«Nur ein bisschen Seminar reicht nicht»

Michael Kauer ist Leiter Beratung bei der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit (SGH).

GastroJournal: Sind Seminare überhaupt noch zeitgemäss?
Michael Kauer: Auf jeden Fall. Denn auch im Zeitalter von Skype und ­Videokonferenzen führen Unternehmen noch Seminare durch. ­Jedoch sind die Zeiten der sterilen Seminare vorbei. Seminarhotels oder -Restaurants dürfen nicht ­seelenlos sein. Auch Seminargäste verlangen eine angenehme Atmosphäre und eine persönliche Betreuung. Der menschliche Kontakt ist wichtig, die Gäste müssen das Hotel spüren. Denn wenn es ein ­Hotelier schafft, dass Seminargäste als Feriengäste zurückkehren, hat er vieles richtig gemacht.

Welches sind die wichtigsten Faktoren, um als Seminarhotel erfolgreich zu sein?
Der richtige Standort ist das A und O für einen Seminarbetrieb. Das Hotel muss mit dem öffentlichen und dem privaten Verkehr gut erreichbar sein. Auf nationaler Ebene ist dafür das etwas «gesichtslose» Mittelland ideal. Peripher gelegene Städte wie beispielsweise St. Gallen oder Genf müssen sich vor allem auf regionale Seminarveranstalter konzentrieren oder ganz bestimmte thematische Schwerpunkte setzen. Potenzial sehe ich auch in der Destination Davos aufgrund der Einzigartigkeit des alpinen Kongressstandortes. Ein erfolgreicher Betrieb kann sich nur dann ausserhalb der Ballungszentren befinden, wenn er sich ganz klar als Seminarhotel definiert und das Konzept in jedem Bereich stimmt.

Welche Infrastruktur benötigt ein Betrieb, um Seminare durchzuführen?
Nur ein bisschen Seminarhotel zu sein oder einzig das «Säli» als Seminarraum anzubieten, reicht nicht. Denn der Seminarmarkt ist hart umkämpft. Wichtig ist ein heller, grosszügiger Raum mit Tageslicht, ausgestattet mit moderner Infrastruktur. Der Raum muss multifunktional und unterteilbar sein. Zudem benötigt ein Seminar-Anbieter einen Techniker, der bei Problemen in nützlicher Frist weiterhelfen kann. Ausserdem sollte der Betrieb eine Person engagieren, die vornehmlich für die Seminare zuständig ist. Den Mitarbeitenden an der Reception fehlt schlicht die Zeit dazu.

Welche zusätzlichen Dienstleistungen sind erforderlich?
Sehr wichtig ist ein passendes Verpflegungskonzept. Während eines Seminars mögen die Gäste in der Regel keine üppigen Speisen, sondern eher kleine Gerichte über den ganzen Tag verteilt. Ausserdem sollte der Betrieb die Möglichkeit bieten, sich zu bewegen, beispielsweise in einem Fitnessraum. Ein Schwimmbad erachte ich nicht als unbedingt notwendig. Eine Sauna oder ein Dampfbad schätzen hingegen viele Gäste sehr.

Ist es möglich, dass ein Betrieb mehr Umsatz generiert, wenn er auf Seminare umstellt?
Das sehe ich eher nicht. Denn der Markt ist, wie ich schon gesagt habe, hart umkämpft, darum ist eine Konzeptänderung schwierig. Denn auch Seminarräume müssen im Durchschnitt 60 bis 65 Prozent ausgelastet sein, damit sie rentieren. Aber wenn ein Betrieb bereits erfolgreich Seminare anbietet, ist es denkbar, die Seminarfläche zu erweitern.

Gibt es Betriebsarten, die sich nicht für Seminare eignen?
Rein theoretisch eignen sich Ferien- oder Familienhotels nur bedingt als Seminarbetriebe. Hier bestätigt jedoch die Ausnahme die Regel. Ich denke da beispielsweise an das Hotel Schweizerhof in Lenzerheide. In diesem Ganzjahresbetrieb können die Zeiten, in denen sich keine oder nur wenige Ferien­gäste im Haus befinden, ausgezeichnet für Seminare genutzt werden. Hoteliers, die diese Komplementarität beherrschen, haben mit Sicherheit Erfolg. Ein Garni- oder kleinere, luxuriös und gastronomisch geprägte Betriebe eignen sich jedoch kaum für Seminare. Der Erstere verfügt kaum über die nötige Infrastruktur. Und der Zweite hat eine völlig andere Gästestruktur.

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