Regionalvermarktung ist nicht einfach Wurst

«Um den Strukturwandel zu meistern, müssen im Berggebiet Kräfte gebündelt und kleinteilige Strukturen überwunden werden.» Solche Aufrufe erklingen hierzuberge seit Jahrzehnten. Sie sind und bleiben wahr, aber sie stossen systemisch auf die Wirklichkeit: Unternehmen entscheiden selber, welche Wurst sie kaufen, welche Lieferanten sie meiden, wo sie mitmachen und was sie tun und lassen.

Ein aktuelles Projekt, das sich auf den einleitenden Aufruf bezieht, ist «Graubünden Viva». Laut der Trägerschaft, zu der unter anderem GastroGraubünden gehört, dient «Graubünden Viva» insbesondere «zur Stärkung des Standorts Graubünden über das Thema Ernährung und Kulinarik sowie zur Vermarktung der Region als Hochburg der alpinen Genusskultur».

Ein anderer Aufruf dazu: «Peripheren Räumen mangelt es häufig nicht an Potenzialen, sondern an handlungsfähigen Akteuren, die die Potenziale erschliessen.» Graubünden Viva will ein solcher Akteur sein. Und wie Marc Tischhauser erläutert, Geschäftsführer von GastroGraubünden, geht es dabei weniger um Innovation als um eine Stärkung und Bündelung bestehender regionaler Angebote.

Rund um bestehende Organisationen und Veranstaltungen wie Kräuterwochen, Alpkäsemärkte oder Rebenwanderungen, und eingebettet in ein «Erlebnisjahr 2019» samt einem breit angelegtem «Fest der Sinne» strebt Graubünden Viva folgendes an:

  • aus vielen, teils bestehenden Einzelveranstaltungen ein starkes Ganzes machen
  • Geschichten von Menschen und deren Produkte, Handwerk, Innovationen, Traditionen evaluieren, kultivieren, erzählen
  • Kommunikationsmassnahmen unterstützen und verstärken
  • bestehende Inhalte durch Logistikpartner erleb- und erreichbar machen.

Im zeitlichen Rahmen zwischen der Konzeption 2015 und der abschliessenden Etablierung 2020 sind fast 18 Millionen Franken budgetiert, ein Drittel davon kommen allein von Bund und Kanton Graubünden. Weil die konkreten Massnahmen aber erst heuer zu greifen beginnen, und weil das vielfältige, dezentrale Graubündner «Fest der Sinne» im nächsten Sommer sozusagen die Umsetzung in die Praxis markieren wird, sind Zwischenbilanzen nur ganz bedingt zu ziehen.

Zum einen steht fest, dass der korporatistische Ansatz gegriffen hat: Vom Bündner Bauernverband über die Rhätische Bahn bis zur Graubündner Kantonalbank sind die grossen Verbände und Unternehmen allesamt Mitglieder bei Graubünden Viva.

Zum anderen zeichnet sich jedoch die althergebrachte systemische Schwäche ab: Unter den über 100 Mitgliedern sind vorderhand nur eine Handvoll gastgewerblicher Betriebe. Das ist zu wenig angesichts des Anspruches, Graubünden über die Bereiche Ernährung und Kulinarik als Hochburg der alpinen Genusskultur zu positionieren.

Aber der Ansatz könnte erfolgversprechend sein: die zentralen Akteure mittels einer Verknüpfung bestehender Angebote gewinnen – statt sie wie üblich entweder mit Geld oder mit Zwang unternehmerische Entscheide zu beeinflussen. Ob es gelingt, das grosse Potenzial in einem Mix von traditionellen und neuen Mitteln und Methoden (Digitales inklusive) abzurufen, bleibt abzuwarten.Gefragt sind und bleiben jedenfalls auch und zuvorderst die gastgewerblichen Betriebe Graubündens. Und sie entscheiden selber. 

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