Nicht dem Technologie-Wahnsinn folgen

Harry Gatterer ist Zukunftsforscher, Methodenentwickler und Unternehmer. Er ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts mit Sitz in Frankfurt am Main und Wien. Das Zukunfts­institut wurde 1998 gegründet und hat die Trend- und Zukunftsforschung in Deutschland von Anfang an geprägt. Heute gilt das Unternehmen als einer der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung. 

GastroJournal: Mit welchen Themen müssen sich Gastgeber heute beschäftigen, um ihre Gäste auch noch in Zukunft begeistern zu können?
Harry Gatterer: Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung. Das hat dazu geführt, dass die gastgewerbliche Branche momentan ex­trem prozess- und technikgesteuert ist und dabei den Menschen, den Gast, um den es ja eigentlich geht, zunehmend aus dem Fokus verliert. Deshalb müssen Gastgeber in Zukunft, bevor sie in die Prozesse wechseln, den Menschen als Ganzes sehen und wahrnehmen: Was sind effektiv die Bedürfnisse des Menschen im 21. Jahrhundert? Hinzu kommt, dass in dieser Beobachtung des Menschen am Ende ja nicht nur der Gast liegt, sondern auch der Mitarbeitende – und da haben wir ja auch grosse Probleme. Denn wo bekommen wir künftig qualifizierte Arbeitskräfte her? Das Problem ist hier, dass zwischenzeitlich auch die Mitarbeiterrekrutierung von einem rein funktionalistischen Weltbild geprägt wird, sprich: Was kann er? Was kann er nicht? Das Emotionale bleibt total auf der Strecke, weil wir uns in Prozessen und Funktionalismen verdichten. Dabei wäre ja gerade das Gastgewerbe eine sehr emotionale Branche. Aus diesem prozessgetriebenen Trott herauszukommen, ist eine grosse Aufgabe.

Wie kommen wir aus diesem Trott raus?
Vision und Veränderungen für die Zukunft des eigenen Unternehmens zu entwickeln, bedingt, dass wir uns aus dem operativen Prozess herauslösen. Denn wenn wir von aussen einen Blick auf das Unternehmen werfen sowie einen Überblick über unser gesamtes Umfeld gewinnen, bemerken wir, was alles gleichzeitig läuft. Das hilft uns auch ungemein, nicht jedem Trendgeschrei und jedem Technologiewahnsinn blind zu folgen. Und es hilft uns auch, unsere Gäste in Zukunft nicht mehr zu schablonisieren. Denn den Touristen an sich gibt es nicht mehr (siehe Kasten unten: De-Touristification). Menschen reisen heute aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hier muss ich als Unternehmer ein Verständnis für diese Bedürfnisse meiner Gäste entwickeln. Welche erfülle ich denn nun in meinem Betrieb am meisten? Ist es das Bedürfnis nach Ruhe, nach Genuss, nach Entspannung, nach Arbeit, nach Urbanität? Eines der neuesten Konzepte in der Hotellerie ist das «The Student Hotel», das die Bedürfnisse nach Vernetzung sowie die Vermischung von Leben und Arbeit erfüllt. Ich bin total überzeugt: Je klarer ein Hotelier seine Grundatmosphäre mittels Raum- und Service-Konzepten untermauern kann, desto besser wird er gerüstet sein für eine offenere und kulturelle Welt. Und nicht nur das. Eine klare Ausrichtung auf Bedürfnisse macht den Betrieb auch für Mitarbeitende attraktiv, die genau diese Arbeitsumgebung suchen, weil sie ihrem Lebensstil entspricht.

«Die Branche ist extrem prozess- und technikgesteuert»

Wo sehen Sie zurzeit das grösste Entwicklungspotenzial in der Hotellerie?
Ich bin davon überzeugt, dass gerade der Bereich Coworking – wie ihn auch das «The Student Hotel» pflegt – für gastgewerbliche Betriebe künftig noch grosses Potenzial bietet. Mich erstaunt ja, dass Hoteliers erst jetzt daraufkommen, dass Coworking für sie ein Thema ist. Denn ich erzähle schon seit vielen Jahren, dass Coworking und Hotellerie perfekt harmonieren, aber offenbar war der Zeitpunkt noch nicht gegeben.

Jeder rennt irgendwelchen Trends hinterher. Welche dieser Trends sind jetzt letztlich diejenigen, die man nicht aus den Augen verlieren darf?
Trends wie Future Health, Digitainment, Regiofair, Streaming Place, De-Touristification, aber auch die Alterung der Gesellschaft als «Mega-Trend» auf Mitarbeiter- wie auch auf Kundenseite. Hier ist wichtig, dass Gastgeber wissen, dass eine «Ghettoisierung» dieser Altersgruppe künftig nicht mehr funktionieren wird. Wir brauchen keine «Hotels für Alte», sondern vielmehr neue, koexistierende Lebensformen.

Eine der grossen Entwicklungen in den letzten Jahren ist die Sharing Economy. Wie soll die Hotellerie mit diesem Phänomen umgehen beziehungsweise wird sie dereinst davon abgelöst?
Etwas provokativ formuliert, könnten wir ja sagen: Die Hotellerie ist auch ein Sharing-Anbieter. Denn ich teile ja ein Bett mit anderen. Ich glaube, wir brauchen hier das eigentliche Verständnis dafür, dass Sharing kein Trend mehr ist, sondern vielmehr eine Kulturtechnik als Lösung für ein Problem. Insofern ist es relativ egal, ob ein Unternehmer die Sharing Economy gut oder schlecht findet. Denn relevant ist, dass sie sich etabliert hat und sich auch weiter ausdehnen wird – und irgendwann wird sie Normalität sein. Ich glaube aber nicht, dass die Sharing Economy die Hotel­lerie ablöst. Dennoch muss man sich einfach des Potenzials dieser Form bewusst sein.

«Schon seit Jahren sage ich, Coworking und ­Hotellerie harmonieren»

Die Hotellerie kann sich die Sharing Economy ja auch zunutze machen.
Durchaus. Das Problem ist aber, dass sich die Hotellerie ganz klar nicht als Sharing-Anbieter sieht. Aber wenn sie es akzeptieren würde, dann käme sie vielleicht auf andere Geschäftsmodelle. Beispielsweise, dass die Hotellerie auch Vertriebsplattformen abseits der klassischen touristischen nutzen könnte, dass die Prinzipien des Sharings auch darin liegen, dass man nicht nur ein Zimmer, sondern auch ein Erlebnis, eine Anbindung vor Ort anbietet. Diese Chancen gilt es für sich zu erkennen und zu nutzen.

Schaffen wir das?
Ja, wenn wir endlich dieses totale Verständnis für Menschen im 21. Jahrhundert entwickeln. Ich muss lernen, den Menschen zu sehen. Das ist der Schlüssel – gerade für eine so emotionale Branche wie das Gastgewerbe.

 

Trendfeld: Future Health
Die Gesundheitsorientierung der Menschen wird sich in den kommenden Jahren weiter steigern. Das heisst für die Hotellerie, neue Ideen und Konzepte zu erproben, um Menschen auf ­ihrem Lebensweg zu unterstützen. Im Zentrum des Konzeptes «Future ­Health» liegt der Begriff «Selfness». Dieser meint im Kern das Steigern der Lebenskompetenzen: der körperlichen wie der emotionalen und der geistigen. Die Trendgewinner in der Hotellerie werden sich in den kommenden Jahren deshalb im Gesundheitsbereich bedienen – egal, ob als 100-prozentiges Medical-Wellness-Konzept oder durch den Umbau des eigenen Hotels zu einem «Soft Health»-Refugium.

Trendfeld: Digitainment
Die digital verarbeitete Informationsmenge hat gigantische Ausmasse erreicht, die auch weitreichende Folgen für die touristische Branche haben. Denn das zwischenzeitlich real-­digitale Leben bietet auf vielen Ebenen neue Verbindungen und Unterhaltungsmöglichkeiten, führt Menschen zusammen und erleichtert via Automatisierungen das Leben. Das führt unweigerlich dazu, dass sich auch die Kundenbedürfnisse neu definieren. Was also erwarten Gäste im Zeitalter des «Digitainment»? Die Trendgewinner sind hier diejenigen Betriebe, die es verstehen, nicht nur digital, sondern auch menschlich aufzurüsten: also nicht nur mit Hightech, sondern auch mit Hightouch.

Trendfeld: Regiofair
Je globaler, mobiler und digitaler der Alltag wird, desto wichtiger werden ­reale, sinnliche Erfahrungen. In diesem Kontext gewinnen umwelt- und sozialverträgliche Reisen zunehmend an ­Bedeutung, und dabei wird auch der ökologische und ethische Mehrwert ­eines Hotels zu einem entscheidenden Buchungskriterium. Die Trendgewinner setzen deshalb künftig auf nachhaltige Konzepte und übernehmen regional Verantwortung. Ein einzelner Betrieb kann zwar nicht die Welt retten, aber Hotelbetriebe sind Knotenpunkte des Zeitgeistes. Die Betonung der Regionalität und der faire Umgang mit dem direkten Umfeld sind daher unverzichtbar für zukunftstaugliche Konzepte.

Trendfeld: Streaming Places
Das Alltagsgetöse ist enorm laut geworden. Das Leben ist heute durchzogen von Kommunikation, Berufsanforderungen usw. Der Mensch sehnt sich deshalb in seiner Freizeit nach Orten, an denen er auf- und durchatmen kann. Abseits des Mainstreams entstehen solche Orte: «Streaming Places». Orte, die es dem Gast ermöglichen, sich selbst in einer angenehmen Atmos­phäre zu erleben. Refugien für Intimität und Individualität, an denen er loslassen kann, nicht ständig wählen, entscheiden, kommunizieren und konsumieren muss. Trendgewinner sind hier Betriebe, die den Gästen eine «digitale Entgiftung» ohne Entzugserscheinungen bieten können.

Trendfeld: De-Touristification
Den Touristen gibt es nicht, denn das Image des Touristen ist ein gestriges. De-Touristification nennt sich dieses Phänomen, bei dem im Resultat die Reisenden als Reisende wahrgenommen werden wollen und nicht als Touristen. Bei dem sich die sehnsüchtigen Reisenden mehr aus­einander-dividieren, als man das in der Rubrik Ferien ­vermuten würde. Trendgewinner sind deshalb Betriebe, die ihre Gäste nicht in Schablonen pressen, sondern vielmehr einen offenen Blick auf die sehr differenzierten Bedürfnisse und Motive der Menschen werfen und sich dahingehend entwickeln.

Quelle der Trendfelder: Zukunftsinstitut Österreich

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