Starre und schwache Schweiz

Die Frequenzen kann man sich schenken, die Schweizer Zahlen sind unbrauchbar: Obwohl nach einem Unterbruch von über ­einem Jahrzehnt wieder Daten zur Schweizer Parahotellerie vorliegen, haben sie im aktuellen Welt-Tourismus-Barometer keinen Niederschlag gefunden. Zwar versichert das Bundesamt für Statistik, der Datensatz werde aktualisiert und die Schweiz künftig wieder vergleichbar.

Aber vorderhand gilt: Alle Welt liefert Ankünfte an der Grenze oder in beliebigen Beherbergungsbetrieben an die Welt-Tourismus- Organisation. Die Schweiz jedoch taucht in der internationalen Statistik nach wie vor nur mit den ­Ankünften in der Hotellerie auf. Der 39. Rang der Schweiz mit 9,2 Millionen Ankünften im Jahr 2016 ist also falsch und verwirrend. Unter den 50 grossen Tourismusländern kommen nur aus den Emiraten, die übrigens mit 14,9 Millionen Ankünften auf Platz 24 stehen, dieselben unnützen Daten wie aus der Schweiz.

An den Blödsinn haben sich Fachleute längst gewöhnt. Beim breiten Publikum wiederum spielen Differenzierung und Präzision eine eher untergeordnete Rolle. Hier zählen knackige Schlagzeilen: So hat Frankreich aufgrund von Attentaten zwar zwischen 2016 und 2017 2,2 Prozent seiner internationalen Ankünfte eingebüsst. Unser Nachbar bleibt aber hinter China sowie vor den USA und Spanien das beliebteste Reiseland der Welt (vgl. Kasten).

Um die Schweiz sinnvoll darzustellen und sie mit der weltweiten Konkurrenz zu vergleichen, gibt es beim Welt-Tourismus-Barometer immerhin eine Alternative: Neben den grenzüberschreitenden Ankünften erfasst die UNWTO nämlich auch die Tourismuseinnahmen von ausländischen Gästen. Mit umgerechnet gut 15 Milliarden Franken ist die Schweiz hier 2016 hinter Malaysia und vor Griechenland auf Platz 22 zurückgefallen (vgl. Kasten).

Die Entwicklung der Schweiz bei den Einnahmen war zum zweiten Mal in Folge negativ (–3,4%/–0,3%). Einen solch doppelten Krebsgang in einem weltweit boomenden Tourismus haben neben der Schweiz nur ganz wenige Staaten hinnehmen müssen: wegen furchtbarer Anschläge wie erwähnt Frankreich, wegen schlechter Regierungen die Türkei und Russland.

Ansonsten herrscht weltweit Wachstum, was für eine gute gesamtwirtschaftliche Lage spricht. «Nachdem wir 2017 das internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus feiern, begrüssen wir die kontinuierliche Entwicklung des Tourismus», ­kommentierte denn auch der scheidende UNWTO-Generalsekretär Taleb Rifai.

Die schlechte Verfassung der Schweiz verdeutlicht da umso schmerzhafter die epochale Strukturkrise im Schweizer Tourismus. Dies zumal der Bund diese Krise seit Jahren standhaft ausblendet, ja sie sogar schönredet – siehe das Interview mit Bundesrat Johann Schneider-­Ammann in der letzten Ausgabe von GastroJournal.

Dass etwas faul ist im Tourismusland Schweiz, legen dabei auch die ­Einnahmen einer ganzen Reihe hochentwickelter Volkswirtschaften und bekannter Destinationen nahe: Jahr für Jahr zweistellig zulegen konnten zuletzt etwa Schweden (max. +17,6%), Kanada (+14%), Australien (+13,5%), Japan (+10,4%) oder Norwegen (+10,8%).

Dass der Bund oder die Kantone dem Tourismusgewerbe zu Hilfe eilen, wie das in den 1920er und 1990er Jahren der Fall war, ist zurzeit ausgeschlossen. Deshalb muss sich das Gewerbe selber helfen, was freilich nichts Neues ist – und mit Blick auf die Nachhaltigkeit vielleicht sogar richtig. Der Preis dafür ist gross und wird bereits vielerorts bezahlt: Es ist der Tod der Familienbetriebe in den klassischen alpinen Ferienregionen der Schweiz.

www.unwto.org

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