Mit Labels ist es nicht getan

Alain Farine führt seit 2007 die Geschäftsstelle der Schweizerischen Vereinigung der AOP-IGP mit Sitz in Bern. Der Jurassier ist Ingenieur-Agronom und Wirtschaftsingenieur. Die Hauptaufgaben der Vereinigung bestehen in der Interessenvertretung aller AOP/IGP-Produzenten sowie in Kommunikations- und Werbemassnahmen. GastroJournal hat Alain Farine anlässlich der Tagung «Tourismus und Terroir» in Courtemelon getroffen.

GastroJournal: Herr Farine, alle Redner der Tagung waren sich einig: Lokal produzierte Lebensmittel fördern den Tourismus und umgekehrt. Ist das auch in der Praxis angekommen?
Alain Farine: Die Sensibilität ist sicher gestiegen. Gleichwohl mangelt es oft an konkreten Taten, was unter anderem in der kleinräumigen Struktur des Tourismus begründet ist. Am Ende stellt ein Tourismusort dann doch lieber den örtlichen Käse ins Rampenlicht als ein AOP-Produkt, das, wie der Berner Alp- und Hobelkäse zum Beispiel, für die ganze Region steht.

Was tut AOP-IGP umgekehrt für den Tourismus?
Wir haben es sicher einfacher, da der Kerngedanke von AOP-IGP das regionale Produkt im Kontext mit Kultur und Geschichte ist. In unseren Kampagnen verkaufen wir die Region somit immer mit. Doch auch wir können mehr tun: Gut vorstellbar ist, mit interessierten Regionen gemeinsame Kommunika- tionskampagnen durchzuführen, wo die einzelnen Schnittstellen hervorgehoben werden, wie zum Beispiel Alpabzugsfeste oder Lehrpfade.

Gibt es konkret Erhebungen, die aufzeigen, dass sich Touristen aufgrund örtlicher Terroir-Produkte für eine Destination entscheiden?
Nein. Auch die Tourismusvertreter sagen, dass hierzulande noch nicht das Gleiche passiert wie beispielsweise im Elsass oder Bordelais, wo der Wein oftmals der Aufenthaltsgrund ist. Doch ein konkretes Beispiel, wie ein Terroir-Produkt den Tourismus belebt, zeigt die Schaukäserei Gruyère auf: Sie zählt jährlich 160 000 Besucher; deren Markt und Restaurant 630 000. Auffällig ist, dass die Mehrheit der zertifizierten Produkte nicht aus den klassischen Tourismusregionen stammt, sondern aus Randregionen mit einem schwächeren Tourismus. Das Interesse, Mehrwert zu generieren, ist dort natürlich besonders gross. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall. Das Wallis zum Beispiel, als ausgesprochener Tourismuskanton, weist mit 8 AOP-IPG-Produkten die höchste Zahl auf. Das ist auch auf eine sehr vielfältige Landwirtschaft mit vielen Nischenprodukten zurückzuführen. Das Wallis versteht es zugleich, seine Spezialitäten in der touristischen Werbung gezielt einzusetzen.

Hat Graubünden ähnliches Potenzial?
Sicher. Aber es liegt etwas brach, denn hier spielt der Röstigraben mithinein. Im östlichen Teil der Schweiz ist AOP-IGP weit weniger bekannt. Das Bündnerfleisch ist das einzige IGP-Produkt. AOP und IGP haben ihre Wurzeln in den lateinischen Ländern, vor allem in Frankreich, Italien und Spanien. Deshalb ist der Röstigraben auch auf Konsumentenseite sehr ausgeprägt. Bei den Westschweizern steht die Regionalität im Vordergrund. Einem regionalen Produkt vertrauen sie auch hinsichtlich Qualität, während Deutschschweizer Konsumenten die Kriterien Bio, Gesundheit und Fair Trade viel stärker gewichten.

Können Sie an einem Beispiel schildern, welchen Weg ein relativ unbekanntes Produkt dank eines Labels wie AOP gehen kann?
Ja, am Beispiel des «Tête de Moine». Vor 30 Jahren kannte man den Halbhartkäse kaum und produzierte gerademal 200 Tonnen. Mit den heute 2400 Tonnen hat sich die Produktion verzwölffacht. Das ist nicht lediglich dem AOP-Schutz, der 2001 erfolgte, zu verdanken, sondern auch eigenen starken Marketingkampagnen. Wichtig ist auch die Erfindung des Käsehobels Girolle und die assoziative Verbindung zu den Mönchen und dem Kloster. Dies zeigt: Alleine mit dem AOP-Stempel ist es nicht getan.

Stehen somit kommerzielle Überlegungen bei den Produzenten im Vordergrund?
Obschon die höhere Wertschöpfung und vor allem deren bessere Vertei­lung eine zentrale Idee von AOP ist, ist den Produzenten der ideelle Gedanke noch wichtiger. Es geht ihnen sehr stark um den Erhalt eines re­gio­­nalen Produktes und, was immer wichtiger wird, auch um den rechtlichen Schutz vor Nachahmungen.

Ist es vor diesem Hintergrund nicht erstaunlich, dass die Schweiz lediglich 21 AOP-Produkte kennt?
Vorsicht. Man kann nicht einfach neue Produkte erfinden. Die Basis bildet das Inventar des kulinarischen Erbes. Nur regionale Spezia­litäten, die eine Geschichte haben und von mehreren Produzenten hergestellt werden, können geschützt werden. Das bedeutet auch, dass sich die Produzenten auf ein gemeinsames Rezeptbuch und ein gemeinsames Pflichtenheft einigen müssen. Das ist ein demokratischer, oftmals sehr langwieriger Prozess, der nicht selten durch Rekurse zum Erlahmen kommt. Umso mehr werden wir uns freuen, wenn die Berner Zungenwurst nach mehreren Verfahrensjahren hoffentlich 2018 als IGP-Spezialität geschützt wird.

 

 

Aktuelle News