Wo Licht ist, ist auch Schatten

Die Nachfrage im Intercity- und Eurocityverkehr ist in den ersten 57 Betriebstagen des Gotthard-Basistunnels um rund 30 Prozent gestiegen, teilten kürzlich die SBB mit. Doch schlägt sich dieses Plus auch auf das gastgewerbliche Tessin nieder, und ist man diesem «Ansturm» überhaupt gewachsen? Ja, heisst es hier. Nein, heisst es dort: Kontroversen.

Februar in Lugano. Die Stadt im Winterschlaf – zumindest touristisch. «Ich könnte meine Zimmer gratis auf ein Portal stellen, und trotzdem würde sie niemand nehmen», sagt Gastgeber Federico Haas vom Hotel Delfino. Haas zählt zu den wenigen, die trotz Winter-Baisse ihren Betrieb nach wie vor ganzjährig offen halten – wenn auch personell sehr reduziert. Fragt man den Hotelier, wie es ihm geht, mal abgesehen von der ruhigen Wintersaison, so antwortet er: «Schwierig. Seit dem Eurosturz 2011 und der Mindestkursaufhebung 2015 können wir bei unseren Betrieben praktisch nur noch Werterhaltung betreiben. Denn während die Kosten stetig gestiegen sind, sind gleichzeitig die Margen geschrumpft.» Hinzu komme eine fehlende tourismuspolitische Lobby sowie eine ebenso fehlende Unterstützung von Seiten der Banken: «Warum muss ich als Hotelier mehr Zinsen zahlen, nur weil ich Hotelier bin? Das geht momentan einfach in eine falsche Richtung.»

In diesen fordernden Zeiten kommt, möchte man meinen, eine Eröffnung wie die des Gotthard-Basistunnels gerade richtig. So sieht es zumindest Ticino Turismo-Direktor Elia Frapolli: «Die Eröffnung ist ein Meilenstein, der einen Strukturwandel in der touristischen Infrastruktur stimuliert und neue Möglichkeiten schafft. Sowohl von privater als auch von öffentlicher Seite wurde und wird massiv in die Infrastruktur investiert.» Alles in allem betrage das Investitionsvolumen der Projekte im Tessin, die bereits realisiert sind oder kurz vor der Eröffnung stehen, weit über eine halbe Milliarde Franken. Doch reicht das? «Noch nicht», findet Gastgeber Federico Haas. Für ihn gibt es trotz Offensive nach wie vor zu viele Betriebe im Tessin, die sich erst in der Anfangsphase der Neuerung befinden: «Wir haben für die Vorbereitungen auf die Eröffnung des Basistunnels keine gemeinsame Strategie entwickelt – unter anderem, weil wir keine zeitlichen und finanziellen Ressourcen hatten, um Szenarien auszuloten, wie wir die Betriebe solide aufstellen können.» Hinzu komme, dass der Gast, der nun insbesondere durch die Angebote der SBB ins Tessin geführt werde, vielerorts nach wie vor auf ein tourismusfeindliches Umfeld stosse. «Da haben wir ein Problem, das bereits an der Basis beginnt. Nehmen wir beispielsweise das Thema Nachwuchs. Wenn ein Junger in der Schule sagt: ‹Ich möchte Koch werden›, dann heisst es, ‹willst du nicht lieber ins Gymnasium?›.»

Dass trotz Investitionen nicht alles glänzt, ist sich Elia Frapolli durchaus bewusst: «Es gibt im Tessin Betriebe, die mit dem Wandel im Tourismus nicht mehr Schritt halten können und somit nicht mehr wettbewerbsfähig sind.» Aber mit dem neu eingeführten Hospitality Manager (siehe GJ43/2016) sieht er hier eine gute Möglichkeit, Abhilfe zu schaffen. Die Einführung des Hospitality Managers ist dann auch für Haas «eine gelungene Initiative», wenn letztlich auch nur eine punktuelle Hilfe. Denn zurzeit wisse man noch nicht, wie lange es dieses Projekt überhaupt geben werde. Betreffend Weitsicht hat Haas ohnehin ein wenig Mühe im Tessin. Kritik äus­sert er zudem an den Verwaltungsräten der regionalen touristischen Organisationen (OTR), die mehr Mut zeigen dürften, gerade mit dem neuen Tourismusgesetz. «Aber in diesen Gremien sitzen einfach zu wenig Unternehmer. Da wird Politik gemacht von Leuten, die über keine touristische Fachkompetenz verfügen und deshalb nicht wissen können, wohin die Reise langfristig gehen soll.»

Wohin sie geht, ist zurzeit auch bei der Aktion Ticino-Ticket (siehe GJ38/2106) noch fraglich. Denn diese wird zwar seit der Einführung rege genutzt: «Seit dem ersten Januar sind in den Hotels, Jugendherbergen und Campingplätzen insgesamt 21 000 Ticino-Tickets ausgestellt worden», teilt Frapolli mit, «und die Hotels sind zufrieden, weil ihnen das Ticino-Ticket einen echten Mehrwert bietet, um wettbewerbsfähiger zu sein.» «Aber», gibt wiederum Haas zu bedenken, «das Ticket ist bislang nur bis 2018 finanziert. Was kommt danach?» Die Antwort, wenn auch noch ziemlich offen, liefert Frapolli: «Ticino-Ticket ist eine Marketingaktion mit dem Ziel, 2017 die Übernachtungszahlen in den Beherbergungsbetrieben anzukurbeln und von der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels zu profitieren. Da die ersten Rückmeldungen sehr positiv waren, arbeiten zurzeit alle Partner im Tessin daran, das Ticino-Ticket auch ab 2018 zu sichern.»

 

Lichtblick im Tessin: Pilotprojekt Mitarbeitersharing

Seit 2015 läuft das Pilotprojekt Mitarbeitersharing «Im Sommer am See, im Winter im Schnee», das vom Seco unterstützt und von der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur koordiniert wird. Sinn und Zweck: Hotel- und Gastronomiebetriebe wollen gemeinsam saisonalen Fachkräften eine ganzjährige Stelle anbieten und sie so langfristig an ihre Unternehmen binden. Auf dem Onlineportal enjoy-summer-winter.ch sind zurzeit rund 24 Mitglieder mit rund 50 einzelnen Betriebe registriert – vorwiegend aus den Kantonen Graubünden und Tessin. «Wir sind in der Testphase voll auf Kurs», freut sich der Tessiner Gastgeber Federico Haas, der sich als Teilnehmender für dieses Projekt stark macht: «Eine meiner Mitarbeitenden ist zurzeit in der Lenzerheide. Das ist ein riesiger Gewinn sowohl für sie wie auch für mich und meinen Betrieb. Denn sie kann ihr Deutsch verbessern, wird gefordert, kann viel lernen und bringt neue Energie in unseren Betrieb.» Hinzu komme, dass eine nahtlose Überbrückung beider Saisonalitäten auch ein Gewinn für den ­jeweiligen Kanton sei, da dadurch die saisonal bedingte Arbeitslosigkeit eliminiert werde. «Eine Ausdehnung dieses Projektes auf nationaler Ebene wäre deshalb begrüssenswert», betont Haas.

enjoy-summer-winter.ch

 

 

 

Aktuelle News