Nach einem hitzigen Sommer in Luzern

GastroJournal: Herr Grinschgl, hat Luzern zu viele Gäste?

Patrick Grinschgl: Nein. Wenn man diesen Sommer Politik und Medien verfolgte, hätte man meinen können, Luzern quelle über. Am Schwanenplatz, wo Busse halten, um Touristen ein- und auszuladen, gab es mal einen Unfall, das wurde ein Thema zuerst für die Medien und später für die Politik. Es schaukelte sich hoch, bis man meinen konnte, Luzern habe mehr Touristen als Venedig – ein Verhältnisblödsinn.

Und ein Zeichen für wenig Tourismusbewusstsein?

Ich denke nicht, dass die Stimmungen und Reaktionen aus den Medien die Haltung einer Bevölkerungsmehrheit widerspiegeln. Und sobald es politisch wird, werden immer Süppchen gekocht. So sind beispielsweise nicht einfach die Touristen das Feindbild, sondern die asiatischen Bustouristen.

Patrick Grinschgl: "Nicht einfach die Touristen sind das Feindbild, sondern die asiatischen Bustouristen."

Ein vorübergehendes Phänomen oder ein tief greifendes?

Ich halte es für eine Strömung. Wenn man nämlich nachfragt und das Gespräch sucht, ist die Diskussion entweder schnell zu Ende oder verlagert sich auf Themen, die höchstens indirekt mit Tourismus zu tun haben – etwa die Wohnungsknappheit in Barcelona.

Eine sachliche öffentliche Diskussion hinsichtlich «Overtourism» scheint aber schwierig, zumal auch aus der Branche geschossen wird.

Es hat in Luzern kritische Stellungnahmen gegeben, was bedauerlich ist, denn die Branche sollte sich über die grundsätzliche Bedeutung des Tourismus einig sein und sich in der Öffentlichkeit entsprechend äussern. Wenn die Medien aber kommen, ist es manchmal schwer, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Und gefragt ist im Übrigen auch die Politik – immerhin gibt es in Luzern ein Leitbild, das auch den Tourismus thematisiert.

Wie sehen Sie die Rolle des Gastge­werbes?

Die Gastronomie wird immer gästeorientierter und kann sich immer weniger um übergeordnete Belange kümmern, die Hotellerie wiederum bringt sich durchaus ein, ist aber seit jeher etwas in ihrer eigenen Sphäre. Insofern könnte und sollte das Gastgewerbe mehr machen. ­Allerdings habe ich auch Verständnis, wenn gastgewerbliche Unternehmer keine Zeit haben und das notwendige Engagement vom Verband verlangen.

Patrick Grinschgl: "Die Gastronomie kann sich immer weniger um übergeordnete Belange kümmern."

In dieser Hinsicht ist Luzern doch vorbildlich?

Wir haben uns recht gut organisiert, beobachten die Entwicklungen und engagieren uns, wo nötig. So etwa politisch mit einem Energiereferendum in der Stadt Luzern, weil darin eine Ideologie gegen Fleischkonsum steckt. Oder branchenpolitisch an der Messe ZAGG, wo wir auch mit Unterstützung von GastroSuisse und ihren Partnern stärker auftreten werden.

Also alles gut?

Nein, denn viele schimpfen lieber, als sich zu engagieren. Aber ich habe wie gesagt auch Verständnis, denn die Margen sind so knapp geworden, dass manche Gastrounternehmer weniger verdienen als ihre Mitarbeitenden und voller Einsatz im Betrieb gefragt ist. Das war früher anders, da war noch Zeit für den Stammtisch. Überdies musste man einst auch zusammensitzen und die Preise festlegen, was den Zusammenhalt und das Engagement gefördert hat – heute unvorstellbar. Nicht zuletzt haben wir es heute mit viel mehr Kettenbetrieben zu tun, deren Geschäftsführer nicht frei handeln können. Klassische Gastgeber sind nicht nur in Luzern fast zu einer Ausnahme geworden.

Was tun?

Es gibt gerade in unserer Branche, die sich ständig neu erfindet, immer wieder junge und motivierte Leute, die nachkommen und die man ­gewinnen kann.

Patrick Grinschgl: "Es gibt immer wieder junge und motivierte Leute, die nachkommen."

Sie sind also zuversichtlich?

(lacht) Ich habe sozusagen eine Warteliste für den Vorstand.

Herr Grinschgl, besten Dank für dieses Gespräch.

 

Viel Bewegung im luzernischen und zentralschweizerischen Gastgewerbe

Vor etwa 15 Jahren äusserte sich Patrick Grinschgl an einer Sitzung zur Luzerner Gewerbeausstellung kritisch – und wurde von Rolf Hilber, damaliger Gastropräsidenten der Stadt Luzern und als Präsident des Grossen Stadtrates später der höchste Luzerner, prompt zum Engagement aufgefordert.

Inzwischen ist Grinschgl Hilbers Nachfolger und entsprechend auch Mitglied im Vorstand der Kantonalsektion GastroLuzern. Hier wiederum kam es mit dem altershalben Abgang von Präsident und Direktion zu einem grundsätzlichen Strategiewechsel: GastroLuzern verzichtete auf eine Direktion und übertrug stattdessen den Vorstandsmitgliedern operative Aufgaben:

«Jeder im Vorstand übernimmt Verantwortung», sagt Grinschgl, der im Jahr über 100 Termine wahrnimmt und dabei wie seine Kollegen fast ehrenamtlich tätig ist. Der Strategiewechsel hat sich entsprechend positiv auf die Finanzen ausgewirkt, aber auch auf die Durchschlagskraft des Gastgewerbes. So hat die parlamentarische Tourismusgruppe, die es auf kantonaler Ebene seit rund 30 Jahren gibt, an Professionalität gewonnen – und Zuwachs mit einer parlamentarischen Gruppe auf städtischer Ebene.

Eine wichtige Rolle spielt nicht zuletzt der traditionell starke Zusammenhalt der Zentralschweizer Gastroverbände. Sie arbeiten seit Jahren systematisch zusammen, wissen mit Moritz Rogger einen Vertreter im Vorstand von GastroSuisse und haben zuletzt mit der Kampagne «Zentralschweiz geniesst» einen Coup gelandet.

Weil die Medien das Gastgewerbe oft in ein schlechtes Licht rücken, wollten die Verbände von Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden und Zug ein Zeichen setzen und schufen eine Plattform für Betriebe und Öffentlichkeit.So präsentieren die zentralschweizerischen Betriebe diesen Herbst Wild, und im Winter werden sie mit regionalen Spezialitäten aufwarten.

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