Mit sozialen Medien der Krise begegnen

Das Weingut Schwarz aus Freienstein im Zürcher Unterland verkaufte vor der Coronakrise über 50 Prozent der Weine in der Gastronomie. «Dieser Absatz ist komplett weggefallen», sagt Winzer Andreas Schwarz (42), der auf knapp sieben Hektar jährlich rund 27 000 Flaschen produziert. Not macht erfinderisch: Er und seine Frau Prisca (40) haben auf Youtube unter «Mit Herzblut zum Wein» inzwischen über 230 Filme mit dem Handy produziert, die von gegen 600 000 Interessierten angeschaut wurden. Die Beiträge sind authentisch, manchmal etwas hausbacken, aber sympathisch. Sie erzählen vom Weinmachen oder von den eigenen Kamerun-Schafen, welche die Rebstöcke natürlich entlauben.

Für den 1. und 2. Mai, wenn in der Deutschschweiz eigentlich die Tage der offenen Weinkeller stattfinden, konnte man sich ein Degustationspaket bestellen und gemeinsam mit dem Winzerpaar die Weine via Youtube in den eigenen vier Wänden verkosten. Andreas Schwarz freut sich: «Statt hinter der Weintheke stehen wir hinter der Kamera. Weil wir seit drei Jahren in den sozialen Medien mit unserem Weinvlog präsent sind und dies in den letzten Wochen verstärkten, konnten wir den Wegfall aus der Gastronomie nahezu wettmachen.» Als Winzer sei er krisenerprobt, denn die Landwirtschaft sei vom Wetter abhängig; 2017 fiel ein Grossteil seiner Trauben dem Frost zum Opfer.

Das Weingut bietet über ein Dutzend verschiedene Tropfen an, darunter einen klassischen Riesling-Sylvaner, diverse Pinots, den süffigen Merlot «Raben-Schwarz» oder den überraschenden «Bastard», einen 100-prozentigen Malbec aus dem Embrachertal. Die Rotweine lassen sich rund zehn Jahre lagern, aber auch jung geniessen, weshalb sie sich für den Einsatz in der Gastronomie eignen.

Besonders überzeugt haben neben dem Merlot der fruchtig-füllige Pinot Noir Barrique 2018 (17,5 Punkte), der 16 Monate im Eichenfass ausgebaut wurde. Und der Sommerwein «Schwarz-Weiss» 2019 mit seinem sensationellen Preis-Genuss-Verhältnis: Winzer Schwarz machte aus Pinot-Trauben einen feinen Saftabzug und sorgt so für einen Weisswein aus roten Trauben. Er begeistert mit einem schönen Schmelz, zeigt sich knackig, leicht prickelnd mit einer Nase aus Zitrusfrüchten, Holunder und Birnen. Der «Schwarz-Weiss» ist ein Essenbegleiter zu Geschnetzeltem, Fisch oder ein Begleiter auf der Sommerterrasse.

 

Reto E. Wild ist Chefredaktor des GastroJournals, Weinliebhaber und Ehrenmitglied des Sommelier­verbands Deutschschweiz SVS. In dieser Rubrik stellt die Redaktion des GastroJournals regelmässig Trouvaillen zur Empfehlung auf der Weinkarte vor. Weitere Tipps auf: www.gastrojournal.ch

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