Zukunftsdenkerin Nicole Brandes am «Forum für Frauen im Gastgewerbe»

Nicole Brandes ist gefragter internationaler Management-Coach, Buchautorin sowie Partnerin des Zukunftsinstituts und gilt als wichtige Vordenkerin Europas.

GastroJournal: Was ist Leadership 4.0?
Nicole Brandes: Einfach ausgedrückt: Human Leadership. Führen heisst in Zukunft noch viel mehr, den Menschen in seinen Bedürfnissen abzuholen. Technologie entwickelt sich rasant, aber die Bedürfnisse der Menschen sind wie vor Tausenden von Jahren die gleichen. Zugehörigkeit kann man nicht downloaden, Verbundenheit ist keine App, und Sinnhaftigkeit kann man nicht digitalisieren. Das heisst, künftige Leader müssen nicht nur digital und technisch aufrüsten, sondern sich auch noch viel mehr in ihrer Menschlichkeit weiterentwickeln. Der Zukunftsexperte John Naisbitt bringt es auf den Punkt: «Je mehr Hightech, desto mehr Hightouch brauchen wir.»

Durch die Digitalisierung bleibt das Menschliche heute aber meist auf der Strecke.
Wir digitalisieren zurzeit alles, was digitalisiert werden kann. Dabei geht der Blick dafür verloren, wo es sinnvoll ist und wo nicht. Nehmen wir beispielsweise die künstliche Intelligenz (KI). Sie leistet uns in vieler Hinsicht sehr wertvolle Dienste. Aber leider ist sie heute auch so weit, dass wir uns sogar einen Liebes­partner nach unseren Bedürfnissen hyperindividualisiert und -personalisiert zusammenstellen können. Früher hat KI einfach Befehle entgegengenommen. Heute klingt sie wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch und wird immer empathischer. Technologie soll uns sicherer, schneller und effizienter machen, aber nicht Beziehungen ersetzen. Das hat enorme Auswirkungen auf unser menschliches Dasein. Wir müssen uns gut überlegen, wie der Mensch mit Technologie leben soll.

«Die Bedürfnisse der Menschen sind die gleichen geblieben»

Wie machen wir das?
Das ist eine komplexe Frage, weil alles zusammenhängt, denn Technologie verändert alles − wie wir leben, lieben und wirtschaften. Wir brauchen also das Bewusstsein, dass digital zum Standard wird, aber emotional der Schlüssel ist. Das Nicht-Digitalisierbare wird immer wertvoller. Und das müssen wir fördern. Beispielsweise indem wir Fähigkeiten wie Stärkung der Resilienz, Umgang mit Menschen aus unterschiedlichen Generationen, Geschlechtern und Kulturen, Konfliktfähigkeit, Beziehungsfähigkeit, Kreativität und vernetztes Denken bereits von frühen Kindesbeinen an fördern. Diese Fähigkeiten gehören künftig zu den Top-Skills. Weiche Faktoren sind die harte Währung der Zukunft.

Und wo befinden wir uns beziehungsweise unsere Führungskräfte in Sachen Leadership 4.0?
Am Anfang, denn wir sind alle an allen Fronten gefordert: Wir werden uns in den nächsten 20 Jahren schneller und drastischer verändern als in den letzten 300 Jahren. Umso mehr brauchen wir Menschen, die vorausgehen und sich für eine Zukunft einsetzen, in der wir Technologie nutzen und Menschen nützen, nicht umgekehrt. Und dafür wiederum braucht es ein Bewusstsein, was uns als Menschen ausmacht und was es für das menschliche Dasein benötigt. Effizienz ist nicht die Basis für ein glückliches Leben, Beziehungen und Emotionen schon. Dort findet das wahre Leben statt.

Wir sind hier an einem Frauenforum. Wie schaut es mit Frauen in Führungspositionen aus?
Wir haben einen langen Weg hinter uns, haben aber auch noch einen langen vor uns. Und den müssen wir gehen. Wir leben im Zeitalter der Opportunitäten. Noch nie gab es so viele Möglichkeiten. Ich wünsche mir, dass Frauen noch viel mehr den Mut haben, nicht auf Chancen zu warten, sondern selbst Chance zu sein. Und dass sie sich für Chancengleichheit und nicht Gendergleichheit einsetzen. Das bedeutet, Unterschiede anzuerkennen, zu respektieren und zu zelebrieren, weil genau da die Vorteile liegen! Wir brauchen beide Qualitäten am Tisch. Diese Unterschiede brauchen unterschiedliche Ansätze und Arbeitsmodelle zu gleichen Chancen. Frauen sind ein wichtiger Teil der Zukunft. Erst recht im Zeitalter der Technologie. Dazu brauchen wir Frauen, die Vorbilder in diesem Sinne sind, dass andere Frauen es ihnen gleichtun. Und wir brauchen Männer, die Frauen in Vorbildfunktionen einsetzen und das auch zeigen.

Wie bringe ich Frauen dazu, sich nicht nur im Betrieb, sondern auch auf Verbandsebene, in der Politik, in der Öffentlichkeit zu engagieren?
Chancengleichheit scheitert nach wie vor meist an veralteten Rollenbildern. Auch wir Frauen müssen unseren Beitrag leisten, diese abzubauen – auch bei uns selbst. Ausserdem würde ich es begrüssen, wenn viel mehr Frauen ihre eigene Haltung gegenüber der Frauenquote überprüften. Ich sehe sie als Katalysator und als Chance, nicht als Makel.

«Weiche Faktoren sind die harte Währung der Zukunft»

Apropos Bilder: Wie kann man das Bild vom Beruf, den Berufsstolz bei den Mitarbeitenden fördern?
Indem man Mitarbeitende viel mehr zu Mitgestaltern macht. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan und beinhaltet das Überdenken von Aufgabenbereichen und Verantwortlichkeiten und vielem mehr. Aber wir kommen nur weiter, wenn wir neue Dinge ausprobieren. Wichtig ist sicher, eine ansteckende Vision zu vermitteln. Schauen wir in den Sport: Jedes starke Team hat einen Traum, den die Teammitglieder teilen. Das spornt an. Das begeistert. Da lodert die Leidenschaft. Menschen werden immer von Emotionen, Werten und Bedürfnissen angetrieben und nicht von einer Zahl. Und das wird auch in Unternehmen für den Erfolg zentral.

Was möchten Sie den Forumsteil­neh­merinnen auf den Weg geben?
Hindernisse gibt es immer. Aber wir entscheiden, wie wir damit umgehen. Meine Erfahrung zeigt: Oft stehen wir uns selbst am meisten im Weg. Deswegen arbeite ich mit Frauen stark an ihrem Selbstbild. Das ist die Basis. Ich wünsche mir daher, dass die Ladys viel mehr ihr Eigenbild überprüfen, an ihren Selbstzweifeln arbeiten und so ihren (Selbst-)Wert verbessern. Dann können sie mit neuem Selbstvertrauen im Herzen und einem neuen Leuchten in den Augen aus dem eigenen Schatten treten und sagen: «Hier bin ich – mit meiner ganzen weiblichen Genialität!»

www.fforum-gastrosuisse.ch

 

Teilnehmerinnen des Forum für Frauen im Gastgewerbe über Berufsstolz und Führung

Gasthof Rössli, Wohlen

GastroJournal: Wie fördern Sie den Berufsstolz in Ihrem Betrieb?
Rita Camenzind: Da ich zurzeit keine Lernenden ausbilde, versuche ich den Berufsstolz und die Leidenschaft für diesen Beruf durch mein Engagement in der Branche sowie als Mitglied des Schweizerischen Kochverbandes zu vermitteln, denn wir benötigen kompetente Fachkräfte, um die Vielfalt dieses Handwerkes sowie die Qualität und die Innovation dieses Berufes bieten zu können!

 
THEPOINT Beisl GmbH

GastroJournal: Was ist Ihnen als Führungsperson wichtig?
Karin B. Hanser: Das Wichtigste ist für mich, gegenseitig Vertrauen aufzubauen und dieses auch langfristig zu festigen, sodass die tägliche Arbeit für mich wie auch meine Mitarbeitenden gewinnbringend ist – menschlich wie auch betriebswirtschaftlich.


Berggasthaus Niederbauen

GastroJournal: Wie fördern Sie den Berufsstolz in Ihrem Betrieb?
Christine Ineichen:
Ich fördere unseren Berufsstolz, indem ich meine Mitarbeitenden wertschätze, sie zu fairen Anstellungsbedingungen beschäftige, sie sich weiterbilden können und ich Verantwortung abgebe. Das gelingt mir mal mehr und mal weniger; aber Berufsstolz ist nicht billig zu haben, denn er verlangt von uns ein ständiges Arbeiten an uns selbst sowie an unserer Dienstleistung.

 
Hotel Alpenblick, Wilderswil

GastroJournal: Was ist Ihnen als Führungsperson wichtig?
Yvonne Stöckli:
Dass ich meine Mitarbeitenden richtig erfassen kann: Denn je besser ich deren Stärken und Schwächen kenne, desto einfacher kann ich sie zum Erfolg führen. Dazu brauche ich aber auch die Unterstützung von loyalen Mitarbeitenden im Team. Als Führungsperson ist mir zudem wichtig, dass ich jeweils mit positivem Beispiel vorangehe und aufzeige, was sich in unserem Betrieb bewährt hat.

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