Schock dann im Buchregister. Ich suche die Lenk vergebens. Nichts, null, nada. Dem Autor kann ich keinen Vorwurf machen, er schildert 150 Jahre Wintertourismus in einem guten Guss. So ist die Idee JUSKILA, heute ein Lenker Topevent, perfekt beschrieben. Ja, die ersten JUSKILAs fanden nicht an der Lenk statt. Im Alpenbogen gibt es Hunderte Dörfer wie die Lenk. Alleine gehen Stationen vergessen.

Seit zwei Jahrzehnten beschäftigen wir uns mit der Bildung von Destinationen, um dem notleidenden Tourismus dank kritischer Grösse Schub zu geben. Bei uns im Kanton Bern musste die Politik genau wie in der stärksten Wintertourismusregion Tirol dies «Top-down» befehlen. Es war nötig, denn wir Oberländer schafften es nur zweimal, vereint gegen aussen zu handeln: 1521, als wir im Könizhandel Bern stürmen wollten, und 1993, als wir erfolgreich gegen die Schneekanonen-Initiative kämpften. Schade, dass wir die gemeinsame Plattform Berner Oberland Tourismus BOT 2001 visionslos aufgelöst haben. Die Grinde passten nicht. So musste Bern uns Oberländern vier Destinationen aufdrücken. Der Prozess sollte schon längst abgeschlossen sein. Die Destination Oberland Mitte muss sich nun in Eile unter dem Namen TALK (Tourismusregion Adelboden, Kandersteg, Lenk) bilden.

Matthias Kurt

Matthias Kurt kommt aus Zweisimmen, lebt dort und ist seit rund 30 Jahren touristisch aktiv. So war er an der Positionierung der Genusswoche oder der Lenker Betelbergbahn beteiligt; bekannt wurde er auch als querdenkender bürgerlicher Kantonsparlamentarier oder als Gastgeber im ­verwaisten Hotel-Restaurant im Sparenmoos ob Zweisimmen.

 

Und irgendwie scheint es, dass die Lenk auch nach Michael Lütschers Publikation weiterhin nicht in einem Register aufscheinen will. Viele Lenker tun sich erstaunlicherweise schwer mit TALK. Wie es Pechlaner und Beritelli in Contemporary Destination Governance (2015) mittels zwölf Fallbeispielen schön beschreiben, gibt es für Destinationen kein Patentrezept. In der Regel braucht es mehr Zeit als geplant, und no­body ist perfect. Doch wenn heute von uns – zählen Sie dort im Dezember und jetzt die Autos mit BE-Schildern – das Stubaital als starke Einheit empfunden wird, haben es die neidisch-spinnefeindlichen Neustift und Fulpmes nid schlächt gemacht. Auch das 70 Kilometer lange Ötztal organisierte sich klug, indem das dominante Sölden den kleinen ­Orten den nötigen Atem schenkt. Gute ­Lösungen, die alle stärker machen, sind möglich, sind ein Muss!

«Wir müssen uns zu Tourismus-Produkte- entwicklern steigern»

Unerklärlich ist für mich, weshalb an der Lenk die Angst vor dem ­Stärkerwerden dank der Destination so gross ist. Verschwörungstheorien machen als schwaches Argument die Runde, dass Kandersteg und Adel­boden die Lenk unterdrücken werden. Wieso denken so viele Simmentaler und so viele Bergler nur im Sieg-Niederlage-Schema, diesem Sauerteig von Neid? Wieso bringen wir Win-win nicht in die Köpfe, die Tatsache, dass alle zu Sieger werden? Vermutlich sind wir zu weit vom Meer entfernt, um zu sehen, wie bei Flut alle Boote in die Höhe steigen.

Mit einem Schmunzeln habe ich festgestellt, dass die TALK-Architekten die Strukturen so planen, wie es der verstorbene frühere Intel CEO Andy Grove, einer der besten US-Unternehmer der jüngeren Vergangenheit, in «High Output Management» (1995) beschrieben hat. Das ist ein Kult- und Rezeptbuch für Mark Zuckerberg und Co. geworden, um ihre hyperschnell wachsenden SiliconValley-Dienstleistungsunternehmen zu strukturieren. Ein Tourismusverein ist auch eine Dienstleistungs­firma, die mit der Destination schnell wächst. Die Aufgaben eines Tourismusvereins sind grob gesagt Gästeinformation, Infrastruktur vor Ort, Events, Finanzen, Marketing, Verkauf und immer mehr IT-Big Data. Im Modell TALK werden neu Marketing, Verkauf, IT-Big Data und Finanzen gemeinsam bewirtschaftet und die übrigen Dienstleistungen – das, was die Kunden, sprich Touristen, wollen – werden vor Ort besser. Es gibt also keinen neuen Chef wie beispielsweise einen vergoldeten, ausgelagerten Marketing-CEO, sondern die drei Geschäftsführer in Kandersteg, Adelboden und Lenk teilen sich die Aufgabe der TALK-Führung. Andy Grove würde zustimmend jubeln.

Eine spannende Frage ist, ob das ­Modell Destination, das Bekenntnis zum Stärkersein, dank Zusammenarbeit auch künftig gilt. Denn wir müssen, wie es auch die jüngste Forschung kritisch zeigt, stärker über die Destinationsgrenzen hinausdenken. Der neue Gast, Biker leben es herrlich vor, schert sich nicht um Markennamen und ­Hotelnamen. Gemeinde- und Regionengrenzen sind ihm egal. Er ist süchtig nach dem besten Angebot. Ich denke, dass Destinationen sich zu Tourismus-Produktentwicklern steigern müssen. Dazu wird das Credo Win-win und Zusammenarbeit selbstverständlich bleiben. Haben dies die Lenker begriffen?

Am 31. März stimmen sie über den Beitritt zu TALK ab, Adelboden hat schon praktisch einstimmig zugestimmt. Und nehmen wir die Worte von Starkoch Rene Redzepi zu Herzen, der in Vorbereitung seines neuen Restaurants in Kopenhagen sagte: «Solange du das Gefühl hast, Teil von etwas zu sein, das vorankommt, ist es gut. Am wichtigsten ist Gemeinschaft. Neid darf es nicht geben. Weder innerhalb eines Teams noch unter Restaurants. Er killt jede Dynamik. Es ist unsere Aufgabe zu kooperieren. Andere teilhaben zu lassen. Voneinander zu lernen. Neugierig und demütig zu bleiben.»

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