Walliser Aus- oder Königswege

«Schonungslose Transparenz» sei wichtig, sagt Berno Stoffel, «alle Zahlen müssen auf den Tisch.» Zwar spricht der bestandene CEO der Touristischen Unternehmung Grächen AG von den Voraussetzungen für die Neupositionierung der Walliser Bergbahnen: Das Kantonsparlament hat sich kürzlich in erster Lesung weitgehend hinter ein neues Gesetz gestellt. Es sieht nur noch Bahnen mit einer EBITDA-Marge von mindestens 30 Prozent als förderunsgwürdig an. Und Stoffel, ein gelernter Theologe mit Doktortitel, hatte etwa als Vize der Walliser Bergbahnen massgeblichen Anteil an dieser plausiblen Messlatte.

Die Forderung nach Transparenz gilt freilich nicht nur für die Walliser Bergbahnen. Mit klaren Vorgaben, die professionell geführte und kommerziell lebensfähige Bahnunternehmen definieren, könne das Wallis «gesetzgeberisch wegweisend» sein, meint Stoffel. «Ob man Bergbahnen als Service Public betrachte, ob sie international erfolgreiche Privatunternehmen seien oder regional breit getragene Körperschaften – die Frage nach den Strukturen stellt sich überall», sagt Stoffel, «Inventar zu machen und Leitlinien festzulegen, sei mithin immer dienlich.» Dies auch und gerade für die Unternehmen, die durchfallen. Sie erhielten eine neue Dynamik, die im Wallis zu Schliessungen und Zusammenschlüssen führen dürfte. Und Letzteres nicht, um aus schwachen Kleinen einen schwachen Grossen zu machen, sondern um an Professionalität und Attraktivität zu gewinnen und notwendige, aber unrentable Bahnen im Rahmen von Leistungsvereinbarungen aufrechtzuerhalten.

Der Walliser Weg ist aber noch weiter zu fassen: Früher habe im Schweizer Tourismus fast jeder mit fast allem Geld verdient, und daran habe man sich gewöhnt, erläutert Stoffel. «Wir hatten kein Nachfrage-, sondern ein Angebotsproblem», was sich etwa daran zeige, dass man sich vielerorts erst jetzt mit dem Gast zu beschäftigen beginne. Der Markt habe sich «radikal verändert», und damit seien «viele überfordert». Wie die Bergbahnen, so habe die ganze Tourismusbranche grosse Überkapazitäten, und es stelle sich grundsätzlich die Frage, was davon in die bestehenden Systeme eingebaut werden könne, was verschwinde und wo neue Modelle entstünden.

Gefragt ist nicht nur Gästeorientierung, nicht nur Transparenz und Inventur samt klarer Massgaben – was ebenfalls heisst, dass Tourismusorganisationen als Standortförderer arbeiten und klassisches Tourismusmarketing also auch strategisch anders angehen müssen. Gefragt ist auch ein innovationsfreundlicheres Klima. «Die Investition ist nicht das Problem», weiss Stoffel, die aktuelle Zinspolitik biete einmalige Chancen, und man wolle sich doch dereinst, wenn die Zinsen wieder steigen, nicht vorwerfen lassen, nichts getan zu haben.

Indes mangle es am Raum für die Umsetzung von Ideen. «Jeder ist stark in seiner eigenen Küche beschäftigt», findet Stoffel. In einem solchen Umfeld verfalle man eher auf alte Rezepte, verbrauche sehr viel Energie und sei weder innovationsfreudig noch fehlertolerant. Dabei ist entsprechende Offenheit nicht nur zurzeit gefragt, wo sich der Tourismus stark verändert: Erfolg im Tourismus hat immer damit zu tun, dass Gäste wie geschmiert einer Servicekette mit zahllosen Gliedern unterschiedlicher Anbieter entlanggleiten.

«Wer innovativ ist, kann gewinnen», ist Stoffel überzeugt. Wer jedoch stillstehe oder an Besitzständen festhalte, drohe zu verlieren. Er sieht durchaus Chancen für den Schweizer Tourismus: Die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Weltregionen sei ähnlich dynamisch, wie sie es nach den 1960er- Jahren in Westeuropa gewesen sei – und in den prosperierenden Ländern geniesse die Schweiz einen hervorragenden Ruf. Das seien freilich «ganz andere Geschäftsmodelle als auf den traditionellen Märkten, wo Verdrängung und Preiskämpfe und sinkende Margen weiter dominieren», stellt Stoffel klar.

Die Frequenzen und Margen früherer Generationen kommen insofern kaum zurück, der Wintersport wiederum wird wieder zum exklusiven Vergnügen wie in seinen Anfängen. Doch all das schafft nicht nur Verlierer, und die Schweiz hat laut Stoffel grundsätzlich gute Voraussetzungen, Gewinner hervorzubringen: «Ich bin immer zuversichtlich.»

 

Bergbahnen: Das neue Gesetz wackelt

Das neue Walliser Bergbahn­gesetz definiert harte und plausible ­Bedingungen für Bergbahnen, die öffentliche Unterstützung wollen. In einer ersten Lesung strich das Walliser Kantonsparlament aber eine zentrale Bedingung: Auch Bergbahnen mit einem Umsatz von weniger als zwei Millionen Franken sollen förderungswürdig bleiben. Das wegweisende Gesamtwerk schien damit aber nicht gefährdet, weil eine andere Bedingung stehenblieb: eine EBIT-Marge von mindestens 25 Prozent. Doch weil erfolgreiche, grosse Bahnen vom bereinigten Gesetz weniger profitieren, wehren sich insbesondere die Zermatt Bergbahnen. Man wolle lieber kein Gesetz als dieses verpolitisierte. Die zweite Lesung im Mai wird zeigen, ob damit das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird.

 

 

 

Aktuelle News