Zwei Wiener fürs Wohnzimmerfeeling

Obwohl das Wiener Kaffee Franzl in Romanshorn von Tatjana und Norbert Mahr am Dienstag eigentlich geschlossen hat, befinden sich zwei Stammgäste im Lokal. «Da sind wir zurzeit noch ein wenig kulant, bis all unsere Gäste gemerkt haben, dass wir neu am Dienstag zu haben», erklärt Gastgeberin Tatjana Mahr. Denn bis vor ein paar Wochen war das Franzl durchgehend geöffnet. «Wir mussten übers erste Jahr hinweg zuerst herausfinden, wann wir leere Zeiten haben.» Das Resultat: «Eigentlich nie», sie lacht. «Aber irgendwann musst du anfangen, dich selber zu schützen.

Die Stammgäste haben sich inzwischen verabschiedet, es wird ruhig in der barocken, k.u.k.-geschwängerten Atmosphäre des heimeligen Lokals und Norbert, der bis anhin in der Küche hantiert hat, stösst zur trauten Runde. Das Wort führt aber weiterhin Tatjana: «Ich rede meistens für ihn», sagt sie. Beide lachen: ein einnehmendes, harmonisches Paar mit viel Elan, das sich in Romanshorn mit dem eigenen Wiener Kaffee einen Traum erfüllt hat. Einen Traum, den vor allem Norbert seit Kindsbeinen begleitet, der in einer Wiener Konditorei-­Familie grossgeworden ist und selbst Konditor gelernt hat. Wenig erstaunlich, sind die Klassiker auf der süssen Franzl-Karte wie Malakoff-Torte, Nusstorte et cetera von Norbert selbstgemacht. Aber der Wiener ist inzwischen nicht mehr nur fürs Süsse, sondern längst auch fürs Salzige zuständig. Denn ein echtes Wiener Kaffee ist eben keine klassische Konditorei, sondern vielmehr Gasthaus und des Wieners liebstes Wohnzimmer. So finden sich auf der Karte auch Altwiener Gerichte wie Wienerschnitzel, gebackene Champignons oder Wiener Erdäpfelsuppe.

«Ein Wiener ­Kaffeehaus ist keine Konditorei»

Speziell ist nicht nur der Standort des Franzl fernab der Kaiserstadt, «wir sind das einzige Wiener Kaffeehaus in der Schweiz», hält Tatjana fest, sondern auch, dass die beiden als Gastgeber tätig sind. Denn die Quereinsteiger haben jahrelang in ganz anderen Berufen gearbeitet. Tatjana war als Friseurin tätig und hat für eine grosse Wiener Friseur-Gruppe einige Filialen geleitet, bevor sie 2012 mit Norbert in die Schweiz kam und sich in ihrem gelernten Beruf selbstständig machte. «Und ich habe in den ersten Jahren nach der Lehre professionell Rollschuhsport und Inlineskating betrieben und konnte bis zum 27. Lebensjahr als einziger Österreicher von diesem Sport leben», erzählt Norbert, der nach den Jahren im Profi-Sport in den Sporthandel wechselte und unter anderem für Puma sowie in den letzten Jahren für die Holy Fashion Group in der Schweiz tätig war.

«Wir lieben das ­entspannte Leben in der Schweiz»

«Ich habe immer gewusst, Tatjana sagt nein, wenn ich sie in Wien frage, ob wir ein Kaffeehaus aufmachen. Aber wenn ich sie im Ausland frage, habe ich eine Chance, weil es hier exklusiv ist», er lacht. Denn das Konzept Wiener Kaffee funktioniere eigentlich überall auf der Welt. Zum Lokal gekommen sind sie zufällig bei einem Sonntagsspaziergang in Romans­horn. «Da stand es, unser Lokal, und war zum richtigen Zeitpunkt zu mieten», erzählen die beiden. Sie hätten sich dann mit ihrem Wiener Kaffee-Konzept und Business­plan beim Besitzer gemeldet, der war begeistert «und wir konnten loslegen». Heisst: Norbert besuchte den Wirte- kurs und im Lokal wurden noch einige Anpassungen gemacht wie Tapeten, Bilder, Bezüge et cetera, mit denen das Wiener Wohnzimmerfeeling Einzug gehalten hat. Denn «wir wollen hier die Kaffeehauskultur so richtig leben», betont Tatjana.

Dass sie exquisite Botschafter der Wiener Kaffeekultur sind, zeigt auch, dass sie kürzlich in den Club der Wiener Kaffeesieder aufgenommen wurden. «Das hat uns sehr gefreut», erzählen die beiden, die mit dieser Auszeichnung in der Branche angekommen sind. Doch nicht nur hier, auch in Romanshorn, wo sie inzwischen auf treue Stammgäste zählen können. Mit Blick in die Zukunft träumen die beiden, die ihr Leben lang für andere Firmen expandiert haben, von der Expansion ihres eigenen Konzeptes. «Denn was in Romans­horn funktioniert, dürfte in Zürich ein Leichtes sein», wie sie festhalten. Aber auch hier: «Wir suchen nicht, wir lassen uns von einem Lokal finden.»

«Ein Wiener Kaffee funktioniert überall auf der Welt»

Wie die beiden Wiener es mit dem Heimweh halten? «Haben wir nicht, wir haben unser Wien ja hier – und wir lieben das entspannte Leben in der Schweiz. Noch einen Almdudler?» Unbedingt! Und danach heisst es: «Habe die Ehre, baba und auf bald, im Wiener Wohnzimmer.»

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