«Servieren ist mein Traumberuf»

Das alte Täfer an der Wand und die Holztische sind lebendige Zeugen der Churer Bierhallen-Kultur: Eingeschnitzte Herzen, Liebesschwüre, Namen, Blumen. An den Wänden: Fotos von fröhlichen Gästen. Zwei TV-Geräte sind bei Sportsendungen eingeschaltet; eine Musikbox steht neben der Bar. Zur Bierhalle gehört vor allem aber auch Brigitte Gröner (47), seit 20 langen Jahren Servicemitarbeiterin.

Fehlbare erhalten Hausverbot 
Tagein, tagaus eilt sie in der Bierhalle von Tisch zu Tisch, nimmt Wünsche entgegen, bringt das Bestellte, findet für jede und jeden ein freundliches Wort und ist auch, wenn es die Zeit erlaubt, bereit für einen kleinen Schwatz. Und manchmal spendet sie sogar Trost. In seltenen Fällen, dann wenn sich jemand ungebührlich aufführt oder andere Gäste belästigt, weist sie dem Fehlbaren jedoch auch schon einmal die Türe. «Solche Leute wollen wir hier nicht. Sie werden mit einem Hausverbot belegt, denn Ordnung muss sein», sagt sie, die sich im Laufe der Jahre viel Menschenkenntnis und ein geschultes Auge angeeignet hat. Brigitte Gröner ist eine Servicemitarbeiterin, wie man sie heute nur noch ganz selten antrifft. Kurz: Sie ist die gute Seele in der Bierhalle Chur, die für jeden ein Lächeln hat.

Begonnen hat sie ihren Job im April 1999, kurz nachdem ihr Chef Wisy Kempf das Restaurant nach einem Umbau im August 1998 eröffnet hatte. Seine Idee: Die Bierhalle soll für alle da sein, also für alle Gästeschichten: vom Politiker bis zum Randständigen, vom Richter bis zum Künstler, vom Unternehmer bis zum Handwerker. Das Konzept ging auf. Die Gäste fanden hier so etwas wie ein zweites Zuhause.

Weil ihr Chef, wie Brigitte bestätigt, «immer ein grosses Herz» für seine Gäste hatte, sind die Preise moderat geblieben. Speziell auch das: An jedem 24. Dezember hat Wisy Kempf immer alle Gäste «ohne Heimat» gratis zum Weihnachtsbraten eingeladen. Diese schöne Tradition wird sein Nachfolger Charly Glatzl beibehalten. Im Alltagsbetrieb kommen aus der kleinen Küche einfache Gerichte, wie Würste, Gnagi, Wurst-Käse-Salat oder eine Käseschnitte.

Rauchverbot bringt Gästewechsel
«Vor 20 Jahren kamen noch viele Leute von der Gasse zu uns, ebenso viele Jenische. Mit dem Rauchverbot ab Mai 2010 gab es in der Bierhalle einen Gästewechsel. Ein Teil blieb weg. Andere, wie Kantonsschüler, Pensionierte und gut Situierte, kamen neu», erinnert sich Brigitte. «Doch die Frauen getrauten sich anfänglich nicht so recht, zu uns zu kommen. Das hat sich mit der Zeit glücklicherweise geändert.»

Brigitte, Mutter einer erwachsenen Tochter, möchte keinen Tag missen. «Natürlich haben sich Gäste ab und zu auch gestritten, sich aber immer wieder ver söhnt. Obwohl ich es besser wusste, habe ich mich ein einziges Mal eingemischt mit dem Ergebnis, dass alle über mich verärgert waren.»

«Spätdienste passen mir»
In der Bierhalle nimmt man nicht nur das Feierabendbier zu sich. Oft wird dort gefeiert. Immer sonntags gibt es live Ländlermusik. Da wird getanzt und gelacht. An Stadt- und anderen Festen ist die Bierhalle ebenfalls immer zum Bersten voll. Während der Fasnacht fällt hier niemand mehr um, so eng ist es. Gröner ist gerade auch an solchen Anlässen die Konstante, eine, die Ruhe bewahrt. «Schon vor langer Zeit habe ich die Spätdienste fest übernommen. Das kommt mir entgegen.»

Die gelernte Drogistin ist gleich nach der Lehre ins Gastgewerbe eingestiegen, zuerst in eine ebenfalls legendäre Churer Arbeiterbeiz. 1999 kam der Wechsel in die Bierhalle. Schnell stand für sie fest: «Servieren ist mein Traumberuf.»

Vertrauen ist wichtig
«Wisy ist immer ein guter Chef gewesen. Natürlich kam es hie und da zu kleinen Meinungsverschiedenheiten. Doch das gehört dazu. Anderseits hatte ich viel freie Hand und konnte vieles selbst entscheiden. Vertrauen ist unsere Basis.» Langweilig sei es in der Bierhalle nie. Mit den Jahren seien die Gäste fast wie zu einer Familie zusammengewachsen. «Wenn sie merken, dass es mir einmal nicht so gut geht, dann unterstützen sie mich auch. Zu meinem 20-Jahr-Jubiläum haben sie für mich am 1. April ein Fest organisiert. Eigentlich war es eine Hochzeit. Denn die Stammgäste sagten mir immer wieder, ich sei mit der Bierhalle verheiratet … Und so haben wir, die Bierhalle und ich, eben Hochzeit gefeiert. Es war total lustig.»

Ende Dezember 2018 hat Wisy Kempf seinem Nachfolger Charly Glatzl die Schlüssel der Bierhalle übergeben. «Nun ist der Wisy gegangen, der Charly ist gekommen, und ich bin geblieben. »

 

 

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