Lernende finden und halten

Wer nach Balderschwang ins Hotel Hubertus will, muss die einzige echte Passstrasse in Deutschland überwinden. Gäste schätzen die Bergwelt in über 1000 Metern Höhe, die Einsamkeit, die Ruhe. Für Lernende gilt das nicht unbedingt. Ein, maximal zwei junge Leute konnte Juniorchef Marc Traubel in den vergangenen Jahren überzeugen, bei ihm eine Lehre als Hotelfachfrau/-mann EFZ, Kauffrau/-mann EFZ Hotel-Gastro-Tourismus oder Koch zu absolvieren. Wenn es dumm lief, sprang auch mal einer während der Ausbildung ab. Aber im Sommer 2017 wendete sich das Blatt: Traubel stellte gleich sechs Lernende auf einmal ein. «Wirklich gute Leute. Nicht nur die Quantität, auch die Qualität hat sich verbessert.»

Traubel führt den Erfolg auf die ­Aktion «Azubi-Top-Hotels» (Anm. d. Red.: Azubi gleich Lernende) zurück, die im Jahr 2016 startete. Der junge Hotelier war einer der Ideengeber und trommelte im Allgäu dafür, das Problem Ausbildung gemeinsam anzupacken. Es fanden sich genügend Mitstreiter, die seither gemeinsam fünf bis sechs Messen pro Jahr besuchen. Die aktuellen Lernenden gestalten dabei die Auftritte, laden zum Cocktailmixen oder anderen Aktionen an den Stand. Viel mehr Wirkung dürfte aber das Paket ­haben, das die Häuser geschnürt haben: Pro Monat gibt es 100 Euro aufs Gehalt obendrauf. Wer in der Schule Gas gibt und im Zeugnis des ersten Jahres im Durchschnitt eine Sechs vor dem Komma hat, erhält ein I-Phone, ein I-Pad oder ein Fahrrad.

Zudem dürfen die Jungen einmal pro Jahr im Ausbildungsbetrieb und zusätzlich in einem anderen Hotel der Kooperation mit Eltern oder Lebensgefährte übernachten und essen. Weiter gibt es eine Incentive-Tour, die 2018 zum Beispiel für zwei Tage nach München führt. Hinzu kommen Event-Days mit dem Chef, Bezahlung der Überstunden, Weiterbildungen und mehr. Einmal jährlich wird ein Lernender-Award vergeben, der mit 10 000 Euro dotiert ist.

Unterm Strich kostet das einen Hotelier wie Marc Traubel, dessen Haus 67 Zimmer und 90 Mitarbeiter hat, weit mehr als 10 000 Euro pro Jahr. Die Mitglieder zahlen für gemeinsame Aktivitäten wie Messeauftritte einen Beitrag in einen Topf, der sich nach der Anzahl der Zimmer richtet. Auch auf die dreijährige Ausbildungszeit hochgerechnet kann sich für einen Auszubildenden eine Mehr-Investition in fünfstelliger Höhe ergeben. «Das ist mir die Sache wert», sagt Traubel. «Wir müssen ausbilden und auch unserer Branche ein besseres Image verschaffen.» Natürlich hegt er die Hoffnung, dass sich die ehemaligen Lernenden irgendwann wieder an seinen Betrieb erinnern und zurückkommen, weil sie wissen, wie hoch bei ihm die Wertschätzung für Mitarbeiter ist.

Die Zusammenarbeit der Hotels untereinander klappt gut, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Das kleinste Haus hat 27 Zimmer, die grösseren mehr als 100. Ein Kinderhotel ist genauso dabei wie ein Adults-only und Biohotels. Es gibt Mitglieder unten im Tal und solche hoch droben am Berg. Damit ist die Auswahl für potenzielle Bewerber aber sehr gross. Der Einsatz, den die Häuser bringen, letztlich auch. Im Wechsel müssen sie die Messeauftritte für die ganze Kooperation organisieren. Das ist zeit- und personalintensiv und der Grund, warum ein Hotel auch wieder abgesprungen ist. Letztlich muss auch jedes Haus selbst aktiv werden und die möglichen Lernenden nach Messen anschreiben und sich anpreisen. «Die jungen Leute bewerben sich nicht mehr bei uns, wir müssen um ihre Gunst kämpfen. So sind die Zeiten», sagt Traubel.

Das bestätigt auch ein Blick auf die Arbeitsmarktzahlen: Das zuständige Amt registrierte Ende Sep­tember 2017, also unmittelbar nach dem Ausbildungsstart in Bayern, knapp 100 unbesetzte Ausbildungsplätze für Hotelfachleute im Allgäu. So ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Allgäuer Hotels für die Aktion «Azubi-Top-Hotels» interessieren. Agnes Furuno, ­welche die Aktivitäten der Kooperation koordiniert und auch den gemeinsamen Internet-Auftritt managt, freut sich über Zuwachs: «Wir sind mit zehn Hotels gestartet, jetzt sind es schon 13.» Es gebe weitere Interessenten. Die Erfahrungen der Mitglieder seien fast durchwegs positiv. «Auch die ­Qualität der Bewerber und der Lernenden hat sich deutlich verbessert.»

Darauf hofft auch Hartung’s Hotel Dorf, eines der neuen Mitglieder, das Mitte 2017 der Kooperation beitrat. Das Haus steht am Hopfensee in der Nähe von Füssen und Schloss Neuschwanstein. Eine gute Lage – gerade auch für junge Menschen, die in der Freizeit Abwechslung suchen. Trotzdem findet sich unter den 35 Mitarbeitern lediglich ein Lernender. Hotelchef Peter Hartung ist überzeugt, dass sich der Beitritt auszahlt. Finanziell sei es zwar ein schwieriger Akt für sein kleines 3-Sterne-Haus mit 60 Zimmern. Aber angesichts der angespannten Lage, müsse man bereit sein, noch mehr in seine Mitarbeiter zu investieren.

 

Auslandsaufenthalt: Lernenden-Projekt in der Schweiz

Lernende für die gastgewerblichen Berufe zu motivieren, ist auch in der Schweiz ein grosses Thema – und es wird bereits viel unternommen. ­Beispielsweise mit dem jüngsten Projekt im Kanton Aargau. Dort schickten diesen Sommer Bruno Lustenberger, der Präsident von GastroAargau, Ruedi Siegrist, ehemaliger Rektor an der Berufs­fachschule Baden, und Werner Schuhmacher, Kochfachlehrer der Berufsfachschule Baden, fünf Kochlernende sowie eine Lernende Restaurationsfachfrau ins Ausland in ein zweimona­tiges Stage. Weil die erste Durch­führung ein Erfolg war, wollen die Verantwortlichen die Aktion im kommenden Jahr wiederholen. Im November 2017 begann das Auswahlverfahren.

www.gastroaargau.ch

 

 

 

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