«Wir verlangen ­Planungssicherheit, damit wir eine ­Perspektive haben»

GastroJournal: Casimir Platzer, der Bundesrat hat die Branche bei der Bekanntgabe der Lockerungen am 16. April 2020 mit keinem Wort erwähnt. Wie konnte das passieren?
Casimir Platzer: Der Bundesrat hat wohl bezüglich des Gastgewerbes noch keine Einigung gefunden. Aber darüber hätte er informieren müssen, statt einfach nichts zu sagen. Das ist eine riesige Enttäuschung für unsere Mitglieder und inakzeptabel. Wir sind jene Branche, die als Erste von den eingeführten Massnahmen betroffen war, und wir dürften auch die Branche sein, die am längsten unter diesen leidet.

Was würde passieren, wenn die Restaurants in der Schweiz tatsächlich erst im Juni 2020 eröffnen können?
Wir haben verschiedene Szenarien gegeneinander abgewägt. Könnten in der ganzen Schweiz die Restaurants erst im Juni öffnen, hätte das verheerende Auswirkungen auf die gesamte Branche. Das Risiko ist gross, dass sehr viele Betriebe gar nicht mehr öffnen.

Die Rede ist von 30 bis 40 Prozent. Wie kommt GastroSuisse auf so eine Zahl?
Wir stützen uns dabei auf Rückmeldungen unserer Mitglieder. Das heisst nicht zwingend, dass 30 Prozent aller Restaurants Konkurs gehen. Ein Teil wird nicht mehr öffnen, weil die Perspektive und der Glaube an eine Zukunft fehlen. Bereits nach dem Veranstaltungsverbot Anfang März sagten 12 Prozent unserer Mitglieder, sie hätten Mühe zu überleben. Darunter gibt es viele Betriebe mit guten Konzepten, die aber aufgrund der tiefen Margen keine grossen Reserven anlegen konnten oder erst kürzlich öffneten.

War es ein Fehler, dem Bundesrat das Heft beim Zeitpunkt der Wiedereröffnung zu überlassen?
Nein. Wir als Verband können nicht entscheiden. Der richtige Zeitpunkt muss vom Bundesrat in enger Zusammenarbeit mit Experten definiert werden. Ich freue mich für jede Branche, die von gelockerten Bestimmungen pro­fitiert. Allerdings hat der Bundesrat bei den Lockerungsmassnahmen teilweise unglücklich entschieden; ich denke beispiels­weise an die kleinen Läden, die erst nach den Supermärkten ten­denziell die gleiche Waren verkaufen dürfen.

Was genau hat GastroSuisse dem Bundesrat vorgeschlagen, um ­ebenfalls vorzeitig die Betriebe öffnen zu können?
Der Hauptteil des Konzepts, das wir bereits vor Ostern nach Bern schickten, besteht aus drei Punkten: Erstens wird die maximale Anzahl der Gäste begrenzt. Zweitens müssen Distanzregeln eingehalten werden, und zwar zwischen den Tischen, von Stuhllehne zu Stuhllehne und auch von Personen, die sich an einem Tisch befinden. Eine Ausnahme gilt höchstens für Personen aus demselben Haushalt. Drittens sind die Mitarbeitenden überall dort zusätzlich mit Schutzmasken und -handschuhen zu schützen, wo die Distanzregel schwierig einzuhalten ist. Im Service könnte man das Essen und die Getränke jeweils über eine Theke bereitstellen, und der Gast übernimmt die letzten zwei Meter. Da jeder Betrieb anders ist, ist die konkrete Umsetzung im Detail Sache des einzelnen Gastgebers, der wiederum auf die Eigenverantwortung der Gäste angewiesen ist. Die Wirte sollen nicht Polizei spielen müssen.

Solche Massnahmen können Gäste abschrecken.
Das Ambiente wird nicht das gleiche sein wie zu normalen Zeiten. Doch dieses haben wir leider noch länger nicht. Klar ist auch: Wenn man die Zahl der Sitzplätze reduzieren muss, lässt sich das Lokal nicht mehr zu 100 Prozent auslasten, was automatisch zu tieferen Umsätzen führt. Das muss ein Unternehmer beim Einsatz der Mitarbeitenden entsprechend planen, was eine gros­se Herausforderung ist. Laut einer Tamedia-Umfrage wollen 29 Prozent der potenziellen Kundschaft sofort ins Restaurant. Die Zahl hört sich klein an. Aber sie besagt gleichzeitig, dass rund 2,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer ein Bedürfnis haben, wieder auswärts essen zu gehen. Das sind sehr viele Menschen!

Wie geht es nun weiter?
Wir verlangen Planungssicherheit und ein Datum, damit unsere Mitglieder eine Perspektive haben. Mit grösster Wahrscheinlichkeit werden nicht alle Betriebe zum gleichen Zeitpunkt öffnen können. Für Clubs, Diskotheken, Konzertlokale und je nach Konzept auch für Bars könn­te es noch länger dauern. Ein Restaurant mit einer festen Anzahl Sitzplätze hingegen lässt sich gut kontrollieren. Kommt dazu, dass bei der Corona-Situation in der Schweiz grosse regionale Unterschiede bestehen. Die Romandie und das Tessin sind stärker betroffen als die Deutschschweiz. Deshalb könnte es auch sein, dass es kantonale Unterschiede beim Zeitpunkt der Eröffnung geben wird.

Was raten Sie den Mitgliedern?
Was soll ich raten? Ein grosses Problem ist die Planungsunsicherheit; das erlebe auch ich in meinem Betrieb in Kandersteg. Genau deshalb benötigen wir eine Perspektive, einen konkreten Zeitpunkt, damit wir als Unternehmer auch unsere Mitarbeitenden informieren können. Sie sind ebenfalls im Ungewissen. Unternehmer erhalten vom Bund noch immer nur 3320 Franken pro Monat. Das muss sich doch ändern. Wir haben mehrmals in Bern interveniert. Nach meinem Wissensstand sollte dieser Betrag korrigiert werden. Wann es so weit ist, weiss ich allerdings nicht.

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