Übernahme ohne Schulden

Die Männer vom Stammtisch und die Kartenspieler kommen jetzt am Dienstag. Das ist der einzige Tag in der Woche, an dem das Gasthaus Weiterer in Algermissen, einem kleinen Ort im Norden Deutschlands, noch regulär geöffnet hat. Ein Grund zum Jammern? Nichts da. Immerhin bleibt der Dienstag für einen angeregten Plausch beim Bier und ein deftiges Abendessen.

Immer mehr Gasthäuser schliessen für immer, weil sich kein Nachfolger findet. Als Fabian Pätzold das Gasthaus Weiterer am 1. Januar 2017 von seinem Vorgänger übernahm, musste ein neues, zukunftsfähiges Konzept her. Der 32-Jährige setzt seither auf Familienfeiern, Goldene Hochzeiten und Kommunionfeiern im Festsaal. Er kann die Fixkosten niedrig halten und schafft es, mit zwölf Aushilfen und einer Festangestellten die Feiern zu stemmen.

Pätzold hatte drei Jahre Zeit, sich Gedanken zu machen. So lange arbeitete er als angestellter Koch im Gasthaus Weiterer, ehe der Eigentümer ein Übernahme-Paket schnürte, das es vermutlich nur selten gibt: Der 32-Jährige musste keine Ablöse zahlen, Geschirr und Inventar sind als Leasing-Gut quasi in die monatliche Rate eingerechnet. Letztlich musste Pätzold keinen Kredit aufnehmen und konnte mit einem Eigenkapital in vierstelliger Höhe loslegen. «Ich habe Lebensmittel eingekauft, die ersten Feiern veranstaltet und sofort kam genügend Geld rein.»

Leider finden sich kaum solche Beispiele. In Deutschland sterben jeden Tag drei Gasthäuser. 1995 verzeichnete das Statistische Bundesamt weit über 50 000 Schankwirtschaften, jetzt sind es noch rund 30 000. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband kennt das Problem: «Eine Übernahme ist teuer. Junge Menschen schrecken vor Schulden zurück und die Banken sind sehr zurückhaltend», erklärt ein Sprecher. Immerhin gibt es in Deutschland spezielle Kredite für Existenzgründer, die das Wirtschaftsministerium eingerichtet hat: «Es können bis zu 100 Prozent des Gesamtfinanzierungsbedarfs mit maximal 100 000 Euro gefördert werden.» Wer direkt bei einer Bank anklopft, hat in der Regel schlechte Karten: Die Kreditinstitute zögern, weil sie in der Gastro-Branche ein erhöhtes Risiko sehen. Meist fordern sie eine exorbitant hohe Eigenkapitalquote.

So ist das auch in der Schweiz zu beobachten, wo sich Fälle häufen, in denen junge Gastronomen 50 Prozent und mehr aus eigener Tasche beisteuern sollen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO gibt Interessenten zwar Tipps, diese sind aber sehr allgemeiner Natur: «Wer ein Café eröffnet, kann sich bei der kantonalen Wirtschaftsförderung beraten lassen, wie er leichter Zugang zu Krediten erhält.» Ausserdem ist von «Steuererleichterungen im Rahmen der Regionalpolitik» die Rede – allerdings nur in ländlichen Regionen, in Berg- und Grenzgebieten. Die Experten sind sich einig, dass man die Finger von der Pensionskasse lassen sollte, um die Übernahme eines Wirtshauses zu finanzieren. Läuft es schlecht, ist am Ende die Rente futsch.

Kein Wunder, dass Finanzierung und Kredite der Branche grosse Sorgen bereiten, wie auch im Branchenspiegel 2016 von GastroSuisse zum Ausdruck kommt. Die Schweizer Gastronomen beurteilen das wirtschaftliche Umfeld überwiegend negativ, unter anderem wegen äussert zurückhaltender Banken. Einen Funken Hoffnung gibt die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit, die allerdings nur in Zusammenhang mit Beherbergungsbetrieben Gelder gewährt. Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Gastronomiebetrieb in der Schweiz auf der Suche nach einem Nachfolger innerhalb der nächsten fünf Jahre. Viele haben Verkauf oder Verpachtung in ihre Rente einkalkuliert und laufen nun Gefahr auf dem Gasthaus sitzen zu bleiben.

«Ich hätte 1000 oder 2000 Euro mehr Pacht verlangen können. Aber das ist zu kurzfristig gedacht. Nach ein oder zwei Jahren ist der Pächter am Ende, ich habe Leerstand und muss neu suchen», sagt Johannes Weiterer, der das Gasthaus im deutschen Algermissen von seiner Mutter vor 45 Jahren übernommen hatte. «Ich hatte Glück, dass Johannes Weiterer mir diese Chance gegeben hat und mir auch jetzt noch mit Rat und Tat zur Seite steht», sagt Pätzold. Und trotzdem sei es kein Selbstläufer, auch er musste kämpfen. «Ich habe anfangs die Preise erhöht, weil ich ja im Gegensatz zu meinem Vorgänger Pacht zahle. Da haben die Leute anfangs geschimpft. Aber jetzt verstehen sie meine Situation.»

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