Passivrauchen: ein Stich ins Wespennest

Das Tessin macht in diesen Tagen viel von sich reden. Letzte Woche hat das Kantonsparlament einer Revision des Gastgewerbegesetzes zugestimmt. Die «Grotti» sind nun dazu verpflichtet, ausschliesslich typische Speisen aus der Region zu servieren. Schluss mit Pommes frites! Dasselbe kantonale Gesetz dürfte in einigen Monaten erneut Änderungen durchlaufen. Denn eine Abgeordnete aus dem Tessin setzt sich für eine Regelung des Passivrauchens im Freien ein. Nadia Ghisolfi (siehe Interview unten) reichte eine parlamentarische Initiative ein, die vorsieht, die Restaurantterrassen in zwei Bereiche zu unterteilen; einen für die Raucher und einen für die Nichtraucher. Wie reagieren die Direktbetroffenen auf eine solche Einschränkung, die im Tessin, oder gar in der ganzen Schweiz, Inkrafttreten könnte? Ein Überblick.

«Wir sind voll und ganz dagegen.» Für Massimo Suter, Präsident von GastroTicino, ist klar: «Die rauchenden Gäste sind ausreichend gut ­erzogen und verantwortungsvoll, um zu bemerken, falls sich jemand an deren Zigarette stört.» Der Tessiner führt weiter aus: «Ich spreche aus Erfahrung, denn ich bin Restaurateur und habe eine Terrasse mit 60 Plätzen: Die Leute reden miteinander und arrangieren sich. Es kommt selten vor, dass ein Gast einen Raucher bittet, sich woanders hinzusetzen.» Suter appelliert an den gesunden Menschenverstand und argumentiert auch mit möglichen Einkommenseinbussen: «Man muss wissen, dass in unserem Kanton drei Viertel des Jahresumsatzes im Sommer erzielt werden. Die Leute halten sich gerne im Freien auf und es ist zu befürchten, dass die Raucher künftig ihr Essen zum Mitnehmen kaufen und die Parkbank dem Restaurant vorziehen, um anschliessend in Ruhe rauchen zu können.»

Mal ganz abgesehen vom Wind, der den Rauch stetig von einer anderen Seite her bläst, ärgert Suter am meisten die exzessive Reglementierung, die der Branche auferlegt wird. «Das Rauchen im Freien zu verbieten, ist für mich weder gerecht noch logisch. Leben wir in einem freien oder in einem totalitären Land? Falls diese Initiative durchkommt, werden nicht nur die Raucher, sondern auch die Nichtraucher bestraft.»

Der Dachverband ist der Meinung, dass die Gesundheit der Nichtraucher mit dem Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen bereits ausreichend berücksichtigt wird. «Die Umsetzung dieses Gesetzes im Jahr 2010 war für die Restaurants bereits mit Kosten verbunden, denn zahlreiche Betriebe mussten zwangsmässig umbauen, und ­andere wiederum verloren Gäste», sagt Sascha Schwarzkopf, Leiter Wirtschaftspolitik bei GastroSuisse. «Ich denke insbesondere an jene Gäste von Beizen, die nach getaner Arbeit gerne ihre Zigarette bei ­einem Glas geniessen.»

Eine 2011 bei Mitgliedern des Verbandes für Hotellerie und Restauration in der Schweiz durchgeführte Studie ergab, dass ein Drittel (33,5%) der Betriebe nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes Umsatzeinbussen hinnehmen mussten. Nebst den wirtschaftlichen Auswirkungen macht Schwarzkopf auch darauf aufmerksam, dass die Anzahl der Raucher in der Schweiz abnimmt, und sich damit auch das Problem des ­Passivrauchens verringert. GastroSuisse wehre sich deshalb gegen eine Reglementierung des Passivrauchens im Freien, denn die wäre nur schwerlich umsetzbar.

Protest ist auch in der Westschweiz spürbar. André Roduit, Präsident von GastroValais, lehnt die Idee entschieden ab, die Terrasse in zwei Bereiche zu unterteilen: «Das würde für die Restaurateure eine gewaltige Einschränkung bedeuten. Und ausserdem geht es zu weit! Man muss aufeinander Rücksicht nehmen, was die Raucher bereits tun, insbesondere wenn Kleinkinder anwesend sind. Doch bleiben wir pragmatisch. Sollen wir denn nach den Terrassen auch noch die Fumoirs in zwei Be­reiche unterteilen?» Der Präsident von GastroVaud, Gilles Meystre, drückt sich folgendermassen aus: «Ich glaube nicht, dass man Menschen zu ihrem Glück zwingen muss… Die Gesundheitsfanatiker überspannen den Bogen! Anstatt immer mehr Verbote auszusprechen, täten sie besser daran, Empfehlungen zu erlassen. Einige Terrassen würden so zu Nichtraucher-Terrassen, und andere eben nicht. So könnten die Gäste und die Restaurateure selber entscheiden!»

Ihre Wahl getroffen haben die Raucher im P’tit Buffet im Bahnhof Nyon. Das Bistro und die Terrasse mit ihren 16 Tischen gehören der SBB. Seit dem 1. Februar erliess die Eisenbahngesellschaft an sechs Bahnhöfen, darunter auch in jenem der Waadtländer Stadt, ein Rauchverbot. Resultat: das P’tit Buffet verlor einen Teil seiner Stamm­gäste. «Am 1. Februar nahm ich die Aschenbecher von den Tischen, was sich sofort auf meinen Umsatz auswirkte», erklärt Geschäftsführer Marc Thaëron. «Die Leute gehen woanders hin, um zu rauchen, und konsumieren nicht mehr bei mir, oder sie bestellen bestenfalls einen Kaffee zum Mitnehmen.» Der Wirt findet keinen Gefallen an der Entscheidung der SBB und befürchtet insbesondere, dass es bei ihm im Frühling und im Sommer menschenleer sein wird. «Letzte Woche traf ich mich mit Entscheidungsträgern der SBB, und sie schlugen mir ein Arrangement vor, je nachdem wie sich die Situation entwickeln wird.»

Bei der Frage um verschärfte Regelungen rund um das Passivrauchen im Freien steht heute einzig das Tessin im Rampenlicht. Doch bei GastroSuisse ist man überzeugt: Der Bundesrat wird sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen. Derzeit beschäftigt er sich mit dem Bundesgesetz zum Tabak. Dieses sieht insbesondere vor, das Mindestalter beim Kauf von Tabakprodukten auf 18 Jahre zu erhöhen, eine legale Basis für die Testkäufe zu schaffen, sowie Werbung, die auf Minderjährige zielt, zu verbieten. Ein Gesetzesentwurf, der bereits jetzt von GastroSuisse und GastroValais unterstützt wird.

 

Gemäss Nadia Ghisolfi muss die Gesundheit der Nichtraucher und Kinder geschützt werden
Nadia Ghisolfi ist Tessiner Grossrätin und nahm im Juni 2017 ihren Kampf gegen das Passivrauchen erneut auf, indem sie drei Motionen und eine parlamentarische Initiative einreichte. Während ihre Motionen den öffentlichen Raum betreffen, darunter Spielplätze und Bushaltestellen, verlangt die Initiative eine Änderung des kantonalen Gastgewerbegesetzes. Die Abgeordnete will eine Bestimmung, die den Restaurants im Tessin vorschreibt, ihre Terrassen in zwei Bereiche zu unterteilen: Raucher und Nichtraucher.

GastroJournal: Was ist der Stand der Dinge, seit Sie Ihre Motionen und Ihre Initiative eingereicht haben?
Nadia Ghisolfi: Wir warten auf die Vernehmlassung der Kantonsregierung. Es bleibt abzuwarten, ob ihre Entscheidung alle Vorstösse umfassen wird, oder ob die vier Texte separat abgehandelt werden. Die Kantonsregierung kündigte an, dass eine Antwort anfangs Jahr zu erwarten sei, doch nun ist bereits März…

Glauben Sie, dass die Kantonsregierung Ihnen beipflichten wird?
Ja, ich bin zuversichtlich, denn die Vorstösse verursachen keine hohen Kosten. Zudem zielen meine Vorschläge darauf hin, die Gesundheit der Nichtraucher und der Kinder zu schützen. Sie erfordern keine solch drastischen Änderungen, wie man immer wieder weiszumachen versucht. In meinem ersten Vorstoss von 2016 forderte ich eine räumliche Trennung von Rauchern und Nichtrauchern auf Restaurantterrassen, und dass die Zonen mithilfe von Schildern aus Glas oder Plexiglas gekennzeichnet werden. Heute geht es einzig darum, zwei Bereiche festzulegen und die beiden Zonen zu unterscheiden: die Aschenbecher werden ausschliesslich auf einem Teil der Tische auf einer Seite der Terrasse aufgestellt, und der andere Teil des Aussenbereichs wird für die nichtrauchenden Gäste reserviert.

Was motivierte Sie dazu, die Vorstösse auszuarbeiten? Liegt Ihnen die Gesundheit der Bevölkerung am Herzen, oder sind Sie, als Nichtraucherin und Mutter, des Zigarettenrauchs überdrüssig?
Beides. Auf jeden Fall handelt es sich um ein gesundheitliches Anliegen: Es geht nicht in erster Linie darum, dass ich mich am Rauch störe, sondern vielmehr daran, dass Passivrauchen meiner Gesundheit schadet. Wenn ich die Entscheidung treffe, selber nicht zu rauchen, habe ich auch das Recht, den Qualm der anderen nicht ertragen zu müssen. Ihre Freiheit, zu rauchen, darf meine Freiheit, nicht zu rauchen, nicht beeinträchtigen. Das Passivrauchen ist schädlich, darüber bestehen keine Zweifel. Es geht darum, die Gesundheit der anderen, insbesondere jene der Kinder, zu respektieren. Natürlich kann die Windrichtung nicht kontrolliert werden, aber wenigstens könnte eine Familie mit einem Baby einen Tisch ganz am Ende der Nichtraucherzone verlangen.

Ist Passivrauchen im Freien ebenso gefährlich? 
Aber sicher! Studien beweisen das. Nicht umsonst haben die Schweizerischen Bundesbahnen ein Rauchverbot in einigen Bahnhöfen auferlegt. Sie haben gemerkt, dass die Konzentration an Zigarettenrauch an gewissen Orten erhöht ist, obwohl die Reisenden draussen rauchten.Was antworten Sie Restaurateuren, die der Meinung sind, bereits genug Einschränkungen ertragen zu müssen? Ganz einfach, dass mein Vorschlag, das Aufstellen von Aschenbechern auf einigen Tischen und auf anderen eben nicht, nicht weiter kompliziert ist! Ich verstehe nicht, was das ­Problem ist.

Gemäss Branchenprofis soll besser Taktgefühl vorherrschen…
Bestimmt gibt es Raucher, die ihren Tischnachbarn fragen, ob er sich am Rauch stört. Aber es gibt auch viele, die sich nicht einen Deut darum scheren. Die Realität ist eine ganz andere und Höflichkeit unter den Gästen nicht immer die Regel. Viele Raucher achten überhaupt nicht auf die anderen Gäste, denn für sie ist es ganz selbstverständlich, zu rauchen.

Gewisse Betriebe fürchten, ihre rauchenden Gäste zu verlieren…
Aber vielleicht werden sie auch eine neue Klientel von Nichtrauchern gewinnen! Es gibt Restaurants, die ein Rauchverbot auf der Terrasse während bestimmten Zeiten erlassen, beispielsweise von 12 bis 14 Uhr. Wenn ich als Nichtraucherin weiss, dass ich während meiner Mittagspause nicht durch Zigarettenrauch gestört werde, werde ich diese Betriebe den anderen vorziehen!

Werden Sie, sofern die Kantonsregierung Ihre Initiative nicht gutheisst, eine dritte Version ausarbeiten?
Ich halte an diesen Vorstössen fest, koste es, was es wolle, denn sie sind mehr als gerechtfertigt. Sie sind nicht extrem und benachteiligen die Raucher nicht.

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