Strukturen nicht gegen den Markt

Thomas Bieger, der 1987 an der Universität Basel in Volkswirtschaft doktoriert hat, gehört zu den führenden akademischen Köpfen im Schweizer Tourismus. Seit 2010 ist er Rektor der Univer­sität St. Gallen, wo er als Professor für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung der Tourismuswirtschaft tätig ist. Strategisch führt er unter anderem als Präsident die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit und als VR-Präsident die Jungfraubahnen.

GastroJournal: Inwiefern ist die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) ein gutes Werkzeug, inwiefern nicht?
Thomas Bieger: Dass es gut ist, zeigt sich unter anderem daran, in wie vielen Wirtschaftsepochen die 50-jährige SGH und ihre bereits 96-jährigen Vorgängerorganisationen Bestand hatten und nachgefragt worden sind. Heute ist die SGH einer der drei Pfeiler der Tourismuspolitik des Bundes. Sie ermöglicht mit vergünstigten, nachrangigen Krediten innerhalb des vom Bund definierten Förderperimeters Investitionen und trägt über Beratung und Informationsvermittlung zur Kompetenz­bildung in der Branche bei.

Keine ordnungspolitischen Vorbehalte, dass sich Unternehmen doch selber finanzieren sollten?
Die SGH und ihre Vorgänger haben immer ganz spezifische Nachteile insbesondere der Saisonhotellerie ausgeglichen, ohne strukturerhaltend zu wirken. Dass dies notwendig ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch bei unserem stärksten Mitbewerber im alpinen Tourismus, in Österreich, eine ­ähnliche Organisation besteht. Ausdruck der ständigen Erneuerung sind die regelmässigen Anpassungen des Förderinstrumentariums an die aktuellen Anforderungen, so zuletzt 2015, als der Unterstützungsperimeter geografisch über die klassischen alpinen Gebiete ­hinaus erweitert, die möglichen ­Beträge erhöht und Finanzierungen entlang der Wertschöpfungskette ermöglicht wurden.

«Die Politik kümmert sich eher zu viel ums Gewerbe»

Tropfen auf den heissen Stein des Strukturwandels?
Ein Erfolgsfaktor und eine Besonderheit der Schweiz ist es seit jeher, auch in schwierigen, gesamtwirtschaftlichen Situationen die Markt­orientierung nicht zu verlieren und beim Einsatz staatlicher Mittel zurückhaltend zu sein. Die SGH als Public Private Partnership, an der sich neben dem Bund und den Kantonen auch insbesondere die Beherbergungswirtschaft und die Banken engagieren, unterstützt unternehmerische Initiativen. Sie wirkt in einem privatwirtschaftlichen und staatlichen Zusammenspiel dort, wo es sinnvoll ist, für die Ermöglichung privatwirtschaftlicher Projekte bestimmte Risiken zu übernehmen und Finanzierungs­erleichterungen zu gewähren.

Hat die Schweiz weder eine Tourismusförderung noch eine Tourismuspolitik?
Doch, sie ist aber liberal und marktwirtschaftlich ausgerichtet. Sie basiert auf einem Zusammenspiel von Instrumenten auf Bundes- und Kantonsebene, was flexible und auf die jeweiligen Bedürfnisse ausgerichtete Lösungen ermöglicht. Entsprechend dieser Ausrichtung hat auch die SGH den Auftrag, selbsttragend zu operieren und nicht strukturerhaltend zu wirken. Entsprechend der Ziele der Tourismuspolitik des Bundes fördert sie auch die Nachhaltigkeit oder versucht, dazu beizutragen, die Effekte der Frankenstärke abzufedern. Ein wichtiges aktuelles Thema für den Tourismus in einem Hochlohnland ist die Stärkung der Produktivität insbesondere auch durch intelligente Nutzung der Digitalisierung.

Sind nicht auch Produktivitätsfortschritte trügerische Hoffnungen, weil sie gerade im Tourismus auf Kosten der Gäste gehen?
Die Produktivität kann man durch höhere Wertschöpfung steigern, wenn Qualität in höherer Zahlungsbereitschaft mündet. Oder man kann den Arbeitseinsatz reduzieren und damit die Kosten senken. Beide Optionen laufen auf zwei Strategien hinaus: Wo teure Arbeitskraft der Kundschaft nichts bringt, muss man sie streichen oder durch Automatisierung ersetzen. Wo die Kundschaft aber aus der teuren persönlichen Dienstleistung einen Mehrwert gewinnt, muss man sie konzentrieren. Ein Beispiel dafür ist der Check-in. Oft wünscht der Gast kein persönliches Check-in, sondern will rasch in sein Zimmer. Doch wenn der Gast persönliche Beratung will, möchte er nicht an der Rezeption warten, weil andere Gäste beim Check-in Zeit verlieren. Check-in ist typischerweise ein Prozess, der sich dank Digitalisierung automatisieren lässt.

Liegt bei der Produktivität also auch in Gastgewerbe und Tourismus noch viel drin?
Ja, wobei uns die ausgeprägte KMU-Struktur in die Quere kommt. Denn Investitionen in die Optimierung der Prozesse und IT fallen unabhängig der Betriebsgrösse in praktisch derselben Höhe an. Aber jeder Beherbergungsbetrieb jeder Grösse kann seine Prozesse noch optimieren und beispielsweise vom grossen Markt an Betriebssoftware profitieren. Hier, wie auch bei allen Standardanwendungen, auch Buchungsplattformen, lohnen sich übrigens nationale Eigenentwicklungen nicht. Wie bei allen IT- und Web-Lösungen gilt der Grundsatz «The Winner takes it all», das heisst letztendlich setzt sich der Grösste als Standard durch.

Wie aber Produktivitätsfortschritte schaffen in der kleinstrukturierten Schweiz?
Zum einen sollten Unternehmer darauf achten, bei allen Investitionen die Produktivität mit Hilfe intelligenter Arbeitsabläufe und digitaler Mittel zu erhöhen. Wenn einmal das Buffet falsch konstruiert ist, dann fallen über Jahrzehnte unproduktive Wege und Abläufe, letztendlich hohe Betriebskosten, an. Hotels müssen bereits heute robotertauglich konstruiert werden. Zudem kann und muss der Staat darauf achten, dass unternehmerische Bemühungen und Investitionen nicht durch Bürokratie und Regulierungen be- oder sogar verhindert werden bzw. hohe Regulierungskosten anfallen.

Also hat der klassische Kleinbetrieb nicht ausgedient?
Es gibt ja nicht den Kleinbetrieb. Kleine Unternehmen können unterschiedlich motiviert/bedingt sein Es gibt die Lifestyle-Entrepreneurs, bei denen die Rendite sekundär ist, die sich aber einen Traum verwirklichen und ihren Gästen eine besondere Form von Betreuung und Erlebnissen bieten. Es gibt aber auch neu gegründete Unternehmen, die in der Wachstums­phase sind. Und es gibt gewerbliche Betriebe bei Tätigkeiten, bei denen keine Grössenvorteile erzielbar sind. Beispiel dafür sind die klassischen Pop-and-Mom-Kleinhotels oder Lodges ausserhalb der gros­sen Zentren.

Ist das Gewerbe nicht insgesamt ein Auslaufmodell, was seine vielerorts ­desolate Lage und die politische Vernachlässigung erklären würden?
Die Politik kümmert sich eher zu viel ums Gewerbe, und zwar mit Regulierungen. Für die zunehmende Regulierung vieler Lebensbereiche und Sektoren gibt es verschiedene Ursachen. Häufig eben auch ist es die Politik, die rasch auf kurzfristige Probleme reagiert. Aber auch internationale Regulierungen, die übernommen werden müssen. Und nicht zuletzt haben einzelne Branchen selbst auch ein Interesse, sich von anderen, neuen Anbietern durch Regulierungen zu schützen. So gesehen darf die Antwort auf Airbnb und Uber eben nicht neue Regulierung zum Schutz der alten Anbieter sein. Es ist vielmehr zu prüfen, wo auch die alten Anbieter von Regulierungen entlastet werden können. Und wenn allenfalls auch neue Anbieter reguliert werden müssen, dann sind regionsspezifische Lösungen zu prüfen, denn die Probleme beispielsweise der Vermietung von Privatunterkünften sind in Städten und peripheren Destinationen grundsätzlich unterschiedlich.

«Je komplexer das Umfeld, desto mehr Freiheiten braucht der Einzelne»

Was soll also der Staat?
Er soll vernünftige, regulative ­Rahmenbedingungen setzen, und vernünftig heisst etwa, dass jeder Unternehmer, jeder Bürger die wichtigsten Rechtsgeschäfte ohne besondere Kenntnis oder gar Beratung erledigen können muss. Die Welt wird zwar komplexer, doch je komplexer das Umfeld wird, desto mehr Freiheiten muss der Einzelne bekommen, denn nur durch Flexibilität kann er auf Komplexität reagieren. Bei Investitionen in der Beherbergungsbranche würde es zukünftig Sinn machen, folgende Themen stärker zu gewichten: Optimierung der Leistungsprozesse und Digitalisierung, Innovation nicht nur der Produkte, sondern auch der Leistungserstellung und der Geschäftsmodelle.

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