Sternekoch sucht in Afrika nach Inspiration

Keine Fragen, volle Konzentration. Das fordert David Klocksin (35) am Samstag vor einer Woche von seinen Mitarbeitern. Dabei geistert in deren Köpfen wohl gerade die eine oder andere Frage herum. Soeben hat der Küchenchef des Stadtzürcher Restaurants 20/20 by Mövenpick sein Team mit der Nachricht überrascht, dass er den Betrieb bald verlassen werde. Weshalb jetzt? Was genau hat er vor? Wie genau geht es weiter? «Wir haben heute Abend ein volles Haus, deshalb gilt der Fokus auf unserer Arbeit», sagt Klocksin.

Die Fragen beantwortet der Deutsche tags darauf beim Mitarbeiterfest. Ein paar Tränen fliessen. Vor allem aber erntet Klocksin viel Zuspruch für seinen mutigen Plan: Er geht für ein ganzes Jahr auf Weltreise. «Ich will den Kopf lüften und mich von verschiedenen Kulturen kulinarisch inspirieren lassen.»

Der Entscheid zu diesem Schritt fällt vor einem knappen Jahr, also kurz nachdem das 20/20 mit dem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet worden ist. Es ist der weltweit erste Stern für eine Mövenpick-Küche. Noch während dieser ge­feiert wird, weiss Klocksin, dass er weg muss. Nicht weil ihm der Job nicht gefällt, sondern weil er weiterkommen will. «Ich will den zweiten Stern», gibt er offen zu. «Ich sehe, was möglich ist. Und gebe alles, um dies zu erreichen.»

Um aufs nächste Level zu kommen, fehlt ihm die Inspiration. «Die Ideen für Kombination, für Gerichte, für das Besondere – im Alltagsstress gingen sie verloren.» Im 20/20 sind sie für bis zu 35 Gäste nur zu viert in der Küche. Klocksin selbst arbeitet auf dem Saucier-Posten.

Asien und vielleicht Südamerika
Für sein persönliches Ziel gibt er nach viereinhalb Jahren seinen Job in Zürich auf. Nicht nur das: Auch Freundin Stephanie (30) wird er eine Zeit lang nicht sehen. «Unsere Beziehung ist nach fast sieben Jahren sehr gefestigt», ist Klocksin sicher. «Zudem sehen wir uns alle zwei Monate.» Stephanie wird mehrmals zu ihm reisen, und im September stehen gemeinsame Ferienwochen an.

Die Inspirationsreise zieht den Spitzenkoch zuerst nach Südafrika. «Ich habe mir eine Wohnung in Kapstadt gemietet. Von da aus plane ich meine Ziele in Afrika. Später geht es nach Asien und vielleicht noch nach Südamerika.» Er will die einfachen Küchen ebenso kennenlernen wie die hohe Gastronomie. Er will bei guten Küchenchefs tage- oder wochenweise unentgeltlich mitarbeiten. Und er will auch einfach mal nichts tun. Dafür hat Klocksin sogar seine Lebensversicherung geplündert. «Ich habe elf Jahre einbezahlt, da ist schon was zusammengekommen.» Angst vor dem Verlust seiner Ersparnisse hat er nicht. «Wieso auch? Wenn ich zurückkomme, arbeite ich ja wieder. Und wenn ich nicht von Beginn weg meinen neuen Traumjob finde, backe ich halt erst mal kleinere Brötchen.»

Investition in die Zukunft
Und überhaupt: Dass sein Umfeld den Schritt als mutig bezeichnet, kann er nicht verstehen. «Ich würde ihn eher sinnvoll nennen und kann ihn jedem nur empfehlen. Die Reise ist eine Investition in meine Zukunft. Und die ist in der Küche. Ich liebe das Kochen und werde dies noch lange tun. Am liebsten auch dann wieder in Zürich.» Doch er sei flexibel.

Um die Beziehung mit Stephanie macht er sich keine Sorgen. Die Absolventin der Hotelfachschule Luzern arbeitet im Eventbereich und verfolgt nebenbei mehrere eigene Projekte. Klocksin: «Wir überstehen dieses Jahr ganz sicher.»

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