Mit vereinten Kräften

Filippo Lombardi stammt aus Airolo, ist im Locarnese aufgewachsen und hat dort die Schulen besucht. An der Universität Freiburg studierte er in der Folge Jurisprudenz und politische Wissenschaften. 1987 wurde er Direktor der Tageszeitung «Giornale del Popolo» in Lugano, in der Folge war er unter anderem Mitbegründer des Regionalfernsehens «TeleTicino». 1984 wählte Minusio Lombardi in den Gemeinderat, 1999 schickte ihn das Tessiner Stimmvolk in den Ständerat. Als erster Tessiner seit 25 Jahren wurde er dort 2012 von seinen Ratskollegen mit einem Glanzresultat zum Ständeratspräsident gewählt.

«Liebe Delegierte und Freunde von GastroSuisse, es ist mir eine grosse Freude, Sie zu Ihrer Delegiertenversammlung im Tessin willkommen zu heissen. Willkommen, bienvenue, bainvegni, welcome!

Das Tessin, wo Tourismus und Gastronomie Tradition haben – man denke an die Geschichte seiner Hotellerie und die zahlreichen ­Michelin-Sterne, die es nach wie vor besitzt – ist ein guter Ort für die Überlegungen, die Sie im Rahmen Ihrer Versammlung anstreben ­werden.

«Aus Italien bekommt die Sonnenstube den Preisdruck zu spüren»

Wie die übrige Schweiz, und vielleicht gar etwas mehr, gilt es für unseren Kanton, sich den ­touristischen Herausforderungen zu stellen, wie sie alle wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder kennen.

«Für das Gastgewerbe gilt es, Synergien zu schaffen»

Erstens muss er seine traditionelle Anziehungskraft für eine Kundschaft bewahren, die zwar treu ist, aber immer mehr dem Charme von Kurzreisen erliegt. Zweitens gilt es, neue Generationen von Kunden für sich zu gewinnen, die mühelos immer fernere und kostengünstigere Destinationen erreichen.

Aus dem benachbarten Italien, an das wir auch zahlreiche lokale Kunden verlieren, bekommt die Sonnenstube auch den Preisdruck zu spüren. Die Suche nach adäquatem Personal gestaltet sich schwierig. Eine weitere Herausforderung liegt in den hohen Kosten für Produkte, Dienstleistungen und Gebäude, die mangels Investitionen oft nicht mehr zeitgemäss sind. Kosten für Reglementierungen, welche Politik und Verwaltung gewiss «mit den besten Absichten» zum Schutz von Verbrauchern, Arbeitnehmern, der Umwelt, des Fiskus usw. um ­ihrer selbst willen ersonnen haben, entpuppen sich als bürokratische ­Hindernisse.

Das Ergebnis ist ein «Wirtschaftskrieg», zumindest ein Guerilla- krieg, der dem Kampf ähnelt, dem sich die gesamte Schweizer Wirtschaft angesichts der hohen inländischen Produktionskosten und der Frankenstärke ausgesetzt sieht. Es ist dennoch kein aussichtsloser Krieg, wie es unsere Export­industrie beweist, die in den letzten Jahren trotz objektiv widriger Bedingungen weiter zulegte.

Und ihre Erfolgsrezepte lassen sich im Wesentlichen auch auf das Gastgewerbe und den Tourismus übertragen:

  • Kreativität und Innovation erlauben, sich mit einem Angebot an neuen, attraktiven Produkten und Paketen zu diversifizieren;
  • die Fähigkeit zur Investition in die Erneuerung von Betrieben und ihrer Liegenschaften (bekanntermassen ein wunder Punkt für die Gastronomie und die Hotellerie);
  • Selektion, Schulung und Treue, Bindung von qualifizierten Mit­arbeitern, die sich mit dem ­Betrieb und seinen Stammgästen identifizieren.

Für das Gastgewerbe gilt es zudem, Synergien mit anderen Angeboten in der Umgebung zu schaffen. Wir kennen die traurige Wirklichkeit nur zu gut:

«Bringen wir Bewegung in die Öffnungszeiten»

Viele Tourismusregionen sind schon in den frühen Abendstunden oder an Wochenenden wie ausgestorben, während sich in anderen Ländern Hotels, Restaurants, Geschäfte und Veranstaltungen aller Art gegenseitig ergänzen, ein buntes Nachtleben und pulsierende Wochenenden entfachen. Die unkoordinierten und kurzfristig angelegten Vorstösse einzelner ­Akteure unserer Branche bringen entsprechend keinen Nutzen.

Bringen wir Bewegung in die Öffnungszeiten von Läden und öffentlichen Betrieben samt dazugehörigen Regelwerken! Durch die intelligente Organisation und Planung attraktiver Events ergeben sich für ­Restaurants und Hotels so mehr Beschäftigung und Frequenz. Um sich auf dem Markt erfolgreich durchzusetzen, gilt es, solche Vorschläge mit allen Akteuren langfristig abzustimmen und durch geeignete Kampagnen gemeinsam zu fördern.

Es ist kaum zu glauben, dass wir das alles seit fünfzig Jahren hören, ohne bisher Lösungen gefunden zu haben. Dabei liegen die Fakten eigentlich auf der Hand.

Liegt es an dem in der Branche vorherrschenden Individualismus? Viele Kleinbetriebe haben oft resigniert und klagen, statt zu handeln. Oder liegt es vielleicht an der Schwierigkeit einer mittel- bis langfristigen Planung in einer Branche, wo Ein- und Ausgaben in der Regel auf Tagesbasis und in bar geleistet werden? Die Antwort darauf ist nicht einfach, doch wäre es sinnvoll, wenn das Gastgewerbe mit vereinten Kräften dafür einstehen und aus dieser Sackgasse herausfinden würde.

Ich denke, das ist eines der Ziele, die ein Dachverband wie GastroSuisse verfolgt. Und ich hoffe, dass Ihre Versammlung in Locarno auch Gelegenheit bietet, vertieft über diese Themen nachzudenken.

«Mit vereinten Kräften aus der Sackgasse herausfinden»

Dies ist ­unumgänglich, wenn wir alle gemeinsam die Gastronomie, den Tourismus im Tessin und in der ganzen Schweiz wieder stärken wollen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Delegierte von GastroSuisse, viel Erfolg! Gönnen Sie sich aber auch ein paar Stunden Entspannung im schönsten Kanton der ­Eidgenossenschaft!» 

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