Wieder Gastgeber aus Leidenschaft sein

Manfred Pinzger führt mit seiner Frau Inge das Hotel Vinschgerhof in Vetzan bei Schlanders und amtet seit dem 14. Mai 2013 als Präsident des Südtiroler Hoteliers- und Gastwirteverbandes (HGV). Pinzger engagierte sich davor jahrzehntelang politisch: Er war von 2006 bis 2013 Senator in Rom sowie von 2006 bis 2008 Mitglied des Europarates sowie Mitglied der Versammlung der West­europäischen Union.

GastroJournal: Sie sind sehr engagiert. Erst in der Politik und nun seit 2013 als Präsident des HGV. Was treibt Sie an?
Manfred Pinzger: Prinzipiell die Freude und Leidenschaft an diesem wunderschönen Beruf – und natürlich der Wunsch, etwas zu bewegen.

Was möchten Sie als HGV-Präsident mit Ihrem Team erreichen?
Zentrales Anliegen ist sicher, die politischen Rahmenbedingungen zu verbessern. Das Problem ist ja mittlerweile, dass wir relativ viel Zeit für bürokratische Verwaltungsaufgaben in unseren Betrieben verwenden müssen, und gleichzeitig immer weniger Zeit bleibt, effektiv Gastgeber zu sein. Hier versuchen wir unter anderem mit Unterstützung der neuen technologischen Mittel, uns ein wenig Freiraum zu schaffen sowie die Bürokratie mit gezielten Massnahmen abzubauen. Zum Zweiten geht es darum, die Tourismusgesinnung der Bevölkerung im Land zu stärken – das ist nicht immer ganz einfach. Und zu guter Letzt ist wohl die grösste Herausforderung für die Betriebe zurzeit der Fachkräftemangel.

«Wir möchten die ­Tourismusgesinnung in der Bevölkerung stärken»

Sie erwähnen ein mangelndes Tourismusbewusstsein in einem Land, in dem der Tourismus ein Hauptwirtschaftszweig ist. Woher kommt das?
Bei uns wurde im Tourismus-­Sektor in den letzten Jahren aufgrund der relativ guten Voraussetzungen für Investitionen enorm expandiert, und das ist nicht überall goutiert worden. Hier muss man schon versuchen, dass die heimische Bevölkerung in Relation zu den Gästebetten steht und nicht überrollt wird.

Inwiefern wird dem Tourismus-Zweig in Südtirol von der Politik, der Wirtschaft bewusst Rechnung getragen?
Aufgrund der übertragenen Kompetenzen des Staates hat die Landesregierung und somit der Südtiroler Landtag in fast allen Bereichen primäre Gesetzgebung. Das heisst, wir können die Rahmenbedingungen auf uns zuschneiden. Hinzu kommt, dass dem neuen Landeshauptmann der Stellenwert sowie die Wertschöpfung aus dem Tourismus durchaus bewusst sind.

«Die grösste Heraus­forderung derzeit ist der Fachkräftemangel»

Wo sehen Sie zurzeit die grössten He­rausforderungen für die Südtiroler Gastronomen und Hoteliers?
Die grösste Herausforderung für die Zukunft wird weniger sein, unsere Hotelbetten zu füllen, sondern die notwendigen Fachkräfte zu bekommen. Hinzu kommen die Betriebsübergaben; wir stehen ja vor einem Generationenwechsel. Eine weitere Herausforderung ist zudem die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe. Hierfür müssen wir wiederum entsprechende Rahmenbedingungen mit den Entscheidungsträgern in der Politik aushandeln.

Sehen Sie betreffend Fachkräftemangel Möglichkeiten, auch von Verbandsseite her Hand zu bieten?
Ich war vor kurzem auf Einladung des dortigen Bürgermeisters Leoluca Orlando in Palermo. In Sizilien gibt es sieben Hotelfachschulen, die ich mit meinen Abteilungsleitern besucht habe, um Stimmung für Praktikums- sowie Arbeitsplätze in Südtirol zu machen. Kooperation ist somit ein Ansatz gegen den Fachkräftemangel. Wir arbeiten zudem sehr eng mit unseren eigenen sechs Hotelfach- und Berufsschulen zusammen.

«Ich glaube, dass die ­Klassifizierung an Wert ­verlieren wird»

Südtirol und die Schweiz haben vieles gemeinsam: Beide streben nach möglichst grosser Autonomie, setzen auf das duale Bildungssystem, und für beide ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig. Wie nehmen Sie den Schweizer Tourismus, die Hotellerie von aussen wahr?
Ich liebe die Schweiz. Meine Tochter hat nach dem Studium ihre erste Berufserfahrung hier gemacht. Die Top-Hotellerie in der Schweiz ist meiner Meinung nach fantastisch aufgestellt, während das mittlere Segment eher schwach positioniert ist und es an wettbewerbsfähigen Angeboten fehlt.

Hier sehen Sie also noch Potenzial?
Ja. Denn die Schweiz ist ein Hochpreisland, das wissen wir. Aber mittel- und langfristig denke ich schon, dass es hilfreich wäre, wenn die Schweizer Hotellerie ihren Gästen ein breiter gefächertes Angebot bieten könnte.

Wo sehen Sie die grossen Chancen für die Südtiroler Gastgeber in den nächsten Jahren?
Bei uns wird die Spezialisierung stärker zunehmen. Ich denke, dass die Kategorisierung und Klassifizierung an Wert verlieren wird. Denn der Gast wird immer mehr auf die Spezialisierung setzen. Deshalb versuchen wir in Südtirol, uns als Genuss- und Aktivland, das auf Regionalität setzt, zu positionieren. Das heisst, wir pflegen einen engen Schulterschluss mit den Produzenten von lokalen Produkten und der Landwirtschaft. Ich glaube, dass diese Spezialisierung der Betriebe auch für den wirtschaftlichen Erfolg in Zukunft sehr wichtig sein wird.

Südtirol hat als eine der wenigen ­Tourismusdestinationen für die Hotellerie schon früh ein eigenes Online-­Buchungsportal (Booking Südtirol) aufgezogen. Inwiefern läuft dieses Portal beziehungsweise ist es zukunftsfähig?
Wir sind natürlich eine ganz kleine Realität. Rund 2200 Beherbergungsbetriebe sind auf unserem Portal präsent. Diesen bieten wir auch die Möglichkeit, die Direktbuchung auf der Hotelwebseite zu aktivieren. Als Verband sind unsere Mitarbeitenden täglich bemüht, das Angebot zu verbessern. Gegen den Riesen auf dem Markt kommen wir jedoch nie an. Wir werden immer eine kleine Realität bleiben. Aber es geht ja letztlich darum, dass wir versuchen, das Buchungsgeschäft mitzugestalten und somit den Betrieben grosse Provisionszahlungen zu ersparen. Der Erfolg ist durchaus da.

«Wir können nicht mehr auf finanzielle Unterstützungen zugreifen»

In der Schweiz finden zurzeit Verhandlungen betreffend «Eintreibung der Kurtaxe» mit dem Sharing Economy ­Gigant Airbnb statt. Inwiefern ist die Sharing Economy auch in Südtirol Thema? Beziehungsweise gibt es Schritte, die gegen diese Mitbewerber unternommen werden?
Wir stellen bei uns schon fest, dass es zunehmend mehr Airbnb-An­bieter auf dem Markt gibt. ­Allerdings ist bei uns das Ausmass noch nicht so gross wie in Mailand oder Rom. Hinzu kommt, dass bei uns gesetzlich geregelt ist, dass 21 Prozent des Umsatzes, der infolge Vermietung von Privatwohnungen erzielt wird, an den Fiskus geht.

Stichwort staatliche Unterstützung finanzieller Art: In der Schweiz existierten die SGH sowie weitere Finanzierungs­instrumente, in Österreich kennt man die ÖHT. Inwiefern existieren in Südtirol finanzielle Möglichkeiten von staatlicher Seite her?
Lange Jahre haben wir für qualitative Investitionen ganz schöne Zuschüsse von Seiten der öffentlichen Hand erhalten, mittels geförderten Darlehen et cetera. Zum heutigen Zeitpunkt schaut das allerdings ganz anders aus. Es gibt eigentlich fast nichts mehr, obwohl nach wie vor der Eindruck besteht, da gebe es etwas. Das heisst, heute sind wir definitiv nicht mehr der Sektor, der auf Unterstützung zugreifen kann. Aber man muss auch sagen, beim derzeitigen Zinsniveau ist das auch kein Thema für uns. Man verhandelt mit den Banken ordentlich, und dann passt das schon. Zudem gibt es noch diverse Steuerbegünstigungsaktionen.

«Betreffend Investitionen sind wir in Südtirol gut aufgestellt»

Wie sieht es grundsätzlich betreffend Investitionsbedarf in Südtirol aus?
Wir sind gut aufgestellt, auch wenn die Hotellerie und Gastronomie immer wieder gefordert ist. Insbesondere unsere grösstenteils familiär geführten Betriebe erfinden und positionieren sich immer wieder neu und investieren auch entsprechend in ihre Betriebe. Was dazu führt, dass wir momentan einen ziemlichen Investitions-Boom erleben, der vor allem in Richtung Qualität geht und nicht mehr nur hin zu mehr Betten.

Was wünschen Sie sich für Ihre weitere Amtszeit sowie die gastgewerbliche Branche im Allgemeinen in den nächsten Jahren?
Beste Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, sodass wir in erster Line wieder Gastgeber aus Leidenschaft sein können. Zudem wünsche ich mir, dass der Übergang auf die neue Generation bestens klappt und deren Motivation für den Tourismus die gleiche bleibt, wie diejenige von unserer Generation.

Ein Lieblingsrestaurant
Manfred Pinzger geht gerne ins Restaurant zur Rose von Herbert Hintner (Foto) im Weindorf Eppan: «Das ist ein Betrieb, der seit über 20 Jahren seinen Michelin-Stern verteidigt, auf Regionalität und Authentizität setzt und mit lokalen Produkten aus der heimischen Landwirtschaft die Gäste zu begeistern weiss.»

 

 

 

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