«Wir müssen jetzt das Vertrauen der Gäste gewinnen»

Esther Friedli, wie urteilen Sie über die Lockerungen, welche der Bundesrat am 29. April 2020 beschlossen hat?
Esther Friedli: Ich bin positiv überrascht, dass er für vieles in der Branche eine Perspektive gegeben hat. Das ist aber nur deshalb passiert, weil der Bundesrat von diversen Seiten unter Druck gekommen ist – unter anderem auch dank GastroSuisse.

Nicht alle Wirte freuen sich über die Lockerungen. Sie argumentieren, dass die Fixkosten bleiben, das Restaurant aber wegen den Abstandsvorschriften nicht auf die vollen Erträge komme. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass die Betriebe rasch öffnen und so wenigstens einen gewissen Umsatz erwirtschaften können. Ich bin mir bewusst, dass dies betriebswirtschaftlich eine Herausforderung wird. Wir müssen jetzt aber Erfahrungen sammeln und das Vertrauen der Gäste gewinnen, in dem wir uns an die Hygiene- und Abstandsregeln halten und den Gästen einen schönen Aufenthalt im Restaurant ermöglichen.

Wie sind Sie in Ihrem Betrieb vorgegangen?
Wir haben vergangene Woche diverse Varianten diskutiert und Abstände zwischen den Tischen gemessen. Schwierig ist, dass wir noch nicht wissen, wie das Schutzkonzept von GastroSuisse konkret aussieht. Allerdings ist jeder Gastronom selbst gefordert. Wir funktionieren beispielsweise unseren Saal als Gaststube um. Eine Gruppe von acht Leuten könnten wir mit zwei Tischen bedienen.

Wie haben Sie bis jetzt auf die Krise reagiert?
Wir haben Kurzarbeit eingegeben, das wurde bewilligt. Kredit haben wir keinen beantragt. Wir sind der Meinung, dass Unternehmer so wirtschaften sollten, dass sie drei, vier Monate überleben können. Aber ich weiss, das ist teilweise schwierig. Das Gebäude gehört uns, wir haben darauf jedoch eine Hypothek. So überweisen wir korrekterweise jeden Monat einen Mietzins an die Liegenschaft.

Die Mieten sind für viele Beizer ein grosser Kostenfaktor.
Jene mit einer Umsatzmiete haben Glück. Aber der Kostenanteil beträgt je nach Betrieb 6 bis 30 Prozent. Für die Sondersession liegen verschiedene politische Lösungsvorschläge auf dem Tisch. Es überzeugt mich noch keiner wirklich. Ich werde deshalb in den nächsten Tagen Gespräche führen, welche Lösungen für die Branche am besten wären. Am liebsten wäre mir eine direkte Einigung zwischen dem Vermieter und dem Mieter. Hier sollten die Vermieter auch an die eigene Zukunft denken und den Mietern entgegenkommen. Die Vermieter wollen ja keine leeren Gebäude.

Haben Sie in dieser Krise daran gedacht, Ihren Landgasthof Sonne, Haus der Freiheit, aufzugeben?
Nein, wir waren immer positiv gestimmt, dass wir unseren Betrieb eines Tages wieder öffnen dürfen. Wir haben in den vergangenen Wochen die Terrasse gestrichen, den Eingang zur Treppe neu gestaltet und das Haus entrümpelt. Und seit dem Bundesratsbeschluss mit dem genauen Datum der Wiedereröffnung sind nun auch wieder erste Reservationen eingetroffen.

Was machen Sie in den nächsten Tagen?
Wichtig ist, das Personal auf die neuen Bestimmungen zu schulen. Wir versuchen, bei den Gästen das Vertrauen zurückzugewinnen, indem wir ihnen aufzeigen, dass wir die Hygiene- und Abstandsregeln ernst nehmen. Wir stellen im Restaurant auch Desinfektionsmittel zur Verfügung. Dann nehmen wir jeden Tag so, wie er kommt, und hoffen auf einen sonnigen Sommer, denn wir haben eine grosse Gartenterrasse. Ich glaube, unter freiem Himmel kehrt das Vertrauen rascher zurück. Verbringen Schweizerinnen und Schweizer ihre Ferien tatsächlich vor allem in der Schweiz, profitiert die Gastronomie und Hotellerie davon. Bei uns kann man ja auch übernachten. Wir bieten sieben Doppel- und ein Einzelzimmer sowie ein Massenlager für 18 Leute an.

GastroSuisse-Präsident Casimir Platzer hat nun weitere Forderungen an den Bundesrat und an die Politik formuliert. Was ist für Sie besonders wichtig?
Ich verstehe, dass jetzt viele Forderungen für weitergehende Entschädigungen verlangt werden. Ich bin aber vorsichtig, weil diese auch immense Kosten verursachen, die letztlich der Steuerzahler – also wir alle – übernehmen müssen. Mein Ansatz ist deshalb: Möglichst rasch wieder arbeiten, um Umsatz zu generieren. Der Bundesrat hat gut gehandelt und rasche Lösungen über Kurzarbeit, EO-Entschädigungen und Kredite gesprochen.

Ohne weitere Zusagen des Bundesrats werden viele Betriebe nicht überleben. Sie leiden unter den Schutzmassnahmen der Regierung.
Der Staat hat im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus die Schliessung der Gastrobetriebe verordnet. Deshalb ist er jetzt auch in der Pflicht und muss helfen. Aber als Liberale bin ich dagegen, dass der Staat alles entschädigt. Er sollte die Unternehmer jetzt vor allem entlasten, beispielsweise durch eine vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer. Das bedeutet mehr Liquidität. Auch bin ich für das Aussetzen der Beherbergungs- und Gastwirtschaftsabgabe, wie es der Kanton St.Gallen macht. Wünschenswert wäre es, uns zusätzlich in administrativen Belangen zu entlasten, damit wir uns auf die Gesundheit der Gäste und unserer Mitarbeitenden konzentrieren können.

Wie fühlen Sie sich als Parlamentarierin, die in dieser «ausserordentlichen Lage» eigentlich nichts zu sagen hat?
Es ist wichtig, dass das Parlament möglichst wieder rasch das Zepter in die Hand nimmt. Bis zum 8. Mai treffen wir uns in einer ausserordentlichen Session und legitimieren demokratisch die Massnahmen des Bundesrats. Die SVP fordert eine rasche Beendigung des Lockdowns, weil dieser eine massive Einschränkung verschiedener Grund- und Freiheitsrechte bedeutet. So hat der Bundesrat zum Beispiel das Recht auf Versammlung massiv eingeschränkt. Er möchte dies ja erst im Juni lockern. Auch fordere ich, dass Einrichtungen wie Campingplätze oder Zoos rasch öffnen.

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GastroSuisse über die Lockerungen
GastroSuisse-Präsident Casimir Platzer kommentiert die Lockerungen des Bundesrats so: «Das sind gute Nachrichten; die Branche hat eine Perspektive erhalten. Die schrittweise Öffnung ist jedoch auch eine Herausforderung, vor allem betriebswirtschaftlich.» Umso wichtiger sei es, dass der Bundesrat und die Politik auch bei den weiteren Forderungen des Gastgewerbes rasche Fortschritte erzielen:
• Bei der Kurzarbeitsentschädigung etwa sollten die BVG-Beiträge des Arbeitgebers übernommen werden.
• Die pauschale Entschädigung für angestellte Unternehmer müsse erhöht werden.
• Stossend seien die zum Teil extrem tief ausfallenden EO-Entschädigungen für Selbstständigerwerbende respektive Einzelunternehmende.
• In der streitigen Mietzinsfrage sollte der Bund unbedingt eine klärende Lösung erlassen.
• Der Nullprozent-Zins für die Überbrückungskredite bis 500 000 Franken müsse über die gesamte Laufzeit gelten.

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