Unwillige zur Bildung bringen

Ungefähr 240 000 Mitarbeitende arbeiten in der Gastronomie, und 17 Bildungszentren bieten ihnen Weiterbildungen an. Auf den ersten Blick ein lukratives Geschäft für die Zentren, doch viele Gastronomen und Hoteliers haben entweder keine Zeit für Weiterbildung oder kein Interesse daran. Darum ist die Anzahl Weiterbildungswilliger nicht riesig. «Der Gastronom will Weiterbildungen besuchen, aber er hat viele Gründe, warum er es doch nicht tut», ist Isabelle Frei überzeugt, Leiterin Ritzy-Weiterbildung in Siders im Wallis.

Die Bildungszentren sind also gefordert, ihren potentiellen Kunden die Weiterbildung schmackhaft zu machen. Denn wo keine Kunden, da keine Einnahmen. Viele der Institutionen leben zu einem grossen Teil von den Vorbereitungskursen für das G1, den Wirtekurs. «Bis Anfang dieses Jahres bot das Bildungszentrum von GastroGraubünden praktisch nur G1 und G2 an», erklärt Geschäftsleiter Marc Tischhauser. «Nun wollen wir mit zusätzlichen aktuellen, praxisnahen und knackigen Kursen frischen Wind in das verstaubte Ausbildungsangebot bringen.»

Die Vorbereitungskurse für den G1-Abschluss funktionieren in den meisten Kurszentren gut. In den Kantonen, in denen das Wirtepatent Voraussetzung für das Führen eines Betriebes ist, ohnehin. Die Vorbereitungen für den Abschluss bietet GastroSuisse auch als E-­Learning- Module an. Bei der Vorbereitung für den Wirtekurs gibt es jedoch Konkurrenz, die den Bildungszentren zuweilen das Leben schwer macht. Dass es andere Anbieter gebe, welche die Vorbereitung für das G1 als Fernkurs anbieten, gehöre zum freien Markt, erklärt Ruth Walther, Leiterin des Aus- und Weiterbildungszentrums von Gastro­Bern. Viele Absolventen dieses Angebotes gingen jedoch davon aus, dass es sich beim Anbieter um den Kantonalverband handle. Die Qualität dieser Angebote entspreche jedoch nicht immer den Vorstellungen von GastroBern, was sich auch bei den Abschlüssen zeige. «Und wenn die Leute die Prüfungen nicht bestehen, werden wir kritisiert», sagt Ruth Walther. Mittlerweile bereiteten sich jedoch wieder mehr Gastronomen vor Ort im Bildungszentrum für die Prüfung vor und darum seien sie nicht mehr so stark davon betroffen. «Es gibt Kursteilnehmende, für die ein Online-Kurs gar nicht ideal ist. Die sind in den Bildungszentren besser aufgehoben», gibt Bruno Gruber, Leiter des Bildungszentrums von GastroBaselland, zu bedenken. Denn der Austausch untereinander sei von unschätzbarem Wert.

Dadurch, dass viele Gastronomen entweder keine Zeit oder keinen Bedarf an Weiterbildung hätten, sind die Bildungszentren gezwungen, sich den Bedürfnissen ihrer Kunden anzupassen. Wichtig sei, dass man als Bildungszentrum nicht darauf warte, bis das Telefon klingle und sich jemand für eine Weiterbildung anmelde, ist Urs Kohler, Geschäftsleiter von GastroAargau, überzeugt. «Wir sind an Bildungsmessen präsent und gehen auf potentielle Kunden zu.» Oft könnten sie so Gastronomen für Kurse begeistern, die sich sonst nicht mit möglichen Weiterbildungen auseinandergesetzt hätten.

Heutzutage reiche es nicht mehr, lediglich Kurse anzubieten. Die Weiterbildungen, sprich das Angebot, müsse stetig angepasst werden, erklärt Max Gsell, Schulleiter der Ostschweizer Gastronomiefachschule in St. Gallen. Ausserdem müsse die Qualität der Referenten hoch sein, und die Auswahl der Themen sich der Zeit anpassen. «Ein Bildungszentrum kostet Geld. Das im Griff zu behalten, sehe ich als eine der grössten Herausforderungen», erklärt Bruno Gruber von GastroBaselland.

Momentan ist der Umgang mit den neuen Medien und den Bewertungsportalen ein grosses Thema bei den Gastronomen. GastroVaud wird seinen Mitgliedern ab Januar 2018 darum Kurse anbieten, in denen sie Grundkenntnisse und Werkzeuge erlangen, um ihre E-Reputation auf Plattformen wie Tripadvisor zu verwalten. «Auch der Wandel in der Gesellschaft und die neue Art sich zu verpflegen ist bei uns ein grosses Thema», erklärt Gilles Meystre, Präsident von Gastro­Vaud. Darum werden sie ab Januar 2018 einen Kurs für Food-Truckers anbieten. Gastro­Zürich bietet ab November wiederum eine Weiterbildung für Betriebe an, die Insekten auf die Speisekarte nehmen möchten. «Wie lange dieser Kurs gefragt sein wird, wissen wir noch nicht», erklärt Elisabeth Ruf, Leiterin des Bildungszentrums in Zürich.

Dass Spezialkurse nicht sehr gut laufen, bestätigen alle Bildungszentren. «Wir kommen nicht umhin, den Kunden immer wieder Aktuelles anzubieten. Ich meine damit aber nicht Küchen- oder Servicekurse», betont Isabelle Frei von Ritzy. «Wenn ein Koch beispielsweise einen Sousvide-Kurs besucht, muss man sich fragen, welche Ausbildung er absolviert hat.»

Einige der Berufsbildungszentren gehen sogar zu ihren Kunden und bieten vor Ort Kurse an, wie das Ritzy-Weiterbildungszentrum in Siders. «Wenn sich in einem Ort genügend Betriebe finden, die eine spezifische Weiterbildung wünschen, führen wir die Kurse vor Ort durch», erklärt Isabelle Frei. GastroTicino wiederum bietet seinen Mitgliedern massgeschneiderte Weiterbildungen an. «Wenn die Kunden keine passenden Kurse in unserem Programm finden, können sie auf uns zukommen, und wir stellen einen Kurs für sie zusammen», erklärt Valentina de Sena, Verantwortliche für das Bildungszentrum bei Gastro­Ticino. Ebenfalls Kurse nach Mass bietet GastroBern an. «Die Kunden wünschen da vor allem die Themen Lebensmittelkunde, Hygiene, Service, Verkauf oder Gästebetreuung», ergänzt Ruth Walther.

Die Herausforderung, Weiterbildungswillige in die Zentren zu bringen, ist für alle gleichermassen gross. «Vor allem besuchen meistens diejenigen die Kurse, die es nicht unbedingt nötig haben», sind sich die Befragten einig. Vor allem an den zahlreichen Betriebsschliessungen sieht man, dass der Bedarf gross ist. «Beispielsweise in einem Tourismuskanton hat ein schlecht geführter Betrieb immense Auswirkungen», gibt Marc Tischhauser zu bedenken. Enttäuschte Touristen mieden nicht nur den betreffenden Betrieb oder den Ort, in dem er sich befindet, sondern die ganze Region.

Viele der Bildungszentren setzen auf eine Zusammenarbeit mit anderen Kantonalsektionen oder anderen Institutionen, um auch in Zukunft attraktive Weiterbildungen anbieten zu können. GastroTicino beispielsweise arbeitet mit Hotelleriesuisse oder der Hotel&Gastro Union zusammen, um Synergien zu nutzen. «Im Kanton Graubünden bilden Hotelleriesuisse und GastroSuisse so quasi eine Einheit», erklärt Marc Tischhauser. Denn um auch in Zukunft zu bestehen, sei Konkurrenzdenken fehl am Platz. «Wir müssen die Fenster öffnen, Kooperationen schliessen und Synergien nutzen, dann werden wir eine Zukunft haben, die uns alle weiterbringt», bringt es Max Gsell von Gastro­- St. Gallen auf den Punkt.

Bildungszentren von GastroSuisse:

Folgende Kantonalsektionen führen ein Bildungszentrum, in dem verschiedene Aus- und Weiterbildungen angeboten werden:

  • GastroAargau in Unterentfelden
  • GastroBern in Bern
  • GastroBaselland in Liestal
  • Wirteverband Basel-Stadt in Basel
  • GastroFribourg in Freiburg
  • Société des Cafetiers, Restaurateurs et Hôteliers de Genève (SCRHG) in Genf
  • GastroGraubünden in Chur
  • GastroJura in Delémont
  • GastroLuzern in Luzern
  • GastroNeuchâtel in Neuenburg
  • GastroSt. Gallen in St. Gallen
  • GastroThurgau in Gottlieben
  • GastroTicino in Lugano
  • GastroVaud in Pully
  • GastroValais in Siders
  • GastroSuisse in Zürich
  • GastroZürich in Zürich

www.gastrosuisse.ch

 

 

Aktuelle News