Tourismusfrequenzen: ein ziemlich grober Eindruck

Die Kuchen für die ausländische Nachfrage in den Grafiken da müssten kleiner sein. Aber wären sie ins richtige Verhältnis zur Schweizer Nachfrage gesetzt, würden die Kuchen so klein, dass fast nichts mehr zu erkennen wäre. Leidlich korrekt sind aber die Verhältnisse einerseits zwischen der gesamten und der schweizerischen Nachfrage sowie andererseits zwischen den ausländischen Märkten.

Daraus ergibt sich einmal mehr: Schweizer Gäste verbringen fast die Hälfte der Logiernächte in hiesigen Hotels, Ferienwohnungen, Kollektiv- unterkünften und auf Campingplätzen – und deutsche Gäste dominieren die ausländische Nachfrage nach wie vor.

Irreführend sind die Grafiken freilich auch inhaltlich: Zwar stimmen die Daten im Rahmen von Varianzen. Aber das leuchtende Gelb der Hotellerie hat gegenüber dem satten Rot der Ferienwohnungen viel zu viel Gewicht. Weil die Frequenzen das Resultat von Stichproben kommerzieller Ferienwohnungen sind, fehlt nämlich ein Grossteil der Nachfrage: Wie der Tourismus Monitor Schweiz eben gezeigt hat, verbringen volle 45 Prozent der Gäste in der Schweiz ihre Nächte in Ferienwohnungen. Fazit: ein ziemlich grober Eindruck.

Ärgernis Ferienwohnung

Neben dem Messen von Logiernächten gibt es weitere Tourismusstatistiken: seitens des Bundes namentlich das Satellitenkonto, und seitens von Schweiz Tourismus den Tourismus Monitor Schweiz (TMS). Der eben neu erschienene TMS (GJ20) zeigte nun, dass 45 Prozent der übernachtenden Gäste in der Schweiz in Ferienwohnungen logieren. Aber nur ein Viertel dieser Nachfrage, die jene in Hotels übersteigt (41%), betrifft bezahlte Ferienwohnungen – jene also, welche die Parahotelleriestatistik teilweise erfasst. Die Grafiken unten sind mithin auch jenseits von Varianzen irreführend: Ferienwohnungen sind weit bedeutender, als es erscheint.

Ärgernis Publikation

Unter anderem weil verschiedene Abteilungen am Werk sind, schafft es das Bundesamt für Statistik (BFS) nicht, die Beherbergungszahlen der Hotellerie und der Parahotellerie parallel zu publizieren: Am 22. Februar 2018 erschienen die Zahlen der Hotellerie, am 18. Juni endlich diejenigen der Parahotellerie. Damit sind differenzierte Einordnungen für die Publikumsmedien fast unmöglich – und irreführende Schlagzeilen praktisch garantiert. Die Verzettelung betrifft aber nicht nur die Publikationsdaten: Das Bundesamt schafft es auch nicht, bei der Hotellerie und der Parahotellerie dieselben Massstäbe zu verwenden: Touristische Regionen gibt es hier nicht, weshalb bei den obigen Grafiken auf die Kantone zurückgegriffen werden musste.

Ärgernis Parahotellerie

Ab 1934 betrachtete der Bund touristische Statistiken als hoheitliche Aufgabe und erfasste Logiernächte in Voll­erhebungen. Im Rahmen einer Sparübung unter Pascal Couchepin desavouierte der Bund 2003 dann die wichtige Exportbranche – und tut seither praktisch nur noch das, was ihm international ohnehin vorgeschrieben ist. Opfer ist der Tourismus samt dem Schweizer Tourismus-Verband (STV). In mühsamen Übungen muss der STV immer wieder neu eine öffentlich-private Statistik finanzieren und realisieren. Während die Hotellerie diesbezüglich seit 2005 recht gut bedient ist, ist die Parahotellerie ein Ärgernis: Ein volles Jahrzehnt lang gelang es nicht, die enorm wichtigen Ferienwohnungen statistisch einzubinden – als Hauptgrund kam immer wieder aufs Tapet, die «Grundgesamtheit» der Ferienwohnungen sei schwierig. Die 2016 lancierte, unbefriedigende Lösung: Stichproben kommerzieller Ferienwohnungen und Schlechtmachen früherer Statistiken.

Negative Tourismusbilanz

Zum zweiten Mal in Folge bilanziert der Schweizer Tourismus insgesamt eine negative Bilanz: Wie das Bundesamt für Statistik (BFS) mitteilt, haben Schweizerinnen und Schweizer während ihrer Reisen im Ausland mehr ausgegeben als ausländische Gäste während ihrer Reisen in der Schweiz. Laut BFS beläuft sich «der Saldo der Fremdenverkehrsbilanz in einem nach wie vor von der Frankenstärke geprägten Wirtschaftsumfeld auf nunmehr –122 Millionen Schweizer Franken.» Zwar haben ausländische Gäste, die 2017 in der Schweiz übernachteten, fast 11 Milliarden Franken ausgegeben.

Das sind volkswirtschaftlich betrachtet Exporteinnahmen, und angesichts der gesamten Schweizer Exporterlöse von 295 Milliarden Franken im vergangenen Jahr bleibt der internationale Tourismus für die Gesamtwirtschaft bedeutend (3,7%) und für die Tourismusregionen existenziell. Per Saldo jedoch ist der Tourismus keine Exportbranche mehr. Das ist einerseits beunruhigend, weil sich die Bundespolitik danach ausrichtet, und andererseits weil es ein neues Phänomen ist. Die Schweiz hatte nur in absoluten Krisenzeiten eine negative Tourismusbilanz. Erst im letzten Jahrzehnt ist der Saldo unter eine Milliarde Franken gesunken, vordem hatte der Überschuss jährlich bis drei Milliarden Franken und mehr erreicht.

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