Olympische Spiele in der Schweiz: Niederlagenserie

Ein eigenartiges, verstörendes und interessantes Buch haben das Schweizer Sportmuseum und der Werd Verlag dieser Tage vorgelegt: «Olympische Spiele in der Schweiz», auf rund 260 gebundenen Seiten ein «Beitrag zur geschichtlichen Entwicklung der Bewerbungen um Olympische Spiele in der Schweiz», versprochen werden «Kommentar, Erkenntnisse und Auswirkungen für die Zukunft» (vgl. Kasten).

Irritierend ist, wie sportlich die ­Autoren aus den innersten Kreisen der olympischen Bewegung und des Schweizer Sports eine ­Herausforderung annehmen, die Sisyphos womöglich abgelehnt hätte: Zwischen allen Zeilen stehen nämlich altvordere Stilisten herum, die einst so souverän wie selbstbewusst ­zwischen Militär, Universität und Wettkampf hin und her carvten – und Sport allen Ernstes als schönste Nebensache der Welt ansahen.

Irritierend ist weiter, wie sehr dieser souveräne, selbstvergessene Stil das Buch, die olympische Bewegung und das fortgesetzte Scheitern der Schweiz prägt. Im Buch wird das freilich kaum angedeutet: Entweder sind die Autoren extrem souverän und cool, oder aber sie sind so nahe dran, dass sie das ganz grosse Scheitern nicht sehen können – irri­tierend ist selbstredend auch das.

Schweizer Versuche: Seit 1955 reiht sich Niederlage an Niederlage

Und irritierend ist schliesslich auch, dass dieses Buch wie ein Teil der aktuellen Arbeiten zum «Vermächtnis» der vagen Winterspiele von 2026 in Sitten daherkommt: Ohne dass die Öffentlichkeit das wahrnimmt, denken zurzeit etliche hochkarätige Arbeitsgruppen darüber nach, wie Olympische Spiele in der Schweiz nachhaltig Werte schaffen könnten, die über Sport und Tourismus hinausgehen.

Aber eben. Weit vorne in dem verstörenden Buch steht zu lesen: «Die enge Vernetzung zwischen den ­Winterspielen, dem Wintersport und dem Wintertourismus wirft ihre Schatten der Kommerzialisierung schon früh auf die olympische Bewegung.» 1928 richtet St. Moritz die ersten Olympischen Winterspiele der Geschichte aus. Das interessierte Engelberg ist mangels Höhenlage aus dem Rennen gefallen – auch die Geschichte um die Schnee- sicherheit ist mithin uralt. Nachdem Lake Placid 1932 die zweiten Spiele ausgetragen hat, eskaliert die Si- tuation zum ersten Mal: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zerstreitet sich mit dem Internationalen Skiverband (FIS): Die FIS will auch Skilehrer an die Spiele lassen, das IOC verwahrt sich gegen solche Profis. Dieser Streit, der 1948 in St. Moritz auch das Eishockey erfasst, wird etwa 40 Jahre andauern – das letzte professionelle Opfer ist 1972 in Sapporo der Österreicher Karl Schranz.

Korruptionsvorwürfe und halbpatzige Massnahmen ziehen sich folgerichtig wie ein roter Faden durch die Geschichte. Es kann systemisch nicht gutgehen, wenn sich internationale kommerzielle und sportliche Interessen auf einer nationalstaatlichen infrastrukturellen Ebene treffen müssen. Auch wenn dieses ­Dilemma nicht konkret angesprochen wird, verdeutlichen es die Schweizer Kandidaturen beispielhaft: Es reihe sich «seit 1955 Niederlage an Niederlage», halten die Autoren fest. Zentrale Ursachen seien «kurzfristiges Denken vor langfristigen Überlegungen» sowie «Innen- vor Aussenorientierung».

Ursachen: Innen- vor Aussenorietierung und kurzfristiges Denken statt langfristige Überlegungen

Das Schweizer Stimmvolk scheint im Gegensatz zu selbstvergessenen und ehrgeizigen Politikern und Sportlern ein Gespür für den systemischen Grundfehler zu haben: Als der Sittener Stadtpräsident und spätere Bundesrat Roger Bonvin für 1968 Winterspiele plant, sagen die Sittener 1963 in der weltweit ersten Volksabstimmung zu Olympia prompt Nein. Die Stadt Zürich folgt 1969 vernichtend, als der Stadt­präsident Sigmund Widmer mit Unterstützung des IOC-Präsidenten Avery Brundage für die Winterspiele 1976 antreten will. Und als Lausanne sich um Winterspiele 1994 ­bemüht, bockt 1988 schliesslich auch das Stimmvolk rund um den Sitz des IOC in Lausanne.

Volkes ablehnende Stimme, die zuletzt zweimal aus Graubünden schallte, ist mithin nicht Ausnahme, sondern Regel. Legt man diese Erkenntnis zu den übrigen Ergebnissen der Schweizer Olympiageschichte und zum aktuellen Zeitgeist, hat «Sion 2026» keine Chance. Ohne das ausdrücklich zu sagen, halten das auch die Autoren des faszinierenden Buches fest: «Ganzheitliche, von einer Vision getriebene Konzepte bilden die Ausnahme», halten sie zusammenfassend fest. Nach wie vor gelte «der Grundsatz , wonach sich jeder bewerben kann, der auch bereit ist, die finanziellen Risiken zu tragen». Und «obwohl sich unsere Umwelt inzwischen stark verändert hat und auch die Olympischen Spiele in andere Dimensionen vorgestossen sind, hat das NOK den Prozess in der Grundstruktur unverändert belassen.» Schade und irritierend auch das.

 

Das Buch zu Olympia

Das Autorenteam Miran­da Kiuri, Urs ­Lacotte und Claude Stricker ist tief in der nationalen und internationalen Sport- und Olympiaszene verankert. Das ist Segen und Fluch für ihr Buch: ein Segen, weil Detailkenntnisse und Sorgfalt ein Spitzenresultat hervorbringen; ein Fluch, weil die Distanz fehlt und also auch eine beurteilende Einordnung. Als Chronik und Handbuch ist das Werk indes unverzichtbar – gedruckt und elektronisch erhältlich beim Fachbuchverlag von GastroSuisse.

www.gastrobuch.ch

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